Streit mit Zeitungsverlegern ARD-Vorsitzende Wille zieht selbstkritisch Bilanz

Zum Ende ihrer Amtszeit als ARD-Vorsitzende blickt Karola Wille kritisch auf ihr Schaffen - und bedauert, dass sie den Disput mit den Zeitungsverlegern nicht beilegen konnte.

Die MDR-Intendantin und scheidende ARD-Vorsitzende Karola Wille
DPA

Die MDR-Intendantin und scheidende ARD-Vorsitzende Karola Wille


Zwei Jahre war sie als Vorsitzende tätig und damit die oberste Repräsentantin des ARD-Senderverbunds - anlässlich des Ausscheidens aus dem Amt hat Karola Wille, in Hauptfunktion MDR-Intendantin, in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur nur eine gemischte Bilanz gezogen.

In dem Interview erinnert sie an Tabubrüche und Grenzverschiebungen. "Dazu gehört für mich auch das Thema Staatsrundfunk, das ein Teil der öffentlichen Debatte geworden ist", sagte Wille. "Wir haben auch einen Werteschwund. Mich beschäftigt schon, was in den sozialen Netzwerken teilweise los ist. Und wir erleben auch eine Ignoranz gegenüber Fakten."

Kritisch bewertet sie die Reaktionen auf den Bericht, den die ARD im September an die Rundfunkkommission der Länder überreicht hat: "Das Papier ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein Einsparpapier, was ihm nicht gerecht wird", so Wille. Das Schriftstück sollte Leitlinien für das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Zukunft liefern.

Sagen, was falsch läuft

Positive Entwicklungen sieht die Fernsehmanagerin beim Thema Vertrauen in die Medien: Nach den Kölner Silvesterereignissen habe es intensive Diskussionen zu Qualitätsfragen im Journalismus gegeben. "Wir haben uns in der ARD kritisch hinterfragt: Trennen wir immer sauber zwischen Nachricht und Kommentar, zwischen Fakten und Meinung?" Wichtig sei auch ein offener Umgang mit Fehlern: "Es ist aus meiner Sicht sogar demokratieförderlich, wenn man sagt, was man falsch gemacht hat."

Nicht zufrieden ist Wille mit den Diskussionen mit Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern. Zuletzt hatte sich Mathias Döpfner, Springer-Chef und Präsident des Bundesverbands deutscher Zeitungsverleger, in einem SPIEGEL-Gespräch kritisch zu der ARD und ihrer publizistischen Expansion in den Textbereich samt digitaler Verbreitungswege geäußert.

Wille erklärt nun, es sei ihr Ziel gewesen, die Kooperationen mit anderen Qualitätsmedien zu stärken. "Und dazu gehörte dann auch, den Streit mit den Verlegern zu beenden." Nach einer langwierigen Diskussion mit Höhen und Tiefen sei es leider nicht gelungen, den gordischen Knoten zu durchschlagen.

Wille plädiert aber dafür, die Gespräche fortzusetzen und bietet den Verlagen an, sie in der Auseinandersetzung mit Internetgiganten wie Google beim Thema Leistungsschutzrecht zu unterstützen.

Am 1. Januar übernimmt Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks, den ARD-Vorsitz.

cbu/dpa



insgesamt 11 Beiträge
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syracusa 27.12.2017
1. mehr Demokratie wagen
Ja, ich moniere schon seit Jahren eine sehr unzulängliche Kooperation zwischen ÖRR (der eben kein Staatsfunk ist, sondern ein Bürgerfunk!) und Presse. Dabei könnte gerade der ÖRR dazu beitragen, dass die Printmedien, die im Internet bislang noch kein tragfähiges Geschäftsmodell gefunden haben, nicht nur langfristig überleben können, sondern sogar zu einer Stärkung demokratischer Verhältnisse beitragen können. Ich denke dabei an die in vielen Regionen Deutschlands geradezu antidemokratische Verfilzung der oft zu Meinungsmonopolen entarteten lokalen Tageszeitungen mit der Lokalpolitik. Hier, im Bereich der regionalen Presse und der lokalen Politik ruht die Zukunft unserer Demokratie, und die ist massiv bedroht. Gemeinsam mit Printmedien und freien Journalisten könnte der ÖRR hier ein vollkommen neues Medium schaffen, in dem sich bisherige Printmedien, Radio, TV und Internet zu neuen Einheiten verknüpfen. Sinnvoll wäre es IMO, in diesem Bereich die im deutschen ÖRR stattfindende Binnenpluralität zugunsten einer Außenpluralität beispielsweise nach niederländischem Vorbild aufzugeben. Damit würde im Bereich der Lokalmedien das Potential vieler freier Bürgerorganisationen nutzbar gemacht werden.
ernstmoritzarndt 27.12.2017
2. Kritisch? Selbstgefällig!
Die Oberen der Öffentlich - Rechtlichen Sendeanstalten führen sich mit ihren Gehältern, der Art ihres Wirtschaftens und dem Umgang mit der Wahrheit wie Dudezfürsten auf. Wenn die Öffentlich - Rechtlichen die wesentlichen Probleme nicht lösen können, werden sie über kurz oder lang der Kritik der Bevölkerung zum Opfer fallen: 1.) Das Finanzgebahren ist unerträglich. Die Posten- und Pöstchenschiebereien sind nicht zu fassen. 2.) Damit geht einher die unheilvolle Melange zwischen Parteipolitik und den Öffentlich - Rechtlichen. Es kommen hinzu andere institutionelle Gruppierungen wie Gewerkschaften und Kirchen. Was haben die Fürsten dieser Organisation im Rundfunk zu suchen? Weshalb kommt einer von den Evangelen da rein, kleinere Kirchen werden nicht berücksichtigt. Gleiches gilt für katholische Vertreter. Mit welcher Begründung und welchen Wahlverfahren werden diese Personen, die nichts anderes zu tun haben, als Rücksicht auf ihre Entsender zu nehmen, in die Aufsichtsgremien implementiert? 3.) Völlig unzulänglich ist die Aufsicht über die Art und Weise der Berichterstattung. Ja, bei Köln hat man ein einziges Mal begriffen, daß die Berichterstattung grundverkehrt war. Was geschieht in anderen Bereichen? Ich denke an die generelle Ausländerproblematik. Oder, warum wird beispielsweise der frühere Unternehmer Schlecker in aller Breite der Öffentlichkeit mit großen Bildern "zum Fraß vorgeworfen", während zum Schutze des größten Kinderschänders oder sonstigen richtigen Verbrechers jedes Foto verpixelt wird? Ist das ordnungsgemäße Berichterstattung? Weshalb wird bei der einen Gruppe von Straftätern regelmäßig von "mutmaßlichen" Tätern gesprochen, bei anderen werden die Namen genannt und Verbrechen als solche eindeutig und klar benannt? 4.) Wann wird "die Politik" endlich dazu übergehen, die Rechtsaufsicht und - nicht zuletzt - die Finanzaufsicht über die Öffentlich - Rechtlichen einer substantiellen Kontrolle unterziehen, die auch greift? Also nicht irgendwelche abgehalfterten Politik der hinteren Reihen, die nochmal zur Erlangung einer Rente für ein paar Jahre dorthin versetzt werden. 5.) Wann wird endlich zwischen den klassischen Verlegern und dem Öffentlich - Rechtlichen Bereich ein Gleichklang des Wettbewerbes hergestellt? Mit welcher Begründung muß an sich bei ARD und ZDF (wo man bekanntlich in der ersten Reihe sitzen soll) stundenlange Werbesendungen ansehen, die sich diese Sender vergolden lassen, während die Privatsender die Grundkosten mit der Werbung bezahlen lassen müsse, während die Öffentlich - Rechtlichen diese Grundkosten von den Beitragszahlern im Wege des Zwangsbeitrages hereinholen. Fragen, über Fragen, die von keinem Politiker beantwortet werden. Warum wohl?
vantast64 27.12.2017
3. Hatte sie nicht die alleinerziehende Mutter ins Gefängnis gesteckt,
weil diese nicht am Staatsrundfunk teilnehmen wollte und auch keinen Empfänger besaß? Diese kam ins Schuldnerverzeichnis, verlor ihren Job, ihr Leben wurde das Rundfunkunrecht ruiniertund kein Politiker empört sich, weil diese den Staatsfunk zum Machterhalt brauchen.
hauschildbrutillot 27.12.2017
4. @syracusa
Die Zukunft der Printmedien ( und des Rundfunks) liegt nicht in einer noch weiteren Regionalisierung. Das ist mit Verlaub schlicht Unsinn. Was soll aus dem lokalen/regionalen Bereich dauernd berichtet werden: vom Kaninchenzüchterverein? Außerdem übersehen Sie, dass eine Ausdehnung der dieses Bereichs durch gravierende Abhängigkeiten begrenzt wird. Eine kritische Berichterstattung wirkt sich sehr schnell auf das Anzeigenvolumen aus. Die Regionalisierung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat auf Druck der regionalen Politiker und Wichtigtuer zu absurden Sendungen geführt, nicht zuletzt etwa beim Tatort. Zu hinterfragen ist vielmehr die etwas seltsame Kooperation, z.B. beim sog. Rechercheverbund etwa zwischen SZ, NDR und WDR. Ob das mit den Rundfunkgesetzen vereinbar ist, sei dahingestellt. Meine Meinung: in einer immer komplizierter werdenden Welt können Zeitungen und andere Printmedien nur überleben, wenn Sie den Lesern fundierte Hintergrundinformationen liefern, die diesen ermöglichen, sich selbst ein Bild zu machen. Das bedeutet: nicht kürzere, sondern längere Artikel, keine Einsparungen mehr bei den Journalisten, für deren Zukunftssicherung ebenfalls gesorgt werden muss.
nordlicht123321 27.12.2017
5. Grundversorgung
Müssen es dutzende Radiosender sein? Muss es eine so üppige Altersversorgung sein? Warum Werbung? Warum nicht mehr Transparenz? Es gibt zwei Dinge in Deutschland, welche sich nie ändern. Der Zwangsbeitrag und die Besserstellung von Beamten gegenüber Arbeitern und Angestellten.Die Lobby ist zu stark.
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