Von Nikolaus von Festenberg
Dieser Film will nicht, was andere Filme aus dem Genre "Gewalt unter Schülern" zu oft wollen: das nicht Erklärbare bis zum letzten Winkel erklärbar machen. Wir Zuschauer, was für eine Zumutung, müssen unsere Schuldzuweisungsbrille abnehmen und das Entsetzen zulassen.
Nein, es ist nicht die Schule, die das jugendliche Trio Infernal aus Josch (François Goeske), Kati (Sina Tkotsch) und der dominanten Linda (Liv Lisa Fries) ausschließt. Die drei Bösewichte haben sich zur eigenen Unbeschulbarkeit entschlossen. Auch die sonst üblichen Verdächtigen fürs soziale Entgleisen von Kids - Jugendkultur, Drogen und familiäre Situation - sind zwar präsent, aber Regisseur und Autor Thomas Stiller erhebt sie nicht in den Rang von entschuldigenden Faktoren, die unumstößlich bestimmen, dass alles so schrecklich kommt, wie es kommt.
Stiller gibt den Außenseitern ihre grauenhafte Freiheit zurück. Er will nicht Vormund sein, sondern Beobachter. Er will nicht richten, sondern genau hinsehen. Das ist keine Feigheit, sondern harte Arbeit, die dem Zuschauer wehtut.
Der ARD-Film "Sie hat es verdient", der am Mittwoch in der ARD Premiere feiert, verabscheut alles zivilisationskritische Gejammere über Werteverlust und soziale Ausgrenzung. Das ewige Lamento über Versäumnisse von Staat und Gesellschaft - all diese Gemeinplätze entfallen. Ecce, homo - nicht Verhältnisse machen kaputt, sondern kaputte Menschen tun es genau so, sagt der Film.
Und so beobachtet Regisseur Stiller mit großer - übergroßer? - Leidenschaft für Genauigkeit. Wir sehen in aller Ausführlichkeit, wie sich Cliquenanführerin Linda durch die Welt rotzt, Autos zerkratzt, einer alten Frau den Gehwagen wegreißt, die Freunde selbstherrlich herumkommandiert und Sex von Josch einfordert, als wäre der ein Automat: "Fick mich richtig, ich mag keinen Wattebausch."
Vom Größenwahn zum Mord
Alles, was nach Bürgerlichkeit riecht, ist für Linda "einfach scheiße". Als altkluges Nach-68er-Kind lässt sie sich nicht darauf ein, ihre Aversion auf überpersönliche Objekte, gar ideologische Ziele, zu lenken. Ihren tyrannischen Subjektivismus, ihren am Ende mörderischen Größenwahn lernt der Zuschauer fürchten, je klarer er sieht, was für Kränkungen sie überspielt: den Missbrauch durch einen schwachen Vater (Oliver Mommsen), das Schicksal eines Bruders mit Trisomie 21 und eine Mutter, die in der Depression versinkt.
Jule Ronstedt absolviert mit dieser Rolle ein schauspielerisches Bravourstück. Als Lindas Mutter spielt sie eine in Selbstmitleid und Unglück versteinerte Frau, von allen verlassen und voller Aggressionen. Geborgenheit kann sie nicht geben, sondern nur Ablehnung provozieren. Wer ihre Tochter ist, gehört zu den Liebes- und Lebensverlierern und hat bittere Lektionen vor sich.
Dann kommt es zur schicksalhaften Begegnung zwischen der teuflischen Clique und Susanne (Saskia Schindler), der Unschuld vom Lande. Die Mutter (Veronica Ferres) lebt mit ihrer Tochter und deren freundlich offenem Wesen in Harmonie, der Vater (Martin Feifel) ist liebevoll. Das Mädchen ist somit die geborene Feindin von Linda - vor allem, als sie versucht, den Liebesvasallen Josch auf ihre Party zu locken.
Linda beschließt einen Racheplan. Kein Sex, kein Dope kann sie davon abbringen. Die Gekränkte beschließt Susannes Tod. Das nichtsahnende Behütetenkind wird auf grausam listige Weise von Josch in die Falle gelockt und zu Tode gequält. Die Gnade der Andeutung ist Stillers Absicht nicht. Wir müssen ansehen, wie man einen jungen Menschen zusammentritt, müssen das Geräusch hören, das auftritt, wenn ein Schädel gegen eine Heizung gedonnert wird.
Müssen wir das wirklich?
Vielleicht ist hier der künstlerische Furor mit Stiller durchgegangen. In einem Interview gibt er zu Protokoll: "Ich bin zum Türken gegangen und habe drei Wassermelonen gekauft, die ich eigenhändig gegen die Wand geklatscht habe. Manche Themen erträgt man beim Dreh nur mit Humor." Sehr komisch.
Blicke töten, Blicke verzeihen
Gewöhnungsbedürftig in diesem durchweg mit Handkamera gedrehten Film ist die Zerlegung der Geschichte in eine Springprozession zwischen Zeitebenen und Handlungssträngen. Die Zersplitterung soll die Ratlosigkeit beim Zuschauer verstärken, soll seine eventuell vorurteilsbeladene Ursachenforschung sabotieren. Aber für die Sorge, alles mit Erklärungen zu simpel und oberflächlich zu machen, gibt der gnadenlose Plot keinen Anlass.
Manchmal erlassen die gehetzten Bilder ein Denk- und Mitfühlverbot. Die radikale Verschnipselung wird zum Manierismus, wenn der Film zwanghaft nacharbeitet, was der Zuschauer durch zeitliche Vorgriffe längst weiß. Stiller teilt die Aversion seiner modernen Kollegen, dass Psychologisierung von gestern und die Anbetung der Wucht des Schicksals von heute ist.
Eine reine Orgie der Depression ist dieser bei teamWorx ("Die Hindenburg") entstandene Film am Ende aber doch nicht. Die Moral erhebt schüchtern ihr Haupt, als aller Sinn verloren zu sein scheint. Die Mutter der Ermordeten durchbricht den Fatalismus und stellt sich der Gewalt der Bande, die hinter Gefängnismauern und durch Gedächtnisauslöschung in der Täterfamilie spurlos verschwinden will. Susannes Mutter sucht die inhaftierte Mörderin Linda auf und entdeckt kein Monster, sondern ein armes Würstchen - ein kathartischer Prozess mitten im Pathos der Düsternis.
Das Duell der Mütter, ebenbürtig, präzise und glaubhaft von Ferres und Ronstedt gespielt, ist ganz großes TV-Theater. Blicke töten, Blicke verzeihen, klagen an, deuten die Möglichkeit von Trost an. Kein Wort zu viel, keine Ausrutschgefahr in den Kitsch, keine falsche Harmonisierung - nur das bisschen Vernunft, das in solchen Katastrophen möglich ist.
Acht Jahre hat Stiller versucht, sein Jugendrequiem beim Kino und Fernsehen unterzubringen. Und zu finanzieren. Als Ferres auf einen Teil ihrer Gage verzichtete und ihre Verbindungen zur Degeto spielen ließ, wurde das Projekt realisiert. Sie haben es verdient.
"Sie hat es verdient", Mittwoch 20.15 Uhr, ARD
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