ARD-Ernährungstest mit Mälzer Haut ins Mett, Jungs!

Mampfen mit Tim Mälzer: Der Fernseh-Starkoch wollte für eine TV-Doku wissen, wie gesund sogenannte gesunde Ernährung wirklich ist. Er ließ männliche Testpersonen nach Vorgabe futtern, Wissenschaftler überwachten den Menschenversuch. Ergebnis: Der Körper hält verdammt viel aus.

NDR

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"Was? Das soll nicht ungesund sein?" Tim Mälzer staunt treuherzig in die Augen des Heidelberger Ernährungsexperten Prof. Dr. Peter Paul Nawroth vom Uni-Klinikum, der ihm versichert, dass eine üppige Portion Hamburger Grünkohl mit Schweinebacke, fetter Kochwurst und Kartoffeln für einen fitten Mann zwischen 20 und 40 medizinisch unbedenklich sei. So ein Glück!

"Wenn Sie das aber jeden Tag essen, bekommen Sie ein Problem", schränkt der Professor ein. Schade aber auch, keine Wissenschaft ohne Hintertür. Anlass von Mälzers Grünkohl-Selbstversuch war sein "Ernährungs-Check" für die ARD. Der Hamburger Kochstar wollte genau wissen, wie viel gesundheitlichen Nutzen denn das Essen von Salat, Gemüse und mediterranen Schmankerln gegenüber wuchtiger deutscher Hausmannskost und vermeintlich bösem Fast-Food-Fraß bringt. "Gesünder essen" ist angesagt - und ein flottes Geschäft für Nahrungsmittelindustrie und den Einzelhandel.

Aber brauchen wir das wirklich, die ganzen Ballaststoffe und so? 45 mutige Männer mussten dafür ran, Frauen eignen sich angeblich wegen hormoneller Schwankungen nicht für so einen Test. Gesund waren alle, im besten Alter zwischen 20 und 40 Jahren, und einen Monat lang sollten sie sich einseitig und unter ärztlicher Aufsicht auf eine der drei Küchenarten ernähren. Nur strenge 2000 Kalorien an Energie täglich waren gestattet, damit zum Schluss die Körperwerte fair verglichen werden konnten.

Mitleid von Muttern

Man traf sich regelmäßig zum gemeinschaftlichen Mahl in - was Wunder! - Tim Mälzers Szene-Kochambiente, um den kulinarischen Stresstest zu zelebrieren. Das wurde stimmungsvoll abgefilmt: Frühstück, Mittagessen, Abendbrot, jeweils genau zugeteilt und bereitet von Mälzers Küchenprofis, vertilgt am langen Tisch, man wähnt sich in einer Kumpel-WG. Nun unterhält im TV aber weder das Verspeisen einer Salatplatte noch das Picken in Pommes auf Dauer - also muss der Essensmarathon mit menschelnden Momenten angefüttert werden.

Das Abendessen nahmen manche Probanden mit nach Hause zu Muttern, auch um sich dann wohlfeiles Mitleid der Familie ob dieser monatelangen Beschränkung abzuholen. Schon nach einer Woche nur mit Hamburgern fängt eben auch der härteste Junkfood-Junkie an zu nörgeln. Das böse Stichwort "Energiedichte" gab erste Fingerzeige: Mit so einem eher kleinen Burger plus Käse und einer Lore Pommes ist man schnell bei der entsprechenden Kalorienzahl, und noch schneller ist der Klops verputzt. Aber es ging ja nicht um die Frage "Wie interessant ist Fast Food?", sondern ob man so eine Extremdiät bei guter Gesundheit übersteht.

Bei der mediterran verköstigten Vergleichsgruppe ging's munterer zu: Volle Teller mit Gemüse, Pasta und Pesto, dazu sogar ein Glas Chianti, man fühlte sich wohl in geselliger Runde der elitären Besseresser. Schon wieder was gelernt: Die Überzeugung, Gutes und Gesundes zu essen, führt zu mehr Lebensfreude und Genuss. Beides wichtige Grundvoraussetzungen für körperliche Gesundheit, wie später auch der Heidelberger Ernährungsexperte feststellt.

Essen? Muss Spaß machen!

Bei den Hausmannsköstlern hält sich die Euphorie auch in überschaubaren Grenzen, aber immerhin hat man mit drei Weißwürsten plus Beilagen zum Abendessen handwerklich reichlich zu tun, was die Mahlzeit psychologisch günstig gegenüber den schnell verfressenen Burgern streckt.

Abgerechnet wird zum Schluss, und siehe da: Die Blutwerte aller Testpersonen waren im grünen Bereich, sogar der tägliche Vitaminbedarf wurde bei der Hamburger-/Pommesgruppe beinahe konstant erreicht. Deutlichen Mangel gab es nur bei Vitamin C. "Da trinkt man halt mal ein Glas Orangensaft, schon sind wir bei den erforderlichen Werten", rät die Wissenschaft. Na, also.

Ernährung ist irgendwie immer richtig, so das Fazit, das Tim Mälzers "Ernährungs-Check" am Ende vollmundig verkünden kann. Haut also ins Mett, Jungs, werft die Bouletten ein und frönt dem Grünkohl: Der Körper hält es - zumindest eine Zeit lang - klaglos aus. Auf jeden Fall bei männlichen Menschen, die gesund, nicht über vierzig sind und deren Blutwerte nach nur dreißig Testtagen gemessen werden.

Ob das den Kriterien für eine "wissenschaftliche Untersuchung" genügt, mag dahingestellt sein. Den TV-Machern genügte es, und die Wissenschaftler beriefen sich in ihren Aussagen vornehmlich auf bereits erfolgte Untersuchungen aus ihrer eigenen Praxis. Interessant klingt hier eine weitere Erkenntnis aus Forschermund: Vollkornprodukte und Ballaststoffe allein sorgen nicht für zuverlässigere Verdauung. Bewegung und entsprechender Flüssigkeitskonsum seien viel wichtiger. Das ließ selbst Brot-Fan Mälzer für einen Moment erstaunt verstummen.

Mälzer, das wandelnde gute Gewissen der deutschen Nachwuchsgourmets, plädiert stets gern für solide deutsche Küche und rennt damit beim Kochshow-Publikum offene Türen ein. Sein "Ernährungs-Check" ist denn auch in erster Linie ein wissenschaftlich grundiertes Abfeiern seiner "Essen-nach-Lust-und-Laune"-Philosophie (für die man allerdings gesund sein muss).

Verkaufen geht eben nicht nur durch den Magen, sondern auch übers Wohlfühlen. So schwebt das Motto der TV-Marke "Mälzer" unübersehbar über der Sendung. Und dass sich der gute Mensch Tim den Zahn mit seiner Vollkornkost ziehen lassen musste, menschelt dann schon wieder so fett wie eine Mousse au Chocolat. Auch dagegen ist nichts einzuwenden - aber bitte nicht jeden Tag. Und ohne Sahne.


"Tim Mälzer: Der Ernährungscheck", Montag, 27. Februar, 20:15 Uhr, ARD



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Seite 1
munkelt 27.02.2012
1.
Zitat von sysopNDRMampfen mit Tim Mälzer: Der Fernseh-Starkoch wollte für eine TV-Doku wissen, wie gesund sogenannte gesunde Ernährung wirklich ist. Er ließ männliche Testpersonen nach Vorgabe futtern, Wissenschaftler überwachten den Menschenversuch. Ergebnis: Der Körper hält verdammt viel aus. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,817155,00.html
In den 50er Jahren hieß es: Fleisch ist gesund. in den 70er Jahren: Körner und Rohkost sind gesund. In den 90er Jahren Salat, Gemüse, Fisch sind gesund. Es gibt bis heute keinen eindeutigen Beweis, dass "gesundes Essen" die Gesundheit verbessert.
cassandros 27.02.2012
2. Sendeschluß für Laberlafer & Co. !
Zitat von sysopNDRMampfen mit Tim Mälzer: Der Fernseh-Starkoch wollte für eine TV-Doku wissen, wie gesund sogenannte gesunde Ernährung wirklich ist. Er ließ männliche Testpersonen nach Vorgabe futtern, Wissenschaftler überwachten den Menschenversuch. Ergebnis: Der Körper hält verdammt viel aus. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,817155,00.html
Kann man wohl sagen. Besonders deutlich wird es daran, wieviele solcher unsäglich dämlicher Sendungen ein Mensch aushält! Wie weit die Volksverdummung durch die Flimmerkiste gediehen ist, sieht man daran, daß jeder dieser unablässig den Bildschirm vollquakenden Puddingpanscher mittlerweile als "Ernährungsexperte" durchgeht (oder man uns allen ernstes versucht, dies vorzugaukeln). Die Fähigkeit, ein angebranntes Spiegelei aus einer Pfanne zu kratzen und dabei in die Kamera zu grinsen, ersetzt lange kein Studium der Ökotrophologie oder der Medizin.
noatron 27.02.2012
3. an die Redaktion
Eine Bitte, einmal hätte ich gerne in einem Medium wie dem Ihren, einen objektiven Beitrag zum Thema Ernährung gelesen. Gesund ist, was der Körper tatsächlich braucht und nicht, was der jeweilige Zeitgeist bevorzugt. 1 Gramm Eiweiss/Protein pro Kilo Körpergewicht am Tag! Denn das ist der Wert, den der Organismus zur Zellrekonstruktion braucht, ansonsten kopiert er lückenhaft und das führt zu Muskelschwund, wie wir sehr schön beobachten können. Die Fetthetze sollte endlich ein Ende haben. Alle, ausser Transfette oder andere chemisch veränderte Fettarten, sind dem Menschen zuträglich. Fette sorgen für die Elastizität des Gewebes und sind existentieller, als zum Beispiel das gehypte Obst mit seinem viel zu viel an Säure und Zucker. Und schon sind wir beim nächsten Punkt: Elementar bei gesunder Ernährung ist die BASISCHE Ernährung und da schlägt Omas fette Hühnersuppe 1000 Mal jeden sauren Salat. Kein Zucker, kein Brot, keine Nudeln, wenig Reis, Kartoffen, Gemüse, Fleisch, Nüsse - kein Karies, schöne ausgeprägte Muskulatur, optimale Blutwerte -FIT
Bowie 27.02.2012
4. Wertlos!
Zitat von munkeltIn den 50er Jahren hieß es: Fleisch ist gesund. in den 70er Jahren: Körner und Rohkost sind gesund. In den 90er Jahren Salat, Gemüse, Fisch sind gesund. Es gibt bis heute keinen eindeutigen Beweis, dass "gesundes Essen" die Gesundheit verbessert.
Diese Untersuchung, mit Verlaub und bei sonst aller Wertschätzung gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen, ist wertlos! Denn Ergebnisse, die bei unterscheidlichen Ernährungsweisen in einem derart kurzen Zeitraum keine Veränderungen im Organismus aufweisen, sagen erst einmal gar nichts aus - außer, dass der Körper sehr gut in der Lage ist, sich kurzfristig auf unterschiedlichste Einflüsse einzustellen und sein inneres Milieu konstant zu halten. Ich befürchte allerdings viel mehr, dass Untersuchungen wie diese den Relativisten und Verharmlosern nicht nur unter den kommenden Kommentatoren Tür und Tor öffnen und ihrer langfristigen ungesunden Lebensweise Absolution erteilen, nach dem Motto: alles nicht so schlimm mit der Ernährung, die wissen ja sowieso nichts Genaues, also ess´ich weiter so fett, so süß, so salzig und energiereich, wie bisher...
Xangod 27.02.2012
5. War eigentlich klar!
Natürlich geht es bei dem Terror um angeblich so gesundes bzw. ungesundes Essen nur um Geschäftemacherei in Kombination mit Wichtigtuerei. Oder, Herr Schubeck? Ausreichende Bewegung, Genuß und Lebensfreude sind viel wichtiger - welche Überraschung. Und warum die Griechen mit Ihrer "Mittelmeerdiät" statistisch so alt werden, daß wissen wir inzwischen ja auch!
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