Wir sehen Sadomaso-Fesselsex, ein Abschiedsbrief wird verfasst, ein grausiger Leichenfund im Wald wird gemacht. Hoppla!
So einen Einstieg nennt man wohl suggestiv. Aber ist er auch reißerisch?
Nein. Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und Regisseur Stephan Wagner wussten genau, was sie taten, als sie diese Szenen gegeneinander schnitten. Tatsächlich ist der überfallartige Beginn von "Mord in Eberswalde" ein erster Beleg ihrer meisterlichen Erzählökonomie; er lässt zentrale Motive der Geschichte anklingen und fasziniert.
Die Handlung des ARD-Films fußt auf dem realen Fall des Kindermörders Erwin Hagedorn, der zwischen 1969 und 1971 in der brandenburgischen Stadt Eberswalde drei Jungen missbrauchte und tötete - und erst nach langwieriger Fahndung gefasst werden konnte. 1972 wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet, die letzte zivile Exekution der DDR-Geschichte - und damit auch auf deutschem Boden. Eine 1974 über den Fall gedrehte "Polizeiruf 110"-Folge fiel der Zensur zum Opfer, sie wurde erst 2011 vom MDR in einer rekonstruierten Fassung ausgestrahlt.
Entsprechend geht es Schmidt und Wagner, die gemeinsam bereits hochkarätige TV-Filme wie "Der Stich des Skorpion" und "In Sachen Kaminski" realisierten, nicht nur um den Kriminalfall, sondern auch um den vielschichtigen historischen Hintergrund: Einerseits passte ein pädophil-sadistischer Verbrecher nicht ins Selbstbild des sozialistischen Arbeiter-und-Bauernstaats; andererseits wurde bei den Ermittlungen erstmals in der DDR mit einem Täterprofil und psychologischer Expertise gearbeitet.
Der Typ mit dem Fesselsex
Das Gesicht - oder besser: der Vermittler - dieser filmischen Aufarbeitung ist Ronald Zehrfeld. Der hünenhafte Hauptdarsteller, geboren 1977 in Ost-Berlin und bekannt unter anderem aus Dominik Grafs Mafia-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" und Christian Petzolds Kinodrama "Barbara", spielt den Kripo-Hauptmann Heinz Gödicke, eine fiktive Figur, die zunächst zwei Knabenmorde aufklären soll. Und er ist auch der Mann mit dem Fesselsex - den er pikanterweise mit Carla (Ulrike C. Tscharre) hat, der Lebensgefährtin seines Jugendfreunds und übergeordneten Stasi-Majors Stefan Witt (Florian Panzner).
Diese dem realen Fall aufgepfropfte Dreiecksgeschichte mag ein dramaturgisch konventionelles Mittel sein, aber sie erfüllt ihren Zweck: Sie spiegelt und verstärkt den beruflichen Konflikt, der sich im Laufe der Ermittlungen zwischen den Kollegen auftut. Versucht sich Kripo-Mann Gödicke in die Psyche des Täters hineinzuversetzen (was ihn zu einem späteren Zeitpunkt beim Sadomaso-Sex zu weit gehen lässt), so beharrt der SED-Karrierist Witt auf der Doktrin, dass "solche Individuen aus dem sozialistischen System heraus nicht existieren können".
Und während Gödicke trotz ausbleibender Fahndungserfolge nicht aufgeben will, weil er fürchtet, der Täter werde wieder zuschlagen, würde Witt den Fall am liebsten unter den Teppich kehren. Die doppelte Konkurrenz der Männer führt zu vielen Nickeligkeiten und sogar zu zwei körperlichen Attacken - kooperieren müssen die beiden aber dennoch.
Bemühen um Differenzierung und Authentizität
Insgesamt gerät die Darstellung der DDR nicht oberflächlich skandalisierend, sondern sie ist um Präzision und historisches Verständnis bemüht. So gibt es auch einen Staatsanwalt (Godehard Giese), der Gödicke im Hinblick auf eventuelle Parallelen eine Ausgabe des SPIEGEL mit einem Bericht über den westdeutschen Kindermörder Jürgen Bartsch auf den Tisch wirft. "Ein imperialistisches Hetzblatt, wo haben Sie das denn her?", fragt sanft-ironisch der Ermittler. "Ist neulich vom Laster gefallen", entgegnet der Staatsanwalt, "lesen Sie's zu Hause."
In dem Bemühen um Differenzierung und Authentizität erinnert "Mord in Eberswalde" an das period piece "Barbara". Und so, wie Zehrfeld darin an der Seite von Nina Hoss mithalf, eine Geschichte aus dem Innenleben der DDR zu erzählen, ist er auch hier ein Glaubwürdigkeitsgarant. Allein zu sehen, wie sich der Hüne - diesmal glatt rasiert - immer wieder in seinen hellblauen Trabi wuchtet, wie er in seiner kraftstrotzenden Massigkeit dem Fall lange hilflos gegenübersteht, ist ein Erlebnis.
Schließlich gelingt dem Kriminaler dann doch die Ergreifung des 20 Jahre alten Kochlehrlings Erwin Hagedorn, der sich mit dem Satz "Ich bin der, den Sie suchen" sofort zu erkennen gibt und bereitwillig aussagt. So bereitwillig sogar, dass die Staatssicherheit auf die Idee verfällt, den Mörder seine Verbrechen für ein Lehrvideo nachstellen zu lassen - mit den Kindern von Ministeriumskollegen.
Schwer zu sagen, was am Ende mehr verstört: Jener bizarre Film im Film oder die danach gezeigte Exekution Hagedorns durch einen "unerwarteten Nahschuss" in den Hinterkopf. Alles andere als ein verstörender Schluss wäre aber auch unangemessen für diese fein austarierte Zeit-, Kriminal- und Gesellschaftsstudie.
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