ARD-Gewaltdrama "Kehrtwende" Wo die Liebe hinschlägt

Papa ist der Beste - und manchmal auch der Brutalste: Als prügelnder Familienvater gelingt "Tatort"-Star Dietmar Bär in dem ARD-Drama "Kehrtwende" eine ungeheuerliche schauspielerische Wandlung - ein verstörender Trip in die Seele eines geliebten Schlägers.

WDR

Von Nikolaus von Festenberg


Dietmar Bär, 50, gehört als Kölner Kommissar Freddy Schenk zu den Vertrauensmännern des deutschen "Tatort"-Gewerbes. Und nun das: Aus dem grund-gutmütigen Krimi-Freddy macht der ARD-Film "Kehrtwende" den Physikpauker Thomas Schäfer, einen engagierten Lehrer und begeisterten Chorleiter, der zu Hause seine Frau Viola (Inka Friedrich) und seinen Sohn (Justus Kammerer) krankenhausreif prügelt. Nur Tochter Sofia (Natalia Rudziewicz) verschont der Heimtyrann. Kumpel Bär, denkt man, in was für einen Drehbuchdschungel bist du da geraten?

Aber je länger "Kehrtwende" (Regie: Dror Zahavi, Buch: Johannes Rotter) dauert, je mehr man sich an die ungewohnte Maske Bärs mit längerem Haar und Brille gewöhnt hat, desto deutlicher wird, dass der Dortmunder Schauspieler seine Gefühlsechtheit, sein aufwallendes Temperament nicht verloren hat. Da agiert kein selbstsüchtiger Psychopath, sondern ein verwurzelter Westfalen-Dickschädel, der nicht begreifen kann, wie er aus allen Bezügen fällt.

Viel Schrecken, kein Schuldiger

Dieser Lehrer Schäfer tut Schreckliches, aber es ist kein böser Feind. Er muss nicht ausgesondert, nicht vor das feministische Tribunal gezerrt, sondern vom Zuschauer geachtet werden. Den Prügelausrastern gehen keine äußeren Anzeichen voraus. Die Gewalt fährt wie ein Blitz aus heiterem Himmel nieder. Die Schlagorgien folgen keinem Charaktermuster, ihre Anlässe sind nichtig. Der Sohn setzt den Vater schachmatt und lacht triumphierend, schon rastet Schäfer aus. Im neuen Wagen entdeckt der Lehrer Blutspuren (sie stammen von seinem Sohn, den er geschlagen hat), schon setzt es für die Mutter Prügel.

Der Film - das ist dramaturgisches Neuland und ausgesprochen verblüffend - setzt alle Figuren dem Leiden aus und kann eigentlich nirgends einen wirklichen Schuldigen finden. Der "Held" weiß nicht, was da mit ihm geschieht, wenn ihm die Hand ausrutscht. Nur eines weiß er: Das geht nicht. Aber er kann es nicht ändern.

Die Frau ist das Opfer, entsetzt, verletzt, verzweifelt, aber sie findet keinen Ausweg. Weder ein kurzes Verhältnis mit einem Tankstellenmann (Götz Schubert) noch die Flucht zu einer Anwältin (Nina Petri), die sie und die Familie aufnimmt und die Geschlagene zu scharfer juristischer Rache auffordert, bieten Alternativen. Die Frau resümiert nach allen, letztlich vergeblichen Versuchen, auf Distanz zu ihrem Mann zu gehen: "Ich liebe dich doch. Das macht mir am meisten Angst."

Weg zur schmerzhaften Vernunft

Das ist die zweite großartige schauspielerische Leistung des Films. Inka Friedrich verwandelt sich nicht - wie sonst in solchen Filmen üblich - in einen rasenden Racheengel oder in eine duckmäuserische Masochistin. Wer ihrem Spiel folgt, sieht in ihrem Gesicht den schmerzhaften Weg zu einer schmerzhaften Vernunft in einer nicht verschuldeten Leidenssituation.

Allen Beteiligten, so will es die Handlung, bleibt als einziger Ausweg die Hoffnung, dass Thomas Schäfer seine Gewaltbereitschaft in den Griff bekommt. Und so mündet "Kehrtwende" in eine Entscheidungsschlacht: Der Mann muss in einer Verhaltenstherapie lernen, sich zu beherrschen, die Familie ohne Vater und Therapie herausfinden, ob sie Hass und Angst überwinden kann. Ein Drittes gibt es nicht wirklich.

Regisseur Zahavi ( "Zivilcourage") begleitet alle Figuren voller Ernst in diesen Kampf, mit oft magisch ausgeleuchteten Räumen und markanten Porträtaufnahmen. Und er gibt so, wie schon in dem Event-Zweiteiler "Luftbrücke", den Beteiligten ihre Gestaltungsmacht zurück, wozu auch das Pathos emotionaler Familienerinnerungen gehört.

Zum Glück deutet der Film eine Ursachenfindung für des Lehrers Krankheit nur an: In zwei großartigen Auftritten spielt Marie Anne Fliegel die böse, lieblose Mutter des Prüglers - zwei Szenen, die alles sagen und die die psychischen Hintergründe der Gewalt andeuten. Diese ganze Tragödie bleibt offen, menschlich und, ja tatsächlich, unfassbar. Keine Parabel wird erzählt, kein böses Schicksal zelebriert. Kein Urteil gesprochen. Unschuldig schuldig werden - die Definition Schillers gilt für "Kehrtwende" ebenso wie für Lehrer Schäfer und Freddy Schenk aus dem "Tatort".

"Kehrtwende", Mittwoch 20.15 Uhr, ARD (im Anschluss folgt bei "Hart aber fair" eine Diskussion zum Thema "Der Feind in der Familie - wenn der Mann zum Schläger wird")



insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chrima 13.04.2011
1. Der übliche Dreck
Zitat von sysopPapa ist der beste - und manchmal auch der brutalste: Als prügelnder Familienvater gelingt "Tatort"-Star Dietmar Bär in dem ARD-Drama "Kehrtwende" eine ungeheuerliche schauspielerische Wandlung - ein verstörender Trip in die Seele eines geliebten Schlägers. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,756561,00.html
Das übliche Schema: Mann=Täter, Frau=Opfer Wann hört dieser Schwachsinn endlich mal auf? Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass häusliche Gewalt von beiden Geschlechtern nahezu gleichverteilt ausgeht. Mal sind die Männer häufiger die Täter mal die Frauen. Selbst wenn dieser Film eventuell ausnahmsweise mal nicht ausschließlich auf dem Mann rumhackt, so bedient er die üblichen Klischees. Einfach nur noch widerlich.
janeinistrichtig 13.04.2011
2. Wie wir eben gesehen haben...
Der Artikel macht ja fast Lust auf den Film. Schade bloss, dass der Sendezeitpunkt nicht mit Schalke abgestimmt wurde... (Nein, ich habe keinen Recorder. Zuviel TV tut ungut.) Etwas eigentümlich finde ich die neue "Methode", die nachfolgende Talk-Show thematisch dem zuvor gezeigten Film anzupassen. Ist die ARD (nach dem Tatort bzw. Anne Will am Sonntag) etwa Initiator eines Trends? Oder ist man nur überdrüssig der Barings, Henkels, Trittins & Co.?
MonaM 13.04.2011
3. Quellen?
Zitat von chrimaDas übliche Schema: Mann=Täter, Frau=Opfer Wann hört dieser Schwachsinn endlich mal auf? Hunderte von wissenschaftlichen Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass häusliche Gewalt von beiden Geschlechtern nahezu gleichverteilt ausgeht. Mal sind die Männer häufiger die Täter mal die Frauen. Selbst wenn dieser Film eventuell ausnahmsweise mal nicht ausschließlich auf dem Mann rumhackt, so bedient er die üblichen Klischees. Einfach nur noch widerlich.
Können Sie wenigstens ein paar dieser Untersuchungen benennen, am besten links setzen. Sie wissen ja: man muss die Quellen angeben, um ernst genommen zu werden...
chrima 13.04.2011
4. Link
Zitat von MonaMKönnen Sie wenigstens ein paar dieser Untersuchungen benennen, am besten links setzen. Sie wissen ja: man muss die Quellen angeben, um ernst genommen zu werden...
Als Einführung zum Thema mag zunächst die hier (http://www.novo-magazin.de/45/novo4522.htm) reichen. Es werden einige Untersuchungen genannt. Sobald ich Zugriff auf meine Linksammlung habe, stelle ich noch was ein.
avollmer 13.04.2011
5. Themenabende
Zitat von janeinistrichtigDer Artikel macht ja fast Lust auf den Film. Schade bloss, dass der Sendezeitpunkt nicht mit Schalke abgestimmt wurde... (Nein, ich habe keinen Recorder. Zuviel TV tut ungut.) Etwas eigentümlich finde ich die neue "Methode", die nachfolgende Talk-Show thematisch dem zuvor gezeigten Film anzupassen. Ist die ARD (nach dem Tatort bzw. Anne Will am Sonntag) etwa Initiator eines Trends? Oder ist man nur überdrüssig der Barings, Henkels, Trittins & Co.?
Themenabende hat Arte schon vor längerer Zeit eingeführt mit Film, Reportage, Feature und Diskussion. Gab es auch in der ARD schon öfters. Und wenn man keinen Videorecorder hat: www.ardmediathek.de .
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.