ARD-Krimi-Mehrteiler "Dreileben" Zu viele Köche ergeben Brei

Hochkarätiger Dreier: Auf der Berlinale feierte das ambitionierte ARD-Fernsehprojekt "Dreileben" Premiere, für das drei renommierte Regisseure miteinander verbundene Filme rund um einen entflohenen Sexualstraftäter drehten. Am Ende blieb die Erkenntnis: Mehr ist manchmal weniger.

WDR

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Muss man Fernseharbeiten auf der Berlinale zeigen? Seit Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens" stellt sich diese Frage nicht mehr. 2010 erlebte die TV-Serie auf der Berlinale ihre Uraufführung und baute sich dort den legendären Ruf auf, der sie über alle Quoteneinstürze und Umprogrammierungen erhaben zum Fernsehereignis des Jahres werden ließ. Nur verständlich deshalb, dass die ARD am Montagabend wieder ihr potentielles Fernsehereignis des Jahres am Rande der Berlinale vorstellte.

"Dreileben" heißt das Projekt, das drei Regisseure und drei Filme zusammenführt. Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler haben jeweils einen Teil geschrieben und gedreht, verbunden sind die Filme nur durch ihren Handlungsort und einen Kriminalfall, der mal den Hintergrund, mal das Zentrum des jeweiligen Filmes besetzt.

Christian Petzolds "Etwas Besseres als den Tod" bildet den Auftakt der Trilogie und führt in die Topographie von Dreileben ein, einem fiktiven Dorf am Rande des Thüringer Walds. Er erzählt die Liebesgeschichte des bayerischen Zivis Johannes (Jacob Matschenz) und des polnischen Zimmermädchens Ana (Luna Mijovic). Mit ihnen erläuft man sich die Schluchten, gewundenen Treppen und Täler des Dorfes und stößt in die dunklen Ecken des nahegelegenen Waldes vor.

Dass hier eine Liebe nur anfangen, aber nicht bestehen kann, wird schnell klar. Zu unterschiedlich sind die Hintergründe des privilegierten Medizinstudenten in spe und der jungen Frau, die für Mutter und Bruder mitverdienen muss. Doch für einen Sommer in einem entlegenen Dorf geben sich Johannes und Ana der Illusion von Einheit hin. Dass zeitgleich ein gefährlicher Sexualstraftäter aus der Klinik ausbricht, in der Johannes arbeitet und der Ausbruch auch noch indirekt Johannes' Fehler ist, kümmert die beiden nicht - so absorbiert sind sie von ihrem flüchtigen Glück.

Münchner ménage à trois im Thüringer Wald

Petzold gelingt mit "Etwas Besseres als den Tod" ein stimmungsvoller Einstieg in die Geschichte, das Dorf Dreileben wird bei ihm zu einem Versprechen - sowohl von Glück als auch von Unheil. Ausgerechnet für die Liebegeschichte findet er jedoch keine überzeugende Sprache. Die Begegnungen der Liebenden geraten öfters hölzern, besonders die Inszenierung ihrer sozialen Unterschiede nimmt sich platt aus. Für Reichtum fallen Petzold keine anderen Symbole als Cabrio und Golfclub ein. Erst das überraschende Ende erinnert daran, welche poetischen Kräfte Petzold mit seinen Filmen eigentlich frei setzen kann.

Dominik Graf wählt mit "Komm mir nicht nach" eine völlige andere Tonlage. Er lässt in Dreileben drei Enddreißiger in einer leichtfüßigen Beziehungskomödie aufeinander treffen. Die Architektin Vera (Susanne Wolff) und der Schriftsteller Bruno (Misel Maticevic) haben sich in dem Dorf eine vormals herrschaftliche Villa gekauft, um sie zu renovieren. Durch Zufall verschlägt es Veras Freundin Jo (Jeanette Hain) für kurze Zeit nach Dreileben. Die Polizeipsychologin soll bei der Suche nach dem flüchtigen Sexualstraftäter helfen.

Bei langen Sommerabenden mit Rotwein stellen die beiden Freundinnen fest, dass sie vor Beginn ihrer Freundschaft einst zur selben Zeit in denselben Mann verliebt waren - beide unglücklich. Was erhoffte man sich von der Beziehung? Was war man bereit, für sie zu geben? Wie erzählt man heute vom damaligen Scheitern? Beim Gespräch über den Mann lernen die Frauen sich neu kennen.

Für dieses reizvolle Beziehungsgeflecht interessieren sich Graf und sein Co-Autor Markus Busch deutlich mehr als für den Kriminalfall, der hier eher quer zur Geschichte steht. Da ihnen die ménage à trois äußerst unterhaltsam gelingt, fällt dies kaum ins Gewicht - dass sie das ostdeutsche Dorf nur als Klischee benutzen, hingegen schon. Die drei Hauptfiguren sind bildungsbürgerliche Westler, die das Dorfleben samt Schützenfest und Grilltradition bestenfalls mit sanftem Mitleid begleiten. Die grobkörnige Optik evoziert zusätzlich ein nostalgisches Verlangen nach Westdeutschland, das die Verquickung mit dem aktuellen Verbrechen vor Ort letztlich noch willkürlicher erscheinen lässt.

Zwei Enden, die sich gegenseitig aufheben

Mehr Sorgfalt dem Ort gegenüber bringt Christoph Hochhäusler mit "Eine Minute Dunkel" auf. Er erzählt die Geschichte des flüchtigen Sexualstraftäters Molesch (Stefan Kurt), der einst in Dreileben aufwuchs, aber bei seiner strengen Pflegemutter keine Heimat fand. Als die Mutter stirbt, wird er für einen letzten Besuch aus der Haft ins Krankenhaus geleitet, in dem die Tote aufgebahrt ist. Aus Versehen zeigt ihm Zivi Johannes eine Tür, durch die er aus dem Totenzimmer fliehen kann. Fortan schlägt sich Molesch durch ein wildes Gelände, das ihm einerseits allen Mut und alle Geistesgegenwart abverlangt, um in ihm überleben zu können. Andererseits begegnet Molesch dort allen persönlichen Dämonen, die ihn einst in die Fänge der Polizei getrieben haben.

Leider finden Hochhäusler und sein Co-Autor Peer Klehmet keine Idee, die über die gesamte Dauer von Moleschs Flucht trägt. Die Begegnungen im Wald wirken zunehmend ratlos, die Nebengeschichte vom körperlich lädierten Kommissar (Eberhard Kirchberg), der mit letzten Kräften den Fall neu aufrollt, hat man in verschiedenen Variationen schon oft genug gesehen. Gänzlich schade ist, dass "Eine Minute Dunkel" mit einem Knalleffekt zum Schluss sogar noch das schwebende Ende von "Etwas Besseres als den Tod" zunichte macht - hier schadet die Verzahnung den einzelnen Teilen mehr, als dass sie sie stützt.

Aber auch sonst stehen die Filme eher nebeneinander, als dass sie sich überlappen und damit neue Farben und Muster schaffen. Verschiedene Figuren und Situationen kommen zwar in allen Episoden vor, doch sie gewinnen durch die Re-Kontextualisierung nicht an neuen Ebenen. Der Kriminalfall nimmt über die drei Teile hinweg keine überraschende Wendung, Charaktere erscheinen nicht in neuem Licht.

In einem ähnlich gelagertem Projekt, der Red-Riding-Trilogie der BBC, drehten auch drei Regisseure jeweils einen Teil. Allerdings waren ihre Arbeiten durch das Drehbuch eines einzelnen Autoren verbunden, der die Erzählstränge virtuos über die verschiedenen Episoden hinweg verflocht. Auch "Dreileben" hätte diese Stringenz gut getan. Als Dreiteiler funktionieren die Filme kaum, als Einzelstücke entwickeln sie durchaus eigenständige Qualitäten. Ob das aber reicht, um zum Fernsehereignis des Jahres zu werden, ist fraglich.


Die Fernsehausstrahlung von "Dreileben" ist für den Herbst angesetzt.



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