ARD-Jubiläumsgala Ein Kessel Plumpes

"Hunderttausend Höhepunkte" hat die ARD bei ihrer Jubiläumsshow versprochen - doch davon war nichts zu spüren. Moderator Beckmann witzelte gekünstelt, mancher Stargast zeigte offen sein Desinteresse. Die Top Ten eines misslungenen Abends.

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NDR/Max Kohr

Nach etwa fünf Minuten hätte es im Grunde schon wieder vorbei sein können. Gerade lief noch der Vorspann, ein Sprecher hatte dem Publikum eine "Show der hunderttausend Höhepunkte versprochen", dann sollte Reinhold Beckmann mit einem alten Mercedes-Cabrio hereinfahren, auf dessen Rückbank Thomas Gottschalk und Günther Jauch sitzen, aber das Cabrio streikt, Jauch und Gottschalk müssen Beckmann schieben, sie reißen einige mehr oder weniger gelungene Witzchen über diesen Umstand. Beckmann leitet ungelenk zu einem Einspielfilm über, in dem für Zuschauerinnen und Zuschauer mit einer Aufmerksamkeitsspanne von unter zwei Sekunden all das zusammengeschnitten ist, was die Redaktion für einen Höhepunkt der ARD-Geschichte hält - und fertig. Abspann, vorbei: Das war die große Gala zum 60. Geburtstag der ARD.

Man hätte es dabei belassen können, war doch in diesen ersten Minuten schon alles zu sehen, was diese Sendung insgesamt ausmachte: Hast und Willkür beim Ritt durch 60 Jahre Fernsehgeschichte unter entschieden zu häufiger Nennung des Wortes "Kult". Dazu Studiospielchen mit durchwachsenem Unterhaltungswert. Und vor allem Reinhold Beckmanns Unfähigkeit zur spontanen, witzigen Moderation, schmerzhaft verstärkt durch die Anwesenheit zweier Kollegen, die das so sehr viel besser können. Sein Humor wirkte gezwungen, seine Begeisterung übertrieben.

Aber, es wurden 130 Minuten, schließlich mussten die versprochenen "hunderttausend Höhepunkte" untergebracht werden, das sind exakt 12,82 Höhepunkte pro Sekunde. Sie haben hoffentlich Verständnis dafür, dass wir an dieser Stelle nur auf einige ausgewählte Highlights eingehen können. Und hier sind sie also: die Top Ten der größten Höhepunkte aus "60 Jahre ARD - Die große Geburtstagsshow".

Platz 10: Günther Jauch und Thomas Gottschalk werden von Beckmann mit alten Fotos und TV-Ausschnitten aus den Anfängen ihrer Karrieren konfrontiert. Jauch sagt: "Wenn man sich das heute ansieht - furchtbar." Gottschalk sagt: "Man ist gar nicht so glücklich, wenn man das heute sieht." Beckmann zeigt gnadenlos Bilder, auch noch von weiteren Fernsehmenschen wie Til Schweiger und Hape Kerkeling, die ihre Karriere bei der ARD begonnen haben. Danach testet Beckmann, ob Gottschalk und Jauch auch aufgepasst haben. Wahrscheinlich hat er gesehen, dass sie sich während des Einspielers miteinander unterhalten haben und will sie jetzt bestrafen. "Wer hat euch am meisten überrascht?" Peinliches Schweigen.

Platz 9: Boris Becker tritt auf. Das ist ja an sich schon ein absoluter Höhepunkt jeder Sendung, aber es kommt noch besser: Er darf noch mal erzählen, wie das so war, als er damals zum ersten Mal als jüngster Spieler aller Zeiten und so weiter. Beckmann gibt sich begeistert. Jauch und Gottschalk versuchen, interessiert auszusehen. Noch mal wollen sie sich nicht erwischen lassen. Danach spielen sie Tele-Tennis, ein Videospiel aus den frühen Achtzigern. Gottschalk kommt jetzt in Fahrt: "Geprobt habe ich damals nicht und heute auch nicht." Und später zu Becker: "Sechs Stunden, Boris, das machen wir jetzt sechs Stunden lang." Ihm ist offensichtlich bereits alles egal jetzt. Beckmann total begeistert. Als er den nächsten Einspieler anmoderiert, unterhalten sich die drei Gäste auf dem Sofa. Diesmal ungeniert.

Platz 8: Fernsehkoch Tim Mälzer berichtet, dass er mal mit einer Kindergartengruppe fürs Fernsehen gekocht habe. Das sei sehr schwierig gewesen, weil die Kinder immer spielen wollten und nicht kochen. Im Anschluss werden große Teile des gerade erzählten Erlebnisses in bewegten Bildern gezeigt. Alle in der Runde finden es sehr wichtig, dass Mälzer mit den Kindern gekocht hat, Ernährung und so. Es scheint sich, gemessen an der Zeit, die für diese Anekdote verbraucht wird, um einen Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte zu handeln.

Platz 7: Barbara Schöneberger ist schwanger. Das Baby kommt im Sommer. Beckmann schenkt ihr Babywäsche. Auch Becker bekommt Babywäsche. Gottschalk hätte auch gerne welche gehabt, er wird demnächst Großvater. Dann moderiert Beckmann den nächsten Gast an: "Meine Damen und Herren, auch ein Stück Fernsehgeschichte: Wolfgang Völz." Völz ist alt und braucht sehr lange bis zum Sofa. Als er angekommen ist, ist die Zeit für seinen Auftritt schon fast abgelaufen.

Platz 6: Wer hätte das gedacht? Werner Höfer hat seinen "Internationalen Frühschoppen" auch mal per Telefon moderiert! Die "Tagesschau" hatte anfangs nur vier Mitarbeiter - jetzt hat sie 240! Manchmal gab es auch Pannen bei der "Tagesschau"! "Die Pannen sehen wir immer wieder gerne", sagt Beckmann. Na ja, wenn er das sagt. Zwischendurch fällt die Mauer.

Platz 5: Es gibt einen Menschen, dürfen wir erfahren, der bestellt unter Jens Riewas Namen immer Pizza zum NDR. Jens Riewa selbst bekennt: "'Zum Blauen Bock', das war für mich eine absolute Pflichtsendung. Beckmann kündigt ein Spiel an, in dessen Verlauf Tom Buhrow nass wird: "Das wird ein großer Spaß!" Als Buhrow dann nass ist, ruft Beckmann: "Ich werd nicht mehr!"

Platz 4: Hätten Sie's gewusst? Es wurden bisher 762 "Tatorte" gesendet! "Und hier sind sie - die schärfsten Waffen der ARD-Mordkommission", sagt Beckmann. Herein kommen dann aber doch nur Maria Furtwängler und Simone Thomalla. Immerhin wird dann noch ein Ausschnitt gezeigt, in dem Dieter Bohlen einen Zuhälter spielt. Das macht er sehr glaubhaft.

Platz 3: Kurt Krömer tritt auf und sagt: "Herr Beckmann, kommense gut nach Hause." Dann wendet er sich Maria Furtwängler zu, um sie anzuschmachten. Die Zuschauer haben gewählt: Der lustigste Komiker ist Loriot. Es werden Ausschnitte aus dem Nudelsketch und dem Lottogewinner gezeigt. Man kann es nicht mehr sehen. Es sollte ein Gesetz geben, das vorschreibt, Loriot-Sketche nur noch alle zehn Jahre zu zeigen, so wie wertvolle Pergamente, die unter dem Licht leiden.

Platz 2: Moderator Beckmann stellt den mittlerweile anwesenden Florian Silbereisen fernsehhistorisch in eine Reihe mit Peter Frankenfeld und Rudi Carrell. Die Kamera zeigt kurz Kurt Krömers Gesicht, er sieht aus, als sei ihm übel. Silbereisen singt ein Medley aus den größten Carrell-Hits. Dazu kommen alle an der Sendung beteiligten Gäste noch mal auf die Bühne und klatschen mit. Auch das Publikum klatscht im Takt. Im Hintergrund plaudert Jauch wieder mit Gottschalk, nur halbherzig führen sie die Hände zusammen. Zum Glück, scheinen sie zu tuscheln, haben wir mit dieser Sache nur sehr wenig zu tun. Reinhold Beckmann tanzt mit einer riesigen Plüschmaus. Wäre dies ein Kindergeburtstag, spätestens jetzt würden Tränen fließen.

Platz 1: Die Sendung ist aus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 128 Beiträge
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Klartext007 16.04.2010
1. Dröge und Steif
kam und kommt die ARD daher. Wenn´s hinter dem Ofen gemütlicher ist, kann ich jeden nassen Hund verstehen.
Volker Gretz, 16.04.2010
2. Hergestellt von Jauch
Zitat von sysop"Hunderttausend Höhepunkte" hat die ARD bei ihrer Jubiläumsshow versprochen - doch davon war nichts zu spüren. Moderator Beckmann witzelte gekünstelt, mancher Stargast zeigte offen sein Desinteresse. Die Top Ten eines misslungenen Abends. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,689315,00.html
"Im Hintergrund plaudert Jauch wieder mit Gottschalk, nur halbherzig führen sie die Hände zusammen. Zum Glück, scheinen sie zu tuscheln, haben wir mit dieser Sache nur sehr wenig zu tun. " Jauchs Firma hat die Sendung hergestellt.
Achill, 16.04.2010
3. ....
Zitat von sysop"Hunderttausend Höhepunkte" hat die ARD bei ihrer Jubiläumsshow versprochen - doch davon war nichts zu spüren. Moderator Beckmann witzelte gekünstelt, mancher Stargast zeigte offen sein Desinteresse. Die Top Ten eines misslungenen Abends. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,689315,00.html
Die GEZ muss ja für irgendwas gut sein.....
lespaul57 16.04.2010
4. Titel
nur mal ab und zu reingezappt und sehr schnell wieder verlassen. Die ARD hat sich mit der Sendung jedenfalls keinen Gefallen getan schätze ich. Schade.. wenigstens Krömer hätte ich gerne gesehen. Später kamen ja noch alte Berichte/Dokus usw. in der Dauerschleife, was schon interessanter war. Gruselig an der Stelle: Ein damals aktueller Bericht zur Ermordung Martin Luther Kings und die Selbstverständlichkeit des Sprechers, die Farbigen allesamt als "Neger" in ihren "Negervierteln" zu bezeichnen. Noch vor meiner Zeit. Okay. Aber erschreckend. Gut, dass sich das (hierzulande) gewandelt hat.
Robert Hut, 16.04.2010
5. Tränen vor Lachen..
Danke für diese großartige Zusammenfassung. Ich hab das Grauen nicht gesehen, kann es mir jetzt aber sehr schön vorstellen.
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