ARD-Krimi mit Götz George: Die kleine Stricher-Kneipe in unserer Straße

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Ein Spießer-Jurist in der Schwulenbar: In Andreas Kleinerts Krimi-Elegie "Nacht ohne Morgen" zieht Götz George als Staatsanwalt durch die Homo-Szene, um einen Stricher-Mord aufzuklären. Ein kompromissloser Auftritt in einem kompromisslosen Film - man möchte weinen vor Glück.

ARD-Meisterwerk mit Götz George: Schöne kaputte Welt Fotos
WDR

Eine paar ältere Männer starren am Tresen in ihr Bier, in der Luft hängen Zigarettenrauch und unerfüllte Sehnsüchte. Eigentlich sieht diese Kneipe aus wie tausend andere - wären da nicht die vielen jungen Männer, die sich aufreizend im holzgetäfelten Gang präsentierten. Stricher-Treff und Nachbarschaftstränke, in diesem Etablissement liegt das ganz dicht beieinander. Man kennt sich, man hat die gleichen Leidenschaften, man spendet einander Trost. Naja, zahlen muss man für diesen Trost schon, ansonsten aber macht man auf Familie.

Nur einer passt in dieses Szenario nicht hinein: Jasper Dänert (Götz George), Staatsanwalt in Rente, arriviert, akkurat und viel zu alert für das bierselige Ambiente der Schwulenkneipe. Der Mann hat nicht mehr lange zu leben, ein bösartiger Tumor wuchert in seinem Körper, aber ein ungelöster Fall lässt ihn nicht ruhen. Vor 18 Jahren war ein Stricher ermordet worden, der Täter wurde nie gefasst, Dänert arbeitet immer noch wie besessen an der Sache. Zigaretten und Pillen halten ihn am Laufen.

Weshalb der kleine tote Stricher so wichtig für ihn ist? Wahrscheinlich so eine Sache, die man immer verdrängt hat, und die man abschließen muss, um sich beruhigt zum Sterben hinlegen zu können. Der große Jurist, im Angesicht der eigenen Vergänglichkeit wird er ganz gefühlig. Jedenfalls nimmt er bald von seiner schönen und begehrenswerten Frau (Barbara Sukowa) keine Notiz mehr und streift dafür mit der jungen kauzigen Polizistin Larissa Brandow (Fritzi Haberlandt) durchs ehemalige Grenzgebiet von Brandenburg - die Gegend, wo sich der Mord zugetragen hat - und das Berliner Schwulenmilieu.

Der Schrecken der Vergangenheit als pure Gegenwart

Was für eine sonderbare, was für eine sonnenlose Welt das ist; wie aus einer vergangenen Zeit. Die Seenlandschaft von Brandenburg sieht mit ihren alten Höfen und morschen Hütten noch immer aus wie in der Nachwende-Zeit, die Berliner Schwulentreffs muten so einladend gestrig an, als stammten sie aus Heiner Carows legendärem Defa-Schwulendrama "Coming Out" von 1989, das genau in jener Nacht Premiere feierte, als die Mauer fiel. So kommt die Krimi-Elegie "Nacht ohne Morgen" wie ein Abgesang auf die Aufbrüche vergangener Zeiten daher. Der Morgen - hier wartet man vergeblich auf ihn.

Der TV-auteur Andreas Kleinert ist also wieder bei seinem Stammthema angekommen. Kleinert, in den achtziger Jahren bei der Defa ausgebildet und heute einer der ganz großen, kompromisslosen Fernseherzähler, gilt als Mann für die Systemwechsel. Die großen gesellschaftlichen Umbrüche und die kleinen Dramen darin, das ist sein Sujet.

In seinem Schwarzweißgemälde "Wege in die Nacht" von 1999 erzählte Kleinert von einem ausgemusterten VEB-Direktor, der in der Berliner U-Bahn ungebeten den Sheriff mimt. In seinen Mecklenburger und Brandenburger "Polizeirufen" ließ er seine Figuren verloren durch die Ruinen des Aufbau Ost taumeln. In "Als der Fremde kam" inszenierte er Götz George 2006 als dubiosen Gewerkschaftsführer in einer Art Proletarierdämmerung. Ebenso verstörend war seine Kiez-Ballade "Hurenkinder" aus dem Jahr 2008, in der er das alte, sterbende Hamburger Rotlicht-Milieu in krassen Kontrast setzt zum kalten hanseatischen Medienprotz der Gegenwart.

Wer sind die Gewinner, wer sind die Verlierer, wenn sich die Zeiten ändern? Das ist die Frage, die auch in "Nacht ohne Morgen" (Buch: Karl-Heinz Käfer) von zentraler Bedeutung ist. Der Krimi spielt auf zwei Zeitebenen, in der Nachwendezeit und in der Gegenwart - allerdings greift Kleinert nicht auf billige Rückblenden zurück, in der die Ereignisse rekonstruiert werden. Wie vor ein paar Wochen Regisseurin Franziska Meletzky bei ihrem ARD-Stasi-Thriller "Es ist nicht vorbei" gelingt es auch ihm, von den Schrecken der Vergangenheit in purer Gegenwart zu erzählen.

Bei Andreas Kleinert reichen ein paar kleine Details, um von den Umbrüchen früherer Zeiten zu berichten - etwa die Poster an der Wand im noch immer nicht renovierten Jugendzimmer des toten Strichers, da prangt Jimmy Somerville neben Freygang. Die Schwulen-Ikone der achtziger Jahre neben den großen DDR-Rock-Dissidenten der achtziger Jahre, wie viel Rebellion und Aufbegehren von ehedem da an der Wand hängt! Beinahe könnte man wehmütig werden.

Und mitten drin in diesem brutal zärtlichen, psychologisch schonungslosen Drama, das die Richtlinien des öffentlich-rechtlichen Konsensfernsehens weit hinter sich lässt: Götz George in seiner vielleicht größten Rolle seit "Der Totmacher" von 1995. Still, präzise, rigoros arbeitet er sich hier als Todgeweihter ins emotionale Zentrum des Films vor. Am Ende wird sogar geweint, Erlösung aber gibt es nicht. Die Tränen, die hier fließen, tun weh.


"Nacht ohne Morgen", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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1. !
unterländer 30.11.2011
Zitat von sysopEin Spießer-Jurist in der Schwulenbar:*In Andreas Kleinerts Krimi-Elegie "Nacht ohne Morgen" zieht Götz George als Staatsanwalt durch die Homo-Szene, um einen Stricher-Mord aufzuklären. Ein*kompromissloser Auftritt in einem kompromisslosen Film - man möchte weinen vor Glück. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,799582,00.html
Ich fürchte, man muss erst den Film gesehen haben, um diese Kritik zu verstehen. Auf alle Fälle habe ich anhand dieser Nachbetrachtung keine Ahnung davon, ob ich mir diese Produktion ansehen soll oder nicht. Liegt vielleicht auch daran, dass mir z.B. Freygang und die beispielhaft angeführten Filme zum großen Teil überhaupt nichts sagen.
2. .
heineborel 30.11.2011
Zitat von unterländerIch fürchte, man muss erst den Film gesehen haben, um diese Kritik zu verstehen. Auf alle Fälle habe ich anhand dieser Nachbetrachtung keine Ahnung davon, ob ich mir diese Produktion ansehen soll oder nicht. Liegt vielleicht auch daran, dass mir z.B. Freygang und die beispielhaft angeführten Filme zum großen Teil überhaupt nichts sagen.
Bei so viel Lob schaue ich mir den mal an...
3. Scheinbar schon wieder einer dieser typischen, unglaubwürdigen G:George Filme.
keats 30.11.2011
Zitat von sysopEin Spießer-Jurist in der Schwulenbar:*In Andreas Kleinerts Krimi-Elegie "Nacht ohne Morgen" zieht Götz George als Staatsanwalt durch die Homo-Szene, um einen Stricher-Mord aufzuklären. Ein*kompromissloser Auftritt in einem kompromisslosen Film - man möchte weinen vor Glück. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,799582,00.html
Ja ja die Tränen, wenn sie mir bei diesem neuen G. George Machwerk kommen sollen, sicher nicht vor Glück oder ähnlichem. GG ist für ich nicht der Inbegriff echter gefühlsstarker, gar authentischer ( ! ) Schauspielkunst, die es schafft einen gefühlsmäßig so zu bewegen, dass man tief in sich, durch den Egopanzer des Alltags und der Routine hindurch, so ergriffen, ja gepackt wird, dass echte (!) Tränen und zwar des Gefühls und nicht des Schmerzes entstehen. Nun vielleicht ist dies ja doch einer der ganz wenigen Filme, der diese Qualitäten besitzt. Aber nachdem lesen dieses Artikels kann ich daran nicht glauben. Besonders der letzt Satz der Schlagzeile (Dachzeilen) schlägt einen fast nieder. Abgesehen vom angeblich " . . . kompromisslosen Auftritt in einem kompromisslosen Film . . .", halte ich Tränen für durchaus plausibel, sicher aber nicht vor "Glück" !
4. Aufpassen
gruenerfg 30.11.2011
Zitat von sysopEin Spießer-Jurist in der Schwulenbar:*In Andreas Kleinerts Krimi-Elegie "Nacht ohne Morgen" zieht Götz George als Staatsanwalt durch die Homo-Szene, um einen Stricher-Mord aufzuklären. Ein*kompromissloser Auftritt in einem kompromisslosen Film - man möchte weinen vor Glück. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,799582,00.html
Nicht versäumen, den tollen Film, ist logischerweise der Filmtip in der Bild!
5. Finale
synanom 01.12.2011
hat jemand den film gesehen und kann mir das ende erklären? bei uns daheim wird diskutiert...;-) wer hat den jungen umgebracht?
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