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23. Mai 2012, 10:51 Uhr

Behinderten-Drama in der ARD

Die harte Schule der Inklusion

Von Lisa Goldmann

Integration auf die belehrende Tour: Die ARD will mit dem Drama "Inklusion" zeigen, wie Behinderte voll in der Gesellschaft aufgehen können. Ein halbherziger Versuch - denn den Elan, Behinderte sich selbst spielen zu lassen, hatte das Erste nicht. Da war man schon mal weiter.

Sie meinen es alle nur gut mit Steffi. Ihre Eltern, ihr Lehrer, ihre Mitschüler. Aber Steffi hat keinen Bock darauf, dass es irgendwer gut mit ihr meint. Mit ihr, dem Krüppel. Steffi sitzt im Rollstuhl, sie hat eine spastische Lähmung und richtig schlechte Laune. Steffi und der lernbehinderte Paul sind Teil eines Pilotprojekts an einer Gesamtschule, in der behinderte Schüler "inkludiert" werden sollen. "Inklusion - gemeinsam anders" lautet entsprechend auch der Titel des ARD-Dramas, das von Steffi und Paul erzählt.

Ein Fernsehfilm, der ein sozialwissenschaftliches Konzept als Titel hat, lässt den ganz großen Bildungsauftrag vermuten. Und so ist es auch. "Integration bedeutet, die Behinderten in die bestehende Gesellschaft einzugliedern. Inklusion will die Veränderung der Gesellschaft, so dass man nicht mehr unterscheidet zwischen Behindertsein und nicht Behindertsein", belehrt der junge engagierte Lehrer Albert Schwarz (Florian Stetter) seine Vermählte. So, jetzt weiß auch der Zuschauer Bescheid, der ein bisschen langsamer im Kopf ist.

In Herrn Schwarz' Klasse sitzen Steffi (Paula Kroh) und Paul (Max von der Groeben). Während der vom Bildungsministerium versprochene Schulhelfer nie auftaucht und Steffi mit ihrem Rollstuhl an jeder Feuerschutztür hängenbleibt, müht sich Schwarz gegen Vorurteile von Eltern und Kollegen, die Inklusion zu verwirklichen. Leicht machen es ihm auch Steffi und Paul nicht. Sie versteckt sich hinter einem Panzer aus Zynismus und vergrault alle gut gemeinten Annäherungsversuche, er ist zwar ein netter Kerl, neigt aber zu gelegentlichen Wutausbrüchen. Es ist eine langsame Annäherung von allen Seiten, die der Film beschreibt. Am Ende wird das Versuchsprojekt nicht gänzlich gelingen.

Primetime als Problemzeit

"Inklusion" ist die verfilmte Umsetzung der Uno-Behindertenrechtskonvention. Sie soll die Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben verbessern und trat im Mai 2008 in Kraft. Auch Deutschland hat sie ratifiziert, die Verantwortung liegt bei den Ländern, die nach und nach eigene Gesetze zur Integration verabschieden.

"Inklusion an Schulen ist schon lange ein großes Thema, allerdings nur in Fachkreisen. Das wollten wir ändern", sagt Werner Reuß, Chef von BRalpha, dem Sender, der für den Film verantwortlich ist. BRalpha ist der Bildungskanal des Bayerischen Rundfunks, ein Nischensender, der sich, wie Reuß sagt, die "Menschenbildung" zur Aufgabe gemacht hat. "Dazu gehört auch die Frage, wie wir als Gesellschaft mit behinderten Menschen umgehen."

Neben Informationssendungen und dem "Telekolleg" will BRalpha verstärkt auf eine Vermischung von Bildung und Unterhaltung setzen. Infotainment würde das andernorts heißen. "Dort, wo wir durch Emotionalisierung und Verdichtung das Thema näherbringen können, versuchen wir das", sagt Reuß.

Die Idee scheint aufzugehen, zumindest auf den ersten Blick. Mit dem Projekt hat es der kleine Sender immerhin in die große ARD auf einen prominenten Sendeplatz geschafft. Ein Dokumentarfilm zu diesem Thema würde, wenn überhaupt, niemals zur besten Sendezeit ab 20.15 Uhr ausgestrahlt. Dass es aus Sicht der Quote mutig ist, "Inklusion" am Spielfilmmittwoch zu zeigen, weiß man sicherlich auch in der ARD. Zumindest den sperrigen Titel wollte man dort ändern - BRalpha-Chef Reuß aber hielt daran fest. Es wäre ihm sonst vorgekommen, als würde er seinen Bildungsauftrag verleugnen, meint er.

Integration ja, Geld nein

Regisseur Marc-Andreas Bochert und sein Team haben an einer Berliner Schule recherchiert und mit Lehrern gesprochen. Warum behinderte Menschen immer mehr aus der Öffentlichkeit verschwinden, wie wenig unsere leistungsorientierte Gesellschaft auf Inklusion vorbereitet ist, wie gern Politiker zwar von Integration reden, dafür aber bloß kein Geld ausgeben wollen - das alles zeigt "Inklusion".

Und trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack bei der ambitionierten Produktion zurück: Die beiden Darsteller von Steffi und Paul, Paula Kroh und Max von der Groeben, sind nicht behindert. Sie hätten ernsthaft überlegt, mit behinderten Darstellern zu arbeiten, sagen Senderchef Werner Reuß und Regisseur Marc-Andreas Bochert. Aber das sei weder zeitlich noch finanziell machbar gewesen, das Casting und auch die Dreharbeiten hätten sich zu sehr in die Länge gezogen, und die Mittel des kleinen Spartensenders seien schließlich begrenzt. Kroh und von der Groeben haben sich mit ihren Figuren auseinandergesetzt, beide sind in ihren Rollen glaubwürdig. Aber eben nicht behindert.

Dass es auch anders geht, zeigt die spanische Tragikomödie "Me Too - Wer will schon normal sein", in dem ein Schauspieler mit Trisomie 21 für seine Figur um sexuelle und finanzielle Selbstbestimmung kämpft. Oder die "Polizeiruf"-Episode "Rosis Baby", in der es um die Schwangerschaft einer geistig Behinderten ging. So müssten Filme über Behinderte in Zukunft aussehen.

Denn seien wir ehrlich: Erst wenn die Hemmschwellen, Schauspieler mit Behinderung zu engagieren, abgebaut sind, dann kann man wirklich anfangen, von Inklusion in einer Gesellschaft zu sprechen.


"Inklusion - gemeinsam anders" , Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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