TTIP-Thriller "Tödliche Geheimnisse" in der ARD "Das passiert wirklich!"

Ein Thriller über das Freihandelsabkommen TTIP? Klingt hölzern, funktioniert aber - auch, weil es in "Tödliche Geheimnisse" Heldinnen gibt. Nina Kunzendorf! Anke Engelke! Dabei überschneiden sich Fiktion und Realität mitunter.

ARD/ Marco Krüger

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Chefredakteurin Karin Berger ist kurz davor, im Fernsehen grundstürzende Erkenntnisse über das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP anzukündigen. Da lauert ihr in der Redaktion ein Typ mit speckiger Lederjacke, gezücktem Smartphone und geföhnter Elvis-Tolle auf. Es ist ein junger und naiver Kollege, der gern vorab ein paar Informationen hätte. Bekommt er aber nicht, "weil es ernster ist, als man denkt", wie ihm die Berger erklärt: "Entschuldige, Tilo, du weißt aber, wie's geht."

Der kurze Cameo-Auftritt von Tilo Jung ist nicht der einzige Schlagschatten, den die Wirklichkeit auf diesen Thriller wirft. So besucht die Chefredakteurin auch den gläsernen TTIP-Leseraum, den Greenpeace für zwei Tage im Frühling vor dem Reichstag aufgestellt hatte - eine Gelegenheit, die sich erst während der Dreharbeiten ergab und die mit einiger Geistesgegenwart genutzt wurde.

Der Medienthriller "Tödliche Geheimnisse", der diesen Samstag in der ARD Premiere feiert, manövriert so hart an aktuellen Ereignissen, dass es von deren Fahrwasser bisweilen ganz schön durchgeschaukelt wird.

Treffen im Brüsseler Hotelzimmer

Rommy Kirchhoff, Reporterin beim Berliner Nachrichtenmagazin "Der Puls", trifft sich in einem Brüsseler Hotelzimmer mit einem Aktivisten von "Watch TTIP" und dem Lobbyisten Paul Holthaus (Oliver Masucci, der deutsche Mads Mikkelsen). Der arbeitet als Spin Doctor für einen Agrarmulti namens Norgren Life Incorporated, ein fiktives Monsanto.

Holthaus will über die drohende Diktatur der Konzerne "auspacken", wie man unter Whistleblowern und Journalisten so sagt. Auf einem USB-Stick befinden sich Informationen darüber, wie "wir den Vertrag nicht manipuliert, wie wir ihn gelenkt haben".

Als Kirchhoff kurz das Hotelzimmer verlässt, ist es bei ihrer Rückkehr wie leergefegt. Holthaus und der Aktivist sind spurlos verschwunden, und die Jagd nach dem USB-Stick - und damit der Story - beginnt.

Regisseurin Sherry Hormann hat zuvor den brillanten DDR-Zeitgeschichtsthriller "Lotte Jäger" geliefert, und Drehbuchautor Florian Oeller schrieb den letzten Monat gesendeten Mafia-"Polizeiruf" aus Rostock. Nun schicken die beiden ihre Journalistinnenheldinnen in einen gefährlichen Sumpf aus widerstreitenden Interessen von Politik, Medien und Wirtschaft. Für die Wirtschaft steht, als Gegenspielerin der journalistischen "Trüffelschweine", die dubiose Konzernchefin Lilian Norgren.

Die Darstellerinnen überzeugen

Mit der Wahl der drei Hauptdarstellerinnen ist "Tödliche Geheimnisse" beinahe noch moderner als mit der Wahl seines Sujets. Kirchhoff ist Nina Kunzendorf, Berger ist Anke Engelke und Norgren ist Katja Riemann, und eine spielt besser als die andere. Nicht nur sind die wichtigsten Figuren selbstverständlich Frauen, sie unterhalten teilweise auch - ebenso selbstverständlich - intime Verhältnisse miteinander.

Die Entscheidung für Heldinnen statt Helden ist nicht nur progressiv, sie kommt auch dem Thema entgegen. TTIP mag, wie der Aktivist erklärt, "800 Millionen Menschen" betreffen. Es geht aber auch ganz simpel und nachvollziehbar darum, "was wir unseren Kindern in die Brotdose packen", also um künftige Generationen. Kirchhoff kann Kinder "nicht ausstehen", Norgren ist schwanger - das Ergebnis einer Affäre mit Holthaus, dessen Frau (Sabine Timoteo) unterdessen an Krebs beziehungsweise Glyphosat und damit irgendwie auch an TTIP stirbt.

Einen solchen Zaunpfahl hätte es nicht gebraucht, zumal die gut recherchierten Hintergründe elegant in die Dialoge eingeschrieben sind: "TTIP. Da haben sie sich ja ein komplexes Thema auf die Fahnen geschrieben." Bisweilen kommentiert der Plot mit Sätzen wie "Das passiert wirklich!" oder "Na, jetzt wird's aber interessant" seine Wendungen auf drollige Weise selbst, als würde er ihnen nicht trauen.

Journalistenthriller "Die vierte Gewalt"

Dabei folgt man als Zuschauer der Handlung willig an Schauplätze wie Brüssel, Berlin oder mecklenburgische Schlösser - eben auch, weil Kunzendorf, Riemann und Engelke in ihren Figuren so glänzen.

Riemann gibt die Konzernchefin so ambivalent und diabolisch, als wollte sie sich für eine Rolle als erste echte Bond-Bösewichtin empfehlen.

Engelke spielt ihre Chefredakteurin ebenso zerrissen zwischen Ethos und Existenzangst. Sie hat beim SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE hospitiert, um sich auf die Rolle als Journalistin vorzubereiten.

Nur Kunzendorf bleibt bis zum - überraschenden und überraschend offenen Ende - ihren Idealen treu. Nach der NDR-Produktion "Die vierte Gewalt", der bereits auf Arte seine Vorpremiere feierte, ist der Degeto-Journalistenthriller ein weiterer starker Film, der die Medien in Zeiten eines schwierigen Umbruchs zeigt.

Der Film arbeitet mit Archivmaterial - von echten TTIP-Demonstrationen in Hannover - an einer Verankerung der Handlung im Zeitgeschehen und in Rückblicken an einer psychologischen Zeichnung der Charaktere. Das funktioniert als Drama, und es transportiert die Botschaft hinter dem ganzen Projekt, das sich einer politischen Beurteilung nicht entzieht und ebenso wenig wankt wie Kirchhoff, das moralische Zentrum der Geschichte - während alles andere erodiert und in Bewegung gerät.

Denn auch "die Medien" sind dem Aktionärswert verpflichtet, die Krise der Branche läuft als zusätzlicher Handlungsstrang immer mit. Zwar mag TTIP unterdessen als Thema von Ceta überholt worden sein. Vielleicht ist auch die Dämonisierung des Kapitalismus, das als unsichtbares Monster mit langen Tentakeln demokratische Entscheidungsprozesse zu seinen Gunten manipuliert, ein wenig mit dem Vorschlaghammer gestaltet. Vielleicht aber auch nicht, wer weiß?

"Tödliche Geheimnisse" unterhält nicht nur mit brillant aufspielenden Darstellerinnen. Der Film ermuntert auch dazu, es genauer wissen zu wollen. Vermutlich steht wirklich einiges auf dem Spiel. Schließlich passiert es ja wirklich. Und das könnte genau so ernst sein, wie man denkt. Das Thema mag hölzern sein. Aber Holz hat einen hohen Brennwert.


"Tödliche Geheimnisse", Samstag, 5.11., 20.15 Uhr, ARD



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sucramotto 05.11.2016
1. Bedenklich und ärgerlich
Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie dieser Film sein wird, vor allem nachdem ich ein Zitat von Kunzendorf gelesen habe, in dem sie ihre Hoffnung zum Ausdruck bringt, dass TTIP gestoppt wird. Ich finde es bedenklich und ärgerlich zugleich, wenn in einem öffentlich-rechtlichen Sender so einseitig Position bezogen wird. Als wären in den letzten Monaten nicht schon genug Mythen in die Welt gesetzt worden von den Lobbyisten auf Seiten der TTIP-Gegner (ja, das sind auch Lobbyisten!). Es gab schon zahlreiche extrem ärgerliche und unausgewogene Dokus in ARD und ZDF zu TTIP, die einzig das Ziel haben, Quote zu erzielen. Besser wäre es endlich mal ausgewogen die Vorteile und potenziellen Gefahren von TTIP darzustellen, statt immer nur auf die ach so bösen und die Arbeitnehmer ausbeutenden Konzerne und Unternehmer, ach so korrupten Politiker und ach so kapitalistischen und geldgeilen Wirtschafts-Lobbyisten einzuprügeln. Hier wird durch einen öffentlich-rechtlichen Sender und damit mit meinen Gebühren weiter Stimmung gegen die Wirtschaft und die Globalisierung gemacht, denen wir unseren Wohlstand in Deutschland zu verdanken haben. Glücklicherweise wird diese Aufassung längst nicht von allen geteilt wird, obwohl von Linken, Grünen und Rechten immer wieder das suggeriert wird, ALLE seien gegen TTIP. Sind sie nicht! Zum Glück gibt es auch noch Parteien und Interessengruppen, die sich für die Wirtschaft, Eure Arbeitsplätze einsetzen, um sich den hohen Verbraucherschutz bei uns wie in den USA leisten zu können. Ich werde mir den Film daher wahrscheinlich gar nicht erst ansehen, da ich mich eh nur ärgern würde, genau wie ich mich über viele der oben angesprochenen völlig einseitigen Dokus oder Berichte in Politik-Magazinen geärgert habe. Wenigstens ist CETA auf einem gutem Weg, TTIP wird es wahrscheinlich leider nicht geben. Und verantwortlich dafür sind u.a. Fernsehfilme wie dieser.
charlybird 05.11.2016
2. So einseitig,
Zitat von sucramottoIch kann mir sehr gut vorstellen, wie dieser Film sein wird, vor allem nachdem ich ein Zitat von Kunzendorf gelesen habe, in dem sie ihre Hoffnung zum Ausdruck bringt, dass TTIP gestoppt wird. Ich finde es bedenklich und ärgerlich zugleich, wenn in einem öffentlich-rechtlichen Sender so einseitig Position bezogen wird. Als wären in den letzten Monaten nicht schon genug Mythen in die Welt gesetzt worden von den Lobbyisten auf Seiten der TTIP-Gegner (ja, das sind auch Lobbyisten!). Es gab schon zahlreiche extrem ärgerliche und unausgewogene Dokus in ARD und ZDF zu TTIP, die einzig das Ziel haben, Quote zu erzielen. Besser wäre es endlich mal ausgewogen die Vorteile und potenziellen Gefahren von TTIP darzustellen, statt immer nur auf die ach so bösen und die Arbeitnehmer ausbeutenden Konzerne und Unternehmer, ach so korrupten Politiker und ach so kapitalistischen und geldgeilen Wirtschafts-Lobbyisten einzuprügeln. Hier wird durch einen öffentlich-rechtlichen Sender und damit mit meinen Gebühren weiter Stimmung gegen die Wirtschaft und die Globalisierung gemacht, denen wir unseren Wohlstand in Deutschland zu verdanken haben. Glücklicherweise wird diese Aufassung längst nicht von allen geteilt wird, obwohl von Linken, Grünen und Rechten immer wieder das suggeriert wird, ALLE seien gegen TTIP. Sind sie nicht! Zum Glück gibt es auch noch Parteien und Interessengruppen, die sich für die Wirtschaft, Eure Arbeitsplätze einsetzen, um sich den hohen Verbraucherschutz bei uns wie in den USA leisten zu können. Ich werde mir den Film daher wahrscheinlich gar nicht erst ansehen, da ich mich eh nur ärgern würde, genau wie ich mich über viele der oben angesprochenen völlig einseitigen Dokus oder Berichte in Politik-Magazinen geärgert habe. Wenigstens ist CETA auf einem gutem Weg, TTIP wird es wahrscheinlich leider nicht geben. Und verantwortlich dafür sind u.a. Fernsehfilme wie dieser.
wie Sie für TTIP schreiben kann diese Film gar nicht mehr sein. Und wenn Sie sich objektiv mit den Methoden und der komplexen Rücksichtslosigkeit der so wohltätigenden Konzerne einmal auseinandersetzen würden, ich google Ihnen die Beispiele hier nicht, dann würden Sie sich Ihren Kommentar wahrscheinlich erspart haben. Übrigens ist Ihr Argumentenwust exakt die Übernahme der üblichen Politikbeschwörung dieser großartigen, zukunftsweisenden Abkommen. Sie sollten Ihre Systemgläubigkeit hin und wieder einem Realitätscheck unterziehen.
Global88 05.11.2016
3. Alle Extreme....
sind nicht ausgewogen...Sie meckern ja vorab schon munter drauf los. Jeder muss selbst wissen, ob er sich unter Umständen manipuliert fühlt- es zulässt. Erst mal schauen und dann Meinung bilden.
i.dietz 05.11.2016
4. TTIP und CETA
Das die EU bzw. die polit. Elite in Brüssel nur noch als Selbst- und Überversorgung interessiert ist bzw. zum Schlaraffenland für Lobbyisten und Großkonzernen - ist das ein tolles Thema. Ich freue mich auf den Krimi !
vulcan 05.11.2016
5.
Was soll der doofe Begriff? 'Brilliert' Riemann auch als Heldin'? Und was ist daran progressiv, die drei Hauptrollen mit Frauen zu besetzen? Ähnlich progressiv wie ein Frauenbuchladen, aber keinesfalls realistisch. Die Darstellung weiblicher Vorgesetzter ist im deutschen TV (aber nicht nur da) ohnehin fast immer grenzwertig bis dämlich, weil man dem minderbemittelten Zuschauer unbedingt mit dem Holzhammer klarmachen muss, wer da das Sagen hat. Entsprechend überzogen und zickig oft die Darstellungen. Zum Glück nicht immer. Zum Thema hat Beitrag #1 schon mal so einiges zu sagen - mir scheint, hier wolle man auf einer Welle mitreiten. Vielleicht aber auch nicht, ich habs ja noch nicht gesehen - leider kann ich weder Riemann noch Engelke als Schauspielerinnen ausstehen.
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