ARD-Echo-Gala Gier frisst Gehirn

Die Klassikschnulzer von Adoro, das angegraute Duo Amigos, Hits aus den Neunzigern: Die Echo-Verleihung erwies sich als plumper Kommerz-Mischmasch, bei dem sich niemand irgendetwas gedacht hatte - auch nicht Moderatorin Ina Müller, die sich mit Sex-Gags um ihre Karriere plapperte.

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DPA

Von den Goldenen Zitronen gibt es ein Lied namens "0.30 Uhr, selbes Ambiente", in dem die Phrasen, die man in Bars und unter Alkohol von sich gibt, karikiert werden. Einer der Dialoge in dem Lied geht so: "Ich mag Menschen." "Ich auch, ich liebe Menschen!" So oder ähnlich muss man sich das Planungstreffen der Veranstalter des Echo-Musikpreises und der ARD vorstellen.

"Wir mögen Musik", sagt ein Echo-Vertreter. "Wir auch, wir lieben Musik!", einer der ARD-Gesandten. In das Meeting herein platzt Moderatorin Ina Müller. "Boah, ihr redet über Musik? Die find' ich auch voll geil!" Berauscht von so viel Gemeinsamkeiten kommt man ins Geschäft und veranstaltet zusammen das fürchterliche Event Echo 2011.

Über drei Stunden zieht sich die Preisverleihung am Donnerstagabend hin, dabei hat man einige Kategorien wie "Beste Gruppe Rock/Alternative International" bereits ausgelagert. Doch das Elend liegt in der Anlage des Abends, nicht in dessen Ausführung. "Die" Musik, speziell die deutsche, mit einem Preis zu ehren, klingt nach großherziger Begeisterung für eine gesamte Kunstsparte - schließlich werden so unterschiedliche Künstler wie Schlagerstar Andrea Berg und Techno-Frickler Pantha du Prince ausgezeichnet. "Keine Schubladen!", gibt Moderatorin Ina Müller als Motto des Abends vor und verleiht den Preis in der Kategorie "Volkstümliche Musik" höchstpersönlich an das angegraute Brüder-Duo Amigos. Aber schon Laudator Til Schweiger versteht diesen Gedanken nicht und findet es offensichtlich lustig, bei der Prämierung des besten Newcomers International erst "Kastelruther Spatzen!" zu sagen, bevor er die wahren Gewinner, das britische Duo Hurts, auf die Bühne bittet.

Natürlich ist Schubladendenken ungeeignet, um Musik einzuordnen. Aber ohne Binnendifferenzierung und Beurteilung geht es eben auch nicht. Was macht zeitgemäßen Pop aus? Wo finden Innovationen statt? Welche Qualitäten muss Musik haben, um wirklich zu bewegen? Eigenständige Antworten auf solche Fragen kann man von jedem erwarten, der sich selbst als musikbegeistert bezeichnet - und noch viel mehr von Menschen, die von Musik leben. Aber beim Echo geht es nicht um die Kunst, sondern ums Geschäft, weshalb man auf einen begründeten Qualitätsanspruch weitgehend verzichtet.

Noch ganz frisch?

Das beginnt schon bei der Eröffnungsnummer. Die Lichter in der Berliner Messe gehen aus und Ina Müller singt plötzlich "Rhythm Is a Dancer" von Snap. Diesen Einstieg muss man erst einmal sacken lassen, doch Müller muss während der ersten Takte gleichzeitig noch ihr Kleid anheben und mit hohen Schuhen die Treppe vom Publikum auf die Bühne bewältigen. Ein unruhiger Start, der noch irritierender wird, als am Bühnenrand HP Baxter von Scooter auf Müller wartet und gemeinsam mit ihr "What Is Love?" von Haddaway singt. "Okay, 20 Jahre Echo", denkt man da, "Jubiläumsgala! Die wollen mit einem Medley wohl die größten Hits von deutschstämmigen Künstlern aus dieser Zeit ehren." Doch dann wird plötzlich todernst "Wind of Change" angestimmt, die Atzen treten kurz auf, anschließend huscht Stefanie Heinzmann auf die Bühne und singt ein paar Takte von Katy Perrys Hit "I Kissed a Girl". Wer sich was bei dieser Auswahl gedacht hat, ist nicht erkennbar.

Momente der Irritation durchziehen fortan den Abend, in fast jeder Kategorie gibt es einen Nominierten, bei dem man denkt: "Noch ganz frisch, liebe Echo-Veranstalter?" Die Klassikschnulzer von Adoro treten in der Rubrik "Gruppe National Rock/Pop" gegen die Fantastischen Vier und Silly an, durchsetzen kann sich aber Ich + Ich. Bon Jovi konkurrieren mit den Kings of Leon um den Titel "Gruppe International Rock/Pop", beide werden von Take That ausgestochen.

Als Gewinner des Abends müssen wohl Lena Meyer-Landrut (ausgezeichnet als beste Newcomerin und Künstlerin national Rock/Pop) und Unheilig (bestes Album und Gruppe Rock/Alternative) gelten. Die schönste Ehrung erhält allerdings Annette Humpe, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird. Max Raabe hält zunächst eine fürchterlich zäh vorgetragene Laudatio auf die NDW-Pionierin, in der er gleichzeitig mehrmals betont, sich kurz fassen zu wollen. Dann spielen Selig den unzerstörbaren Hit "Blaue Augen" von Humpes erster Band Ideal und wie Sänger Jan Plewka danach der Musikerin und Produzentin in wenigen Worten seine Ehrfurcht bezeugt, rührt tatsächlich.

"Ich hoffe, das ist nur Ihr Haustürschlüssel"

Zur Feier des Abends tritt die sonst öffentlichkeitsscheue Humpe mit dem Ideal-Song "Berlin" auf, von Raabe, Plewka und Ich+Ich-Sänger Adel Tawil sehr charmant als Background-Chor begleitet. So vorgetragen, trägt das keine Nostalgie, sondern Geschichtsbewusstsein in sich.

Für sich genommen funktionieren auch die anderen Live-Auftritte, allen voran Adele mit ihrer Bombast-Nummer "Rolling in the Deep". Doch in der Mischung verklumpt das Programm so sehr, dass selbst Take Thats eigentlich sehr spaßiger Auftritt nicht recht zünden will. Wie schon bei den Brit Awards tritt die wiedervereinigte Boyband unter der Begleitung einer Polizei-Einsatztruppe auf und singt ihre neue Single "Kidz". Im britischen Kontext war das als Kommentar zu den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen studentischen Demonstranten und der Polizei zu verstehen. Auf deutscher Bühne wirkt es vor allem over the top, denn um selbstbewussten Pop, der die Zeichen durcheinanderwirbelt und Politik darunter mischt, geht es an diesem Abend nicht.

Ina Müller spricht die politische Weltlage zwar am Anfang an und findet mit der Begründung, Musik tröste, durchaus angemessene Worte, um das kommende Spektakel zu rechtfertigen. Nach einer Reihe von sexlastigen Witzen in ihren Moderationen kann man aber ziemlich sicher sein, dass sich die ARD-Granden nicht an die einfühlsame Eröffnungsmoderation erinnern werden, wenn sie die Show intern bewerten.

An einer Stelle setzte sich Müller auf den Schoß der Chefs von Sony und EMI und fragte, ob man sich auch noch mit 45 Jahren in der Branche hochschlafen könnte. Da der Witz nicht recht zündete, legte sie nach und sagte zu dem Herrn, auf dessen Beinen sie ihren Po platziert hatte: "Ich hoffe, das ist nur Ihr Haustürschlüssel!" Co-Moderator Joko Winterscheidt kommentierte das abgeklärt mit den Worten: "Während Ina Müller sich um ihre Karriere redet, mache ich mal weiter."

So könnte die bittere Pointe dieses Abends werden, dass Ina Müller den Echo kein zweites Mal wird moderieren dürfen, obwohl sie mit mehreren Musikeinlagen und gesungenen Anmoderationen ihre Begeisterung glaubhaft rüberbringt - die Macher dieser zynischen, weil letztlich an Musik uninteressierten Veranstaltung im nächsten Jahr aber weitermachen werden wie bisher.

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insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
schensu 25.03.2011
1. .
Zitat von sysopDie Klassikschnulzer von Adoro, das angegraute Duo Amigos, Hits aus den Neunzigern:*Die Echo-Verleihung*erwies*sich*als plumper*Kommerz-Mischmasch, bei dem*sich*niemand irgendetwas*gedacht hatte*-*auch nicht Moderatorin Ina Müller, die*sich mit Sex-Gags*um ihre Karriere plapperte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,753063,00.html
Sowas hat immer noch ein Publikum? Manche sind scheinbar mit sehr, sehr wenig zufrieden...
runner43 25.03.2011
2. ARD-Echo-Gala
Bravo, Ihr Artikel trifft 100% ins Schwarze! Eine unerträgliche Sendung mit einer noch unterträglichen Moderatorin. Frau Müller benimmt sich nicht wie 45jährige Frau, sondern wie eine pubertierende 17jährige. Ansonsten: Wann bleibt uns die Nicht-Sängerin u. alberne Nervensäge Lena endlich erspart? Ich hoffe, nach dem nächsten Grand-Prix, bei dem sie wohl nicht unter die ersten 10 Teilnehmer kommen dürfte - vorausgesetzt, es wird nicht hinter den Kulissen gemauschelt.
Der Markt, 25.03.2011
3. Grottenschlecht
Die Moderation von Ina Müller war in der Tat peinlich. Ich mochte diese Frau noch nie. Die ganze Veranstaltung kann man sich im Grunde genommen sparen. Die gute Musik wird ja sowieso abseits des Echo und der Charts gespielt. Wenn dann auch noch eine eine Wimmercombo wie "Unheilig" ausgezeichnet wird, das sagt doch schon alles. Als dann auch noch Kai Flaume die Bühne betrat, habe ich abgeschaltet.
frubi 25.03.2011
4. .
Zitat von sysopDie Klassikschnulzer von Adoro, das angegraute Duo Amigos, Hits aus den Neunzigern:*Die Echo-Verleihung*erwies*sich*als plumper*Kommerz-Mischmasch, bei dem*sich*niemand irgendetwas*gedacht hatte*-*auch nicht Moderatorin Ina Müller, die*sich mit Sex-Gags*um ihre Karriere plapperte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,753063,00.html
Ich bin mal beim Zappen für 2 Minuten bei Inas Nachts hängen geblieben. Die pure Folter. Von daher war mir klar, dass diese dauerhaft angetrunkene Trulla das in den Sand setzen würde.
Rübezahl 25.03.2011
5. Die Sendungen im Fernsehen
sind immer noch so Gehirn- und Geistlos, wie Marcel Reich - Ranicki sie ausführlich beschrieben und dargelegt hat.
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