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ARD-Film über Jugendgewalt Wenn Hinschauen weh tut

ARD-Drama "Sie hat es verdient": Gewalt ohne Gründe
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Folter zur Primetime: Das ARD-Jugenddrama "Sie hat es verdient" zeigt, wie ein Mädchen zu Tode gequält wird. Ein schonungsloses Requiem, das den Zuschauer dank herausragender Schauspieler zum Hinschauen zwingt - Veronica Ferres war wahrscheinlich noch nie so gut.

Dieser Film will nicht, was andere Filme aus dem Genre "Gewalt unter Schülern" zu oft wollen: das nicht Erklärbare bis zum letzten Winkel erklärbar machen. Wir Zuschauer, was für eine Zumutung, müssen unsere Schuldzuweisungsbrille abnehmen und das Entsetzen zulassen.

Nein, es ist nicht die Schule, die das jugendliche Trio Infernal aus Josch (François Goeske), Kati (Sina Tkotsch) und der dominanten Linda (Liv Lisa Fries) ausschließt. Die drei Bösewichte haben sich zur eigenen Unbeschulbarkeit entschlossen. Auch die sonst üblichen Verdächtigen fürs soziale Entgleisen von Kids - Jugendkultur, Drogen und familiäre Situation - sind zwar präsent, aber Regisseur und Autor Thomas Stiller erhebt sie nicht in den Rang von entschuldigenden Faktoren, die unumstößlich bestimmen, dass alles so schrecklich kommt, wie es kommt.

Stiller gibt den Außenseitern ihre grauenhafte Freiheit zurück. Er will nicht Vormund sein, sondern Beobachter. Er will nicht richten, sondern genau hinsehen. Das ist keine Feigheit, sondern harte Arbeit, die dem Zuschauer wehtut.

Der ARD-Film "Sie hat es verdient", der am Mittwoch in der ARD Premiere feiert, verabscheut alles zivilisationskritische Gejammere über Werteverlust und soziale Ausgrenzung. Das ewige Lamento über Versäumnisse von Staat und Gesellschaft - all diese Gemeinplätze entfallen. Ecce, homo - nicht Verhältnisse machen kaputt, sondern kaputte Menschen tun es genau so, sagt der Film.

Und so beobachtet Regisseur Stiller mit großer - übergroßer? - Leidenschaft für Genauigkeit. Wir sehen in aller Ausführlichkeit, wie sich Cliquenanführerin Linda durch die Welt rotzt, Autos zerkratzt, einer alten Frau den Gehwagen wegreißt, die Freunde selbstherrlich herumkommandiert und Sex von Josch einfordert, als wäre der ein Automat: "Fick mich richtig, ich mag keinen Wattebausch."

Vom Größenwahn zum Mord

Alles, was nach Bürgerlichkeit riecht, ist für Linda "einfach scheiße". Als altkluges Nach-68er-Kind lässt sie sich nicht darauf ein, ihre Aversion auf überpersönliche Objekte, gar ideologische Ziele, zu lenken. Ihren tyrannischen Subjektivismus, ihren am Ende mörderischen Größenwahn lernt der Zuschauer fürchten, je klarer er sieht, was für Kränkungen sie überspielt: den Missbrauch durch einen schwachen Vater (Oliver Mommsen), das Schicksal eines Bruders mit Trisomie 21 und eine Mutter, die in der Depression versinkt.

Jule Ronstedt absolviert mit dieser Rolle ein schauspielerisches Bravourstück. Als Lindas Mutter spielt sie eine in Selbstmitleid und Unglück versteinerte Frau, von allen verlassen und voller Aggressionen. Geborgenheit kann sie nicht geben, sondern nur Ablehnung provozieren. Wer ihre Tochter ist, gehört zu den Liebes- und Lebensverlierern und hat bittere Lektionen vor sich.

Dann kommt es zur schicksalhaften Begegnung zwischen der teuflischen Clique und Susanne (Saskia Schindler), der Unschuld vom Lande. Die Mutter (Veronica Ferres) lebt mit ihrer Tochter und deren freundlich offenem Wesen in Harmonie, der Vater (Martin Feifel) ist liebevoll. Das Mädchen ist somit die geborene Feindin von Linda - vor allem, als sie versucht, den Liebesvasallen Josch auf ihre Party zu locken.

Linda beschließt einen Racheplan. Kein Sex, kein Dope kann sie davon abbringen. Die Gekränkte beschließt Susannes Tod. Das nichtsahnende Behütetenkind wird auf grausam listige Weise von Josch in die Falle gelockt und zu Tode gequält. Die Gnade der Andeutung ist Stillers Absicht nicht. Wir müssen ansehen, wie man einen jungen Menschen zusammentritt, müssen das Geräusch hören, das auftritt, wenn ein Schädel gegen eine Heizung gedonnert wird.

Müssen wir das wirklich?

Vielleicht ist hier der künstlerische Furor mit Stiller durchgegangen. In einem Interview gibt er zu Protokoll: "Ich bin zum Türken gegangen und habe drei Wassermelonen gekauft, die ich eigenhändig gegen die Wand geklatscht habe. Manche Themen erträgt man beim Dreh nur mit Humor." Sehr komisch.

Blicke töten, Blicke verzeihen

Gewöhnungsbedürftig in diesem durchweg mit Handkamera gedrehten Film ist die Zerlegung der Geschichte in eine Springprozession zwischen Zeitebenen und Handlungssträngen. Die Zersplitterung soll die Ratlosigkeit beim Zuschauer verstärken, soll seine eventuell vorurteilsbeladene Ursachenforschung sabotieren. Aber für die Sorge, alles mit Erklärungen zu simpel und oberflächlich zu machen, gibt der gnadenlose Plot keinen Anlass.

Manchmal erlassen die gehetzten Bilder ein Denk- und Mitfühlverbot. Die radikale Verschnipselung wird zum Manierismus, wenn der Film zwanghaft nacharbeitet, was der Zuschauer durch zeitliche Vorgriffe längst weiß. Stiller teilt die Aversion seiner modernen Kollegen, dass Psychologisierung von gestern und die Anbetung der Wucht des Schicksals von heute ist.

Eine reine Orgie der Depression ist dieser bei teamWorx ("Die Hindenburg") entstandene Film am Ende aber doch nicht. Die Moral erhebt schüchtern ihr Haupt, als aller Sinn verloren zu sein scheint. Die Mutter der Ermordeten durchbricht den Fatalismus und stellt sich der Gewalt der Bande, die hinter Gefängnismauern und durch Gedächtnisauslöschung in der Täterfamilie spurlos verschwinden will. Susannes Mutter sucht die inhaftierte Mörderin Linda auf und entdeckt kein Monster, sondern ein armes Würstchen - ein kathartischer Prozess mitten im Pathos der Düsternis.

Das Duell der Mütter, ebenbürtig, präzise und glaubhaft von Ferres und Ronstedt gespielt, ist ganz großes TV-Theater. Blicke töten, Blicke verzeihen, klagen an, deuten die Möglichkeit von Trost an. Kein Wort zu viel, keine Ausrutschgefahr in den Kitsch, keine falsche Harmonisierung - nur das bisschen Vernunft, das in solchen Katastrophen möglich ist.

Acht Jahre hat Stiller versucht, sein Jugendrequiem beim Kino und Fernsehen unterzubringen. Und zu finanzieren. Als Ferres auf einen Teil ihrer Gage verzichtete und ihre Verbindungen zur Degeto spielen ließ, wurde das Projekt realisiert. Sie haben es verdient.


"Sie hat es verdient", Mittwoch 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 88 Beiträge
frubi 14.09.2011
"Veronica Ferres war wahrscheinlich noch nie so gut" ...... weil Sie in der Vergangenheit so verdammt schlecht war? Für mich lebt und stirbt ein Film mit seinen Schauspielern und deswegen verschwende ich keine Sekunde [...]
Zitat von sysopFolter*zur Primetime: Das ARD-Jugenddrama "Sie hat es verdient" zeigt, wie ein Mädchen zu Tode gequält wird.*Ein schonungsloses Requiem, das*den Zuschauer*dank herausragender*Schauspieler zum Hinschauen zwingt - Veronica Ferres war wahrscheinlich noch nie so gut. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,785725,00.html
"Veronica Ferres war wahrscheinlich noch nie so gut" ...... weil Sie in der Vergangenheit so verdammt schlecht war? Für mich lebt und stirbt ein Film mit seinen Schauspielern und deswegen verschwende ich keine Sekunde mit diesem Streifen. Ich habe das letztens schonmal in einem anderen Thread geschrieben und für mich trifft das auch bei der Ferres zu. Sie ist als öffentliche Person dermaßen present, dass ich mich gar nicht in eine ihrer Rollen hineinversetzen könnte. Ich sehe und höre halt Frau Ferres und nicht die von ihr gespielte Rolle. Seit kurzem kriege ich bei ihr auch noch einen leichten Brechreiz da ich nun die Ferres mit dem Maschmeyer in Verbindung setze. Bei Christoph Waltz in Inglourius Bassterds war das z. B. genau anders herum. Ich hatte vorher noch nie von ihm gehört und für mich war er einfach der eiskalte H****sohn, den er im Film bravorös gespielt hat.
HalloKinder 14.09.2011
Wieder so ein Film ohne Christine Neubauer. Wo soll das den hinführen, wer guckt sich sowas jetzt an. Freundliche Grüße von der Volksinitiative "Kein Fernsehfilm ohne Christine Neubauer e.V"
Wieder so ein Film ohne Christine Neubauer. Wo soll das den hinführen, wer guckt sich sowas jetzt an. Freundliche Grüße von der Volksinitiative "Kein Fernsehfilm ohne Christine Neubauer e.V"
Germanenkrieger 14.09.2011
Nicht nur die Schauspieler sind "herausragend", sondern auch die die "Porgrammansetzter". Da 50% der Leute heute die Bayern gucken. Sogar ich, obwohl ich den FCB hasse ;-) An nem anderen Tag hätte ich den [...]
Nicht nur die Schauspieler sind "herausragend", sondern auch die die "Porgrammansetzter". Da 50% der Leute heute die Bayern gucken. Sogar ich, obwohl ich den FCB hasse ;-) An nem anderen Tag hätte ich den Film gerne geguckt. Naja, ARD und ZDF halt. Entweder Ansetzung wie heute Abend. Oder die besten Filme kommen in deutscher Erstausstrahlung am SONNTAG!!! ab Mitternacht. Danke
.Zerberus. 14.09.2011
Ich weiß natürlich nicht was sie für einen Computer haben oder ob sie ihn gar mit dem Fernseher verbunden haben, aber dafür bietet sich die Mediathek der öffentlich rechtlichen Sender geradezu an ...
Zitat von GermanenkriegerNicht nur die Schauspieler sind "herausragend", sondern auch die die "Porgrammansetzter". Da 50% der Leute heute die Bayern gucken. Sogar ich, obwohl ich den FCB hasse ;-) An nem anderen Tag hätte ich den Film gerne geguckt. Naja, ARD und ZDF halt. Entweder Ansetzung wie heute Abend. Oder die besten Filme kommen in deutscher Erstausstrahlung am SONNTAG!!! ab Mitternacht. Danke
Ich weiß natürlich nicht was sie für einen Computer haben oder ob sie ihn gar mit dem Fernseher verbunden haben, aber dafür bietet sich die Mediathek der öffentlich rechtlichen Sender geradezu an ...
benigno 14.09.2011
Ich fand, der Film klang sehr interessant, bis ich gelesen habe, dass Frau Ferres mitspielt. Damit ist der Film für mich leider gestorben. Die erträgt doch wirklich keiner mehr.
Ich fand, der Film klang sehr interessant, bis ich gelesen habe, dass Frau Ferres mitspielt. Damit ist der Film für mich leider gestorben. Die erträgt doch wirklich keiner mehr.
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