ARD-Film über Lohndumping Die Paketboten und der Milliardär

Ausbeutung in der Paketbranche: Der ARD-Film "Das Hermes-Prinzip" zeigt Zusteller, die für Hungerlöhne schuften. Das Unternehmen von Milliardär Michael Otto spricht von Einzelfällen - doch treibt das Hermes-Geschäftsmodell die Subunternehmer zu drastischen Methoden?

WDR

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Peter, der in Wahrheit nicht Peter heißt, ist verzweifelt. Oft stehe er vor der Frage, "holt man sich jetzt was zu rauchen oder was zu essen? Meistens entscheidet man sich fürs Rauchen." 15 Kilo habe er in den vergangenen Monaten abgenommen, erzählt er der ARD-Reporterin.

Peter ist Paketbote für die Hermes-Gruppe. Er arbeitet nicht direkt für das Unternehmen des Otto-Konzerns, sondern fährt für einen Subunternehmer, der die Pakete wiederum von einem zwischengeschalteten sogenannten Satelliten-Depot erhält. Das ist wichtig zu wissen, denn im juristischen Sinne ist Hermes nicht für die Arbeitsbedingungen der Zusteller verantwortlich.

Der Bote wird pro Paket bezahlt - für eine erfolgreiche Zustellung bekommt Peter 60 Cent. Sein Auto, das Benzin und die Versicherung muss er selbst bezahlen. Krank werden oder Urlaub machen? Geht nicht. Dann gibt es kein Geld. Peters Verdienst liegt trotz 60-Stunden-Woche nur knapp über Hartz-IV-Niveau.

Der Duisburger mit der Igelfrisur ist einer von drei Protagonisten des ARD-Films "Das Hermes-Prinzip - Der Milliardär und seine Götterboten", der am Mittwochabend ausgestrahlt wurde und nun auch in der Mediathek des Senders steht. Die Reportage von Monika Wagener und Ralf Hötte ist der Auftakt zu einer fünfteiligen Serie, die von den ARD-Politmagazinen produziert wird. Den prekären Arbeitsbedingungen der Paketboten stellen die Autoren das saubere Image von Michael Otto gegenüber. Der Mehrheitseigner der Otto-Gruppe gilt als Vorzeigeunternehmer, der sich für Nachhaltigkeit und soziale Standards einsetzt. Er unterstützt den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, war Öko-Manager des Jahres und bekam 2006 das Bundesverdienstkreuz.

Die Vorwürfe gegen Hermes weist Otto zurück: "Die ganz große Mehrheit der Zusteller kann gut von dem Verdienst leben. 99 Prozent sind zufrieden oder sehr zufrieden." Hermes selbst spricht von einer Bezahlung von 90 Cent bis ein Euro pro Paket, die als wirtschaftliche Entlohnung durch die Subunternehmer realistisch wäre. Eine solche aus Sicht des Unternehmens angemessene Entlohnung der Zusteller werde durch die von Hermes an die zwischengeschalteten Subunternehmer gezahlten Entgelte auch ermöglicht. Weniger sei unüblich und werde von Hermes auch als "nicht okay" angesehen. Nach der Kalkulation des Unternehmens könne ein vollzeitbeschäftigter Fahrer bei einem Neunstundentag im Schnitt mit einem Netto-Stundenlohn von 7,20 Euro rechnen.

Doch die ARD-Autoren zeigen einen weiteren Fall, einen der noch tragischer ist als der von Peter. Der Mann war drei Jahre lang Subunternehmer und Fahrer für Hermes - er bekam 70 Cent pro Paket. Nach Abzug aller Kosten sei ihm monatlich nichts übrig geblieben, klagt er. "Ich habe die ganzen drei Jahre gehofft, es wird besser." Aber es wurde nicht besser. Das Erschütternde an der Geschichte: Der Mann sagt, er habe sich weder Renten- noch Krankenversicherung leisten können. Nach einem Schlaganfall sei zwar die Kasse seiner Frau eingesprungen, doch nun sei er arbeitsunfähig und bekomme nicht mal Invalidenrente.

Hermes verweist auf Verhaltenskodex

Hermes sagte SPIEGEL ONLINE dazu, ein solcher Fall sei dem Unternehmen nicht bekannt. Man habe aber einen Verhaltenskodex erstellt, "der den Umgang mit Mitarbeitern verbindlich definiert und Missstände wie Lohndumping konsequent ausschließt". Verstoße ein Subunternehmer gegen diesen Kodex, "gehen wir dagegen vor und beenden das Vertragsverhältnis".

Formal ist Hermes nicht für die Bedingungen bei den Subunternehmern verantwortlich. Und in dem ARD-Film werden sicher Extremfälle gezeigt. Aber welche Verantwortung trägt Hermes daran? Das Unternehmen verteidigt sich, eine Bezahlung von 60 oder 70 Cent pro Paket sei "ausdrücklich nicht die Regel". Der für Probleme bei den Subunternehmen zuständige Ombudsmann sei in diesem Jahr erst zehnmal kontaktiert worden. Und dabei sei es auch nicht um Beschäftigungsverhältnisse gegangen, sondern um zivilrechtliche Streitigkeiten.

Doch dass nicht nur Arbeiter, sondern auch Selbständige unter dem System leiden, zeigt der Fall eines ehemaligen Satelliten-Depotbetreibers: Der Mann sagt, erfolgreich könne ein Depotbetreiber für Hermes nur mit 400-Euro-Jobbern arbeiten. Mit sozialversicherungspflichtigen Vollzeitkräften sei dies nicht möglich. So mancher Subunternehmer würde seine Fahrer daher schwarz beschäftigen. Der Protagonist im ARD-Film sagt, er habe das nicht gemacht. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Depotbetreiber habe er ein Minus von 100.000 Euro verzeichnet.

Mehr als 70 Verfahren gegen Subunternehmer

Auch die Justiz beschäftigt sich mit dem Thema: Der Hamburger Staatsanwalt Wilhelm Möllers sagt, es gebe "Anhaltspunkte, dass die betriebswirtschaftliche Kalkulation für ein Paket keineswegs die Kosten deckt". Um diese Kosten dennoch einfahren zu können, sei "der Subunternehmer gehalten, mehr zu arbeiten, diese Mehrarbeit nicht zu melden und sich damit strafbar zu machen".

Im Norden liefen mehr als 70 Verfahren gegen Subunternehmer der Hermes-Gruppe, heißt es in dem ARD-Film. Das Unternehmen sagt dazu, man distanziere sich "ausdrücklich von jeder Form unlauterer Beschäftigungsbedingungen" und toleriere dies in keiner Weise. Bislang seien dem Unternehmen keine Fälle illegaler Beschäftigung bei seinen Subunternehmen bekannt geworden. "Wenn sich herausstellt, dass ein Subunternehmer rechtswidrig gehandelt hat, beenden wir die Zusammenarbeit."

Was die Rentabilität des Geschäftsmodells betrifft, verweist Hermes im Übrigen darauf, dass die kooperierenden Subunternehmer auch für weitere Auftraggeber tätig seien, das Geschäft mit Hermes also "immer nur einen gewissen Teil zum Betriebsergebnis" beisteuere.

Peter arbeitet übrigens immer noch als Hermes-Paketbote. Bei seinen Fahrten kommt er gerade mal auf drei Euro netto pro Stunde. Wenn er ein Paket nicht zustellen kann, bekommt er nichts. Die Kosten fürs Auto laufen trotzdem.


ARD-exclusiv "Das Hermes-Prinzip": Mittwoch, 21.45, ARD

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wolltsnursagen 03.08.2011
1. Post
So what. Ich schaff bei der Post, bezahlt bekommen wir 38,5 Stunden. Tatsächlich sind es mindestens 45 bis 50 da sind dann so 8 € / stunde. Und das ganz ohne Subunternehmen, das macht die Post ganz offiziell.
gsfx, 03.08.2011
2. Ordentliche Paketdienste heißen UPS...
Zitat von sysopAusbeutung in der Paketbranche: Der ARD-Film "Das Hermes-Prinzip" zeigt Zusteller, die für Hungerlöhne schuften. Das Unternehmen von Milliardär Michael Otto spricht von Einzelfällen - doch*treibt das Hermes-Geschäftsmodell die Subunternehmer zu drastischen Methoden? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,778200,00.html
Ordentliche Paketdienste heißen z.B. UPS. Da machen Zusteller und Eqipment einen fitten Eindruck. Und der Service stimmt. Ich arbeite beruflich mit einigen Paketdiensten - UPS ist in meinen Augen der beste Paketdienst. Sehr, sehr wenig Probleme. Die Jungs von Hermes bedauer ich immer - die habens wirklich schlecht getroffen.
frnzwltr 03.08.2011
3. "...ein geldgieriges Unternehmen"
Wenn man dem Markenimage im Internet glauben darf, sind die Praktiken von anderen Unternehmen wie UPS kein bisschen besser. Mit der Aussage "UPS - ein geldgieriges Unternehmen" zitiere ich noch eines der freundlicheren Kunden-Feedbacks. Zum Nachlesen der anderen: http://www.brandigg.de/brand/UPS
Progressor 03.08.2011
4. Jo, genau
Zitat von wolltsnursagenSo what. Ich schaff bei der Post, bezahlt bekommen wir 38,5 Stunden. Tatsächlich sind es mindestens 45 bis 50 da sind dann so 8 € / stunde. Und das ganz ohne Subunternehmen, das macht die Post ganz offiziell.
Die deutsche Wahlbevölkerung wünscht diese Zustände. Die Parteien die das realisieren sitzen mit absoluter Mehrheit in der Regierung. So what?
Ben Major 03.08.2011
5. Da fällt mir nur eins ein.
Zitat von sysopAusbeutung in der Paketbranche: Der ARD-Film "Das Hermes-Prinzip" zeigt Zusteller, die für Hungerlöhne schuften. Das Unternehmen von Milliardär Michael Otto spricht von Einzelfällen - doch*treibt das Hermes-Geschäftsmodell die Subunternehmer zu drastischen Methoden? http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,778200,00.html
In die Gewerkschaft eintreten, Streik organisieren, gegen Streikbrecher hart vorgehen. Ich versteh nicht, warum in Deutschland die Arbeitnehmer so untertänig für nahezu nichts arbeiten, versteh ich wirklich nicht. Lidl, Aldi, Wachdienste, Krankenschwestern, überall das Gleiche.
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