Behinderten-Drama in der ARD Die harte Schule der Inklusion

Integration auf die belehrende Tour: Die ARD will mit dem Drama "Inklusion" zeigen, wie Behinderte voll in der Gesellschaft aufgehen können. Ein halbherziger Versuch - denn den Elan, Behinderte sich selbst spielen zu lassen, hatte das Erste nicht. Da war man schon mal weiter.

BR

Von Lisa Goldmann


Sie meinen es alle nur gut mit Steffi. Ihre Eltern, ihr Lehrer, ihre Mitschüler. Aber Steffi hat keinen Bock darauf, dass es irgendwer gut mit ihr meint. Mit ihr, dem Krüppel. Steffi sitzt im Rollstuhl, sie hat eine spastische Lähmung und richtig schlechte Laune. Steffi und der lernbehinderte Paul sind Teil eines Pilotprojekts an einer Gesamtschule, in der behinderte Schüler "inkludiert" werden sollen. "Inklusion - gemeinsam anders" lautet entsprechend auch der Titel des ARD-Dramas, das von Steffi und Paul erzählt.

Ein Fernsehfilm, der ein sozialwissenschaftliches Konzept als Titel hat, lässt den ganz großen Bildungsauftrag vermuten. Und so ist es auch. "Integration bedeutet, die Behinderten in die bestehende Gesellschaft einzugliedern. Inklusion will die Veränderung der Gesellschaft, so dass man nicht mehr unterscheidet zwischen Behindertsein und nicht Behindertsein", belehrt der junge engagierte Lehrer Albert Schwarz (Florian Stetter) seine Vermählte. So, jetzt weiß auch der Zuschauer Bescheid, der ein bisschen langsamer im Kopf ist.

In Herrn Schwarz' Klasse sitzen Steffi (Paula Kroh) und Paul (Max von der Groeben). Während der vom Bildungsministerium versprochene Schulhelfer nie auftaucht und Steffi mit ihrem Rollstuhl an jeder Feuerschutztür hängenbleibt, müht sich Schwarz gegen Vorurteile von Eltern und Kollegen, die Inklusion zu verwirklichen. Leicht machen es ihm auch Steffi und Paul nicht. Sie versteckt sich hinter einem Panzer aus Zynismus und vergrault alle gut gemeinten Annäherungsversuche, er ist zwar ein netter Kerl, neigt aber zu gelegentlichen Wutausbrüchen. Es ist eine langsame Annäherung von allen Seiten, die der Film beschreibt. Am Ende wird das Versuchsprojekt nicht gänzlich gelingen.

Primetime als Problemzeit

"Inklusion" ist die verfilmte Umsetzung der Uno-Behindertenrechtskonvention. Sie soll die Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben verbessern und trat im Mai 2008 in Kraft. Auch Deutschland hat sie ratifiziert, die Verantwortung liegt bei den Ländern, die nach und nach eigene Gesetze zur Integration verabschieden.

"Inklusion an Schulen ist schon lange ein großes Thema, allerdings nur in Fachkreisen. Das wollten wir ändern", sagt Werner Reuß, Chef von BRalpha, dem Sender, der für den Film verantwortlich ist. BRalpha ist der Bildungskanal des Bayerischen Rundfunks, ein Nischensender, der sich, wie Reuß sagt, die "Menschenbildung" zur Aufgabe gemacht hat. "Dazu gehört auch die Frage, wie wir als Gesellschaft mit behinderten Menschen umgehen."

Neben Informationssendungen und dem "Telekolleg" will BRalpha verstärkt auf eine Vermischung von Bildung und Unterhaltung setzen. Infotainment würde das andernorts heißen. "Dort, wo wir durch Emotionalisierung und Verdichtung das Thema näherbringen können, versuchen wir das", sagt Reuß.

Die Idee scheint aufzugehen, zumindest auf den ersten Blick. Mit dem Projekt hat es der kleine Sender immerhin in die große ARD auf einen prominenten Sendeplatz geschafft. Ein Dokumentarfilm zu diesem Thema würde, wenn überhaupt, niemals zur besten Sendezeit ab 20.15 Uhr ausgestrahlt. Dass es aus Sicht der Quote mutig ist, "Inklusion" am Spielfilmmittwoch zu zeigen, weiß man sicherlich auch in der ARD. Zumindest den sperrigen Titel wollte man dort ändern - BRalpha-Chef Reuß aber hielt daran fest. Es wäre ihm sonst vorgekommen, als würde er seinen Bildungsauftrag verleugnen, meint er.

Integration ja, Geld nein

Regisseur Marc-Andreas Bochert und sein Team haben an einer Berliner Schule recherchiert und mit Lehrern gesprochen. Warum behinderte Menschen immer mehr aus der Öffentlichkeit verschwinden, wie wenig unsere leistungsorientierte Gesellschaft auf Inklusion vorbereitet ist, wie gern Politiker zwar von Integration reden, dafür aber bloß kein Geld ausgeben wollen - das alles zeigt "Inklusion".

Und trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack bei der ambitionierten Produktion zurück: Die beiden Darsteller von Steffi und Paul, Paula Kroh und Max von der Groeben, sind nicht behindert. Sie hätten ernsthaft überlegt, mit behinderten Darstellern zu arbeiten, sagen Senderchef Werner Reuß und Regisseur Marc-Andreas Bochert. Aber das sei weder zeitlich noch finanziell machbar gewesen, das Casting und auch die Dreharbeiten hätten sich zu sehr in die Länge gezogen, und die Mittel des kleinen Spartensenders seien schließlich begrenzt. Kroh und von der Groeben haben sich mit ihren Figuren auseinandergesetzt, beide sind in ihren Rollen glaubwürdig. Aber eben nicht behindert.

Dass es auch anders geht, zeigt die spanische Tragikomödie "Me Too - Wer will schon normal sein", in dem ein Schauspieler mit Trisomie 21 für seine Figur um sexuelle und finanzielle Selbstbestimmung kämpft. Oder die "Polizeiruf"-Episode "Rosis Baby", in der es um die Schwangerschaft einer geistig Behinderten ging. So müssten Filme über Behinderte in Zukunft aussehen.

Denn seien wir ehrlich: Erst wenn die Hemmschwellen, Schauspieler mit Behinderung zu engagieren, abgebaut sind, dann kann man wirklich anfangen, von Inklusion in einer Gesellschaft zu sprechen.


"Inklusion - gemeinsam anders" , Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
joe_f 23.05.2012
1. Weit entfernt von Inklusion
Der Artikel hat mir aus der Seele gesprochen! Ich bin selber körperbehindert und hochgradig schwerhörig. Als Behinderter treffe ich im Alltag auf viele "stumme" (also mehr oder weniger verborgene) Vorbehalte und stelle immer wieder fest, warum Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN erst spät ratifiziert hat: Diese Gesellschaft ist noch weit von einer Inklusion behinderter Mitmenschen entfernt! Stattdessen fühlen sich viele unbehaglich, wenn sie mit Behinderten umgehen müssen. Das liegt meines Erachtens daran, dass behinderte Schüler über Jahrzehnte regelrecht abgeschottet (man denke nur an die Sonderschulen am Ortsrand der Städte und Gemeinden) unterrichtet wurden und Nichtbehinderte selten behinderte Mitschüler hatten. Es ist also nur folgerichtig, dass für diesen Film keine behinderten Hauptdarsteller gecastet wurden...
kleineschnecke 23.05.2012
2. oh mann
Der Film scheint mir trotz Aufklärungsversuch eine eher negative Sicht auf Inklusion vermitteln zu wollen. Wozu wird der Blick auf das Scheitern der Inklusion und die Mängel im Bildungssystem gelegt, die durchaus da sind, was will man damit erreichen? Der Film müsste zeigen, wir gut und unter welchen Bedingungen es klappen _kann_ - damit ein Fortschritt in diese Richtung möglich wird. Ich finde es unmöglich, dass a) die behinderten Rollen mit nicht-behinderten Schauspielern besetzt wurden und b) die behinderten Schüler als zynisch und Inklusion-ablehnend dargestellt werden. Dadurch trägt der Film nicht gerade dazu bei, die Akzeptanz von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft zu verbessern?! Meiner Meinung nach braucht es zur Akzeptanz dieser Menschen in unserer Gesellschaft übrigens keine inklusiven Schulen da Sonderschulen besser auf den Förderbedarf von Kindern eingehen können, die wirklich Förderbedarf haben! Es geht eher darum, wie man außerhalb der Schule und nach der Schule überhaupt mit diesen Menschen umgeht. Und die Kinder, die keinen mehr-Förderbedarf haben, die können einfach auf eine beliebige Schule gehen, egal ob körperbehindert, hörgeschädigt, sehbehindert etc. Meine persönliche These: Inklusion hört bereits da auf, wo über sie gesprochen wird. Gäbe es Inklusion, würde gar nicht über sie gesprochen werden, da Inklusion etwas selbstverständliches ist und dann in ihrem selbstverständlich-sein aufgeht. Vielmehr sollte es selbstverständlich sein, dass Menschen mit jeglichen Eigenheiten, Eigenschaften, Verhaltensweisen, Körperausprägungen etc. grundlegend anerkannt und akzeptiert werden. Wir sind alle Menschen und es sollte einfach keine Unterscheidungen zwischen Menschen getroffen werden. So einfach wäre Inklusion, sie wäre dann von selbst da, wenn ich den jeweils anderen so annehme wie er ist. Man bräuchte sich in der Politik und Bildungspolitik keine Gedanken über die Beschulung von behinderten Kindern zu machen, wenn es selbstverständlich wäre, dass diese Kinder gleichwertig allen anderen Kindern sind. Ich selbst bin von Geburt an Querschnittsgelähmt. Heute rollstuhlfahrende Erziehungswissenschaftlerin und habe mir in meinem Leben nie Gedanken über meine eigene Inklusion gemacht ;-) Vermutlich bin ich deshalb völlig in die Gesellschaft inkludiert. Weil ich mich nie als anders gesehen habe. Weil ich einfach nur ich bin. Ich war einfach so wie ich bin und ging auf eine Schule wie alle anderen auch, dann studierte ich so wie ich bin, neben allen anderen und forderte weder eine besondere Beachtung noch wurde ich von Anderen besonders beachtet. Ich denke, je weniger man selbst seine eigene Behinderung in den Mittelpunkt stellt, umso weniger wird diese auch von der Umwelt wahrgenommen. Das man so wird hängt vermutlich davon ab, wie stark man von seiner Familie geliebt wird. Ich hörte schon so oft "du kommst mir überhaupt nicht behindert vor". Und das trotz meiner offensichtlich vorhandenen massiven körperlichen Einschränkungen (sei es Rollstuhl, Skoliose, verkürzte Sehnen, versteifte Gelenke, Blasen Mastdarmentleerung, Lymphödeme, gehäufte Infekte, Gelenksbeschwerden in Ellenbogen Schultern ...das ganze übliche Angehängsel was eine Querschnittslähmung eben mit sich bringt). Es spielt alles nur dann eine Rolle, wenn man ihm eine Rolle gibt. Also hört auf einander Rollen zuzuschreiben und achtet etwas mehr auf den Menschen dahinter :-) Apell: Liebt einander, seid gut zu einander, seid einfach menschlich. Nehmt euch an so wie ihr seid, gebt euch gegenseitig Kraft. Dafür sind wir Menschen, dafür leben wir. Um der Liebe willen und der Lebensfreude! Viel Spaß :-)
Persiflist 23.05.2012
3.
---Zitat von Artikel--- ...Sie hätten ernsthaft überlegt, mit behinderten Darstellern zu arbeiten, sagen Senderchef Werner Reuß und Regisseur Marc-Andreas Bochert. Aber das sei weder zeitlich noch finanziell machbar gewesen... ---Zitatende--- Dieses Argument gilt dann aber wahrscheinlich nur für Filmarbeiten...
frygeist 23.05.2012
4. Tja...
Klassen dritteln, Schulhelfer in jeder Klasse, Sonderpädagogen, entsprechende Materialien, regelmäßige Schulungen und behindertengerechter Ausbau... wenn die Bundesländer dies finanzieren möchten, dann könnte Inklusion möglich werden...
Johann G. 23.05.2012
5. Genau dadurch wird Inklusion scheitern!
Zitat von frygeistKlassen dritteln, Schulhelfer in jeder Klasse, Sonderpädagogen, entsprechende Materialien, regelmäßige Schulungen und behindertengerechter Ausbau... wenn die Bundesländer dies finanzieren möchten, dann könnte Inklusion möglich werden...
Der Film zeigt mal wieder, dass Inklusion in Deutschland wohl schwerst möglich ist! Weil, wir leben und handeln nach dem Maximalprinzip - mehr Helfer, kleinere Klassen, mehr Ressourcen. Dabei wird vergessen, dass die Ressourcen die Einstellungs- und Haltungsqualität ist. Wenn wir das non-plus-ultra in unserer Gesellschaft in Funktionalismus und Utilitarismus (sowie Anpassung) sehen, schaffen wir nicht mal die Integration! Es ist normal anders zu sein! Leider nicht! Wenn ein Film über Inklusion eine gelungene Integration von einer Person mit körperlichen Behinderungen feiert, die Schule sich selber feiert, die Politik jede gelungene Anpassung feiert, wie in diesem Film - Personen, die jedoch verhaltensoriginell (spontan) sind wieder als gelungene Integration in "Sonder-"einrichtungen abschiebt, dann wird der Titel zur Persiflage! Ein schöner Satz ist: "Inklusion beginnt im Kopf". Hiervon ist der Inhalt des Filmes weit entfernt und zeigt doch wieder die Realität: Die Borniertheit der Gesellschaft.
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