Von Peter Unfried
Der Ex-Kanzler knipst sein berüchtigtes Schröder-Grinsen an: "Ach, Herr Lütgert", sagt er dann, "wir kennen uns doch lange genug. Versuchen Sie es erst gar nicht. Sie kriegen von mir kein Interview." Dabei will Christoph Lütgert doch nur wissen, was Gerhard Schröder, 67, als Direktor des russisch-englischen Energieunternehmens TNK-BP eigentlich so macht für sein Honorar.
"ARD-exclusiv: Rot-Grün macht Kasse" ist der populistisch-programmatische Titel einer NDR-Dokumentation, in der der frühere NDR-Chefreporter Lütgert und seine Mitautoren laut Eigenanspruch das "rotgrüne Business-Geflecht durchleuchten", also die Entwicklung von Protagonisten der SPD/Grünen-Regierung (1998 - 2005) zu Wirtschaftslobbyisten - speziell die des früheren Kanzlers Schröder und des früheren Außenministers Joschka Fischer.
So stapft Lütgert in Westsibirien durch den öligen Morast ("Das stinkt") einer durch die maroden Pipelines des Öl-Unternehmens TNK-BP verursachten Umweltkatastrophe und lässt sich von russischen Umweltschützern erklären, dass sie schlimmer sei als jene im Golf von Mexiko. Wirklich schlimm. Was macht nun, fragt sich Lütgert, der Ex-Kanzler, der als TNK-BP-Direktor im Konzernausschuss "für Sicherheit und Umwelt" sitzt? Umweltaktivisten in Moskau sagen, er ignoriere die Probleme und mache nur Werbung für den Konzern. Der Politologe Franz Walter sagt von seinem Göttinger Sessel aus dem Reporter von "ARD-exclusiv", dass es so was bei Herbert Wehner nicht gegeben hätte. Aber dass Schröder tatsächlich wissentlich helfe, die Katastrophe zu vertuschen, wie insinuiert wird, das wäre noch zu beweisen.
Keiner spricht mit dem Reporter
Dann Wechsel zu Joschka Fischer. In den Achtzigern Umweltminister, heute berät er neben anderen auch BMW. Einen Autokonzern. "Wie sich die Zeiten ändern", kommentiert Lütgert. Bei einer BMW-Präsentation sitzt der Reporter im Saal und fragt, ob denn Fischer die neuen Elektroautos mitentwickelt habe. Nein, hat er nicht. Und die CO2-Werte bei BMW sind immer noch so miserabel wie jene der Mitbewerber - trotz Fischer. Ein Umweltlobbyist analysiert, Fischer solle offenbar helfen, das schlechte Umweltimage von BMW "zu ergrünen". Ach.
Fischer selbst spricht auch nicht mit Lütgert, dafür aber der frühere Innenminister und heutige Multi-Lobbyist Otto Schily. Und der sagt auf seine berühmt-selbstgefällige Art, er sehe nichts Böses dabei, dass er seine Kenntnisse nutze, "um in der Wirtschaft ein Unternehmen zu fördern". Er ist der Einzige, der mit Lütgert spricht.
Das heißt: Marianne Tritz, bis 2005 Mitglied des Bundestages für die Grünen und heute Geschäftsführerin des deutschen Zigarettenverbandes, spricht auch. Lütgert passt sie mit Kamerateam auf einem Sommerfest ab, und sie sagt, wenn er morgen anrufe, werde er zu ihr durchgestellt. Wirklich? Wirklich! Am nächsten Tag ruft er an und wird nicht durchgestellt. Alles Lüge also! Empörend.
Der Grüne und die Schokoriegel
Um nicht ungerecht zu werden: Die Reportage hat gute Momente. Aber ihr harter Newswert ist bescheiden. Und der undifferenzierte, moralische Über-Ich-Anspruch nervt, speziell weil er auch noch in einem "ironischen" Ton vorgetragen wird. Also, ein Einspieler aus den Achtzigern: Der junge Fischer schnarrt im Bundestag, dass sich die etablierten Politiker "hinter Schlips und Kragen" verschanzten. Lütgert aus dem Off: "Heute eine von Fischers Paradedisziplinen." Oho: Den hat er aber entlarvt.
Nun ist es vermutlich so, dass Aufsteiger wie Schröder und Fischer tatsächlich Statusnachholbedarf hatten und heute womöglich das Bedürfnis haben, Geld zu verdienen. Das allein ist nicht verwerflich. Die Frage ist: Wie verdient man es? Möglich, dass Fischer für BMW zwar moderne, CO2-arme Autos propagiert, aber nicht selbst konstruiert. Wer sich ein bisschen auskennt, weiß eh, dass er sich für Umwelt nie prioritär interessiert hat. Trotzdem liegen Welten zwischen einem BMW-Engagement und einem bei Gazprom, deren Ostseepipeline man als Kanzler befördert hat. Und was der frühere Gemüse-Lobbyist und Staatssekretär der Grünen Matthias Berninger heute beim Schokoriegelkonzern Mars genau macht, müsste man schon sehr genau wissen, um ihn verdammen zu können.
Das alles rauszuarbeiten, wäre spannend. Passiert aber nicht. So entsteht der Eindruck (und soll entstehen), es handele sich um eine ganze, verderbte Generation sozialdemokratischer und grüner Politiker, die für Geld alles macht. Damit wird eben nicht journalistisch Aufklärung geleistet, sondern raunend Politikerverdrossenheit befördert und die Melodie variiert, nach der die Sozialdemokraten von heute Verräter sind (wegen Hartz IV) und die Grünen von heute sowieso (wegen allem und überhaupt).
Unter uns: Soll inmitten einer apathisch zusehenden Welt ausgerechnet der mittlerweile schon sehr zerknitterte Rentner Schröder die sibirische Ölkatastrophe aktiv wuppen, wie es offenbar Lütgerts Anspruch ist - damit er sich sein Salär auch wirklich verdient? Da sollte man doch die Kirche im Dorf lassen. Dass er allerdings Lütgert feixend ins Gesicht sagt, Grund für seine Interviewverweigerung sei "kein politisches, sondern eher ein ästhetisches Problem", ist nun wirklich ein Menschenrechtsvergehen, über das noch zu sprechen sein wird.
"ARD-exclusiv: Rot-Grün macht Kasse", Mittwoch 21.45 Uhr, ARD
Peter Unfried ist Chefreporter der "taz" und Experte für Moralfragen im linken wie im konservativen politischen Spektrum.
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