Kollegenschelte ARD-Mann Fröhder geißelt "Tagesschau" und "Tagesthemen"

ARD-Veteran Christoph Maria Fröhder rechnet in einem SPIEGEL-Interview mit "Tagesschau" und "Tagesthemen" ab. Er wirft den Kollegen sprachliche Verlotterung vor, auch ließen sie sich zu oft instrumentalisieren.

Tagesschau-Studio (mit Jan Hofer): "Bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt"
NDR/Thorsten Jander

Tagesschau-Studio (mit Jan Hofer): "Bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt"


Hamburg - Der ARD-Journalist und Hanns-Joachim-Friedrichs-Preisträger Christoph Maria Fröhder rechnet im aktuellen SPIEGEL mit "Tagesschau" und "Tagesthemen" ab. "Das ist kein journalistisches Umfeld mehr für mich. Ich stoße da auf Leute, denen die Administration wichtiger ist als guter Journalismus. Diese Strukturagenten ersticken den Journalismus", sagt er. (Lesen Sie hier das ganze Interview im neuen SPIEGEL.)

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Heft 7/2015
Strategien gegen den Anlagenotstand

"Ich formuliere die Kritik nicht für mich", so der 72-jährige Journalist. "Ich will, dass sich etwas ändert, damit die jungen Kollegen in Zukunft wieder den Journalismus machen können, den die ARD braucht. Mein Entschluss ist auch ein symbolischer Abschied."

Der Journalist kritisiert vor allem die "Kleinstaaterei der einzelnen Anstalten". Er habe den Redaktionen Vorschläge gemacht, die hätten sie gnadenlos kopiert und ihn rausgehalten. "Oft genug musste ich den Korrespondenten vor Ort um Zustimmung fragen, ob ich sein Gebiet im Namen der ARD überhaupt betreten darf - und oft genug wurde mir die Zustimmung verweigert." Fröhder wirft der "Tagesschau" vor, fremdes Bildmaterial nicht kritisch genug zu prüfen.

"Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man es letztlich nicht nachprüfen kann. Bei diesem sinnlosen Herausnehmen von Material läuft man ständig Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen."

Auch die Standards haben in Fröhders Augen gelitten: "Mich nervt diese sprachliche Verlotterung! In den Beiträgen wimmelt es von Grammatikfehlern. Da ist die Anmoderation des Sprechers identisch mit den ersten zwei Sätzen des Films. Und dann dieses ständige Geduze! Jeder Korrespondent wird mit Vornamen aufgerufen. Es ist dem Zuschauer gegenüber unhöflich, es ist ärgerlich."

In "Tagesschau" und "Tagesthemen" würden "bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen", so Fröhder. "Wenn ich diese Aufsager vor den Parteizentralen und dem Kanzleramt schon sehe! Die kommen einfach von der Routine nicht weg."

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 96 Beiträge
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prince62 07.02.2015
1. Der Mann hat Recht und noch untertrieben.
Oh wie Recht der Mann hat, sein Satz über die Aufsager vor dem Kanzleramt und den Parteizentralen ist allerdings noch stark untertrieben, es müßte heißen, die Nachplapperer und Ableser vor dem Kanzleramt und den Parteizentralen. Im übrigen bleibt anzumerken, daß in den sogenannten ARD/ZDF-Nachrichtensendungen die Nachrichten so gut wie nichtmehr vorhanden sind, dumpfe Regierungspropaganda und absolut überflüssige "Meldungen" füllen das Programm restlos aus, das einzig wirklich brauchbare ist der Wetterbericht, weil der noch nicht vom Kanzleramt genehmigt wird:-)
blowup 07.02.2015
2. Mumpitz
Sag ich doch: Wir zahlen zwangsweise immer mehr Milliarden für gehobenen Mumpitz. Was ist eigentlich aus dem vernichtenden Gutachten über die ÖR im Auftrag des Finanzministeriums geworden? Nicht mal auf Print ist noch Verlaß!
bernd_b 07.02.2015
3. war das mal besser?
Also, ich habe ja jetzt ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, und die Vorwürfe, die hier gemacht werden - hhm, da geht sicher noch was. Aber war das "früher" wirklich besser? Das "Du" stört mich überhaupt nicht, ist mir sogar lieber, die Damen und Herren vertragen sich als sich auf Distanz zu halten. Wo ich wirklich rot sehe ist, wenn die Tagesschau für Eigenwerbung missbraucht wird - Mehr Informationen auf ... usw. oder "sehen sie auch hierzu die Sendung um ..." finde ich schäbig.
speedy 07.02.2015
4. Jaaaaaaaaaaaaaa!!!!!!
Zu 100% Zustimmung Herr Fröhder!!! Leider ist ihr Beitrag einer der wenigen,der diese Hofberichterstattung geißelt.Genau das ist es aber auch warum die Bürger vermehrt das Wort "Lügenpresse" verwenden.Wir wollen Fakten und keine Pressemitteilung der Regierung oder der Opposition.Die Tagesschau,Tagesthemen oder auch die Heute oder Heute Journal sind nur noch bloses Sprachrohr der Parteien und Mainstreammedien.Auch deshalb gehen die Abonnenten und Leser zurück.Man zahlt doch nicht für eine Politik die uns vom Neuen Deutschland kund getan wird und gegen die Intressen der Bürger gerichtet ist.Pegida habt ihr vielleicht wieder mit der Nazikeule klein bekommen.Die Kluft zwischen dem Politibüro und dem Volk ist dadurch nur noch größer geworden.Die Proteste werden wieder kommen solange die Politik sich nicht ändert und die Presse täte gut daran sich endlich auf die Seite des Volkes zustellen.Ein Systemwechsel kann schnell kommen und eine Erpressung wie im Falle Griechenlands wird das nicht aufhalten allenfalls verzögern.
TangoGolf 07.02.2015
5. die Probleme
der Tagesschau liegen weit ab von der Grammatik. Und ich störe mich sicher nicht am "Duzen" - dass die Tagesschau bei vielen Themen im Sinne einer political correctness zunehmend der Aktuellen Kamera ähnelt, das ist bei weitem beunruhigender. Aber wer sein halbes Leben beim WDR oder NDR verbracht hat, dem fallen sicherlich nur Grammatikfehler auf...
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