Von Daniel Haas
Weiß alles, war schon überall, kann überall wieder hin, in Sekundenschnelle. Das klingt wie das Internet, ist aber Baron Münchhausen, der legendäre Lügenzampano, ein großer Geschichten-, Abenteuer- und Unterhaltungskünstler. Für den Baron wäre Facebook ideal. Die Bilder seiner Abenteuerreisen würden mit Photoshop authentisch, seine Storys bescherten ihm zahllose Friends. Auch eine Karriere als Borderline-Journalist wäre denkbar: "Wie ich mit Angelina Jolie und Johnny Depp mehrere Wochen an einem Filmset verbrachte."
Der gute Münchhausen war schon postmodern, als die Post noch nicht mal modern war. Seine Identität war eine Collage, seine Biografie ein kreativer Selbstentwurf. Und ersetzt man in dem Zitat den Depp mit Jan Josef Liefers und die Jolie mit Katja Riemann, ist die Geschichte sogar schon wieder wahr.
Liefers und Riemann spielen nämlich die Hauptrollen im Münchhausen-Zweiteiler der ARD. Wenn nicht wahr, so doch wahrscheinlich ist auch, dass Liefers die Figur des Captain Jack Sparrow aus "Fluch der Karibik" sehr genau studiert hat. Das leicht Affektierte, die ironische Dandy-Rhetorik, der kokette Gang, man kennt das alles von Johnny Depp. Auch der berüchtigte Kajalstift kam zum Einsatz.
Mutti tot, Kind versklavt
Riemann spielt Zarin Katharina, ihr Vorbild könnte Madame de Merteuil aus den "Gefährlichen Liebschaften" gewesen sein, dargestellt von der genial fiesen Glenn Close. Auch bei Riemann reimt sich Intriganz auf Eleganz. Tatsächlich kann sie, die einstige Mädchenschnute des deutschen Films, auf sehr überzeugende Weise hintertrieben sein.
So, jetzt ist alles Gute gesagt.
Der Rest ist einfach nur deutsches Weihnachtsfernsehen, wie es sich Knecht Ruprecht ausgedacht hat: Eine Strafaktion, um all jenen, die heimlich das Jahr über bei Sky oder TNT amerikanische Serien geguckt haben, die Knute der öffentlich-rechtlichen Verschmocktheit überzuziehen.
Kurz der Handlungsverlauf, damit diese lästige Pflicht erledigt ist: Münchhausen rettet die Zarin vor den Osmanen, hat von da an ein kleines Mädchen (Helen Ottmann) am Hals, die sich als seine Tochter ausgibt und zur Mutter zurückgebracht werden will.
Die Mutter aber ist tot, und die Zarin hat keine Lust auf Familie, das Kind wird also aus dem Weg geschafft, das heißt, beim Hof des Sultans (Tayfun Bademsoy) als Sklavin ausgelagert. Am Ende: Familienzusammenführung. Und dem Baron winkt als Retter sogar ein Liebesglück in Gestalt von Jessica Schwarz. Die ist auf eine neumodische Weise zugleich kess und piefig, dass man sich wiederum an jene Beziehungskomödien der Neunziger erinnert fühlt, in denen Riemann mitspielte.
Kulissen wie im Reisebüro
Sage jetzt keiner: Das ist eben Familienfernsehen. Beim Aufrufen einer Spiele-App auf dem iPhone kommt mehr Dramatik zustande als in diesen drei, von Andreas Linke inszenierten Stunden. Peinliche Action, die jeden Fünftklässler, der auch nur in die Nähe eines Harry-Potter-Films gekommen ist, zu Gähnkrämpfen reizen. Endlose Dialoge, durch die sich Liefers quält, als sei er ein als Pirat verkleideter Oscar Wilde mit Depressionen. Kulissen, die nicht nur ausschauen wie Pappe, sondern auch danach klingen. Besonders schlimm ist das am Sultanshof, wo alles aussieht wie in einem TUI-Reisebüro, Themenwoche Arabien. Wenn da ein Darsteller ein bisschen schneller die Treppe runterläuft, kriegt man Angst um ihn.
Und die Botschaft? Es gibt sicher eine Botschaft, es ist doch Weihnachten. Ja. Und es ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Fassen wir also zusammen: Der Hochadel in Gestalt der Zarin ist korrupt. Der Osmane bedrängt Christen, schätzt Kinderarbeit und hält sich Zehnjährige als Haussklaven. Die Rettung ist ein mittelloser, umherreisender Lügenbaron. Er zeigt's dem Slawen wie dem Muslim und befreit das Kind aus der Not.
Für die Gegenwart übersetzt: Ein begabter, hoch flexibler, aber durch die Verhältnisse arg prekarisierter Kreativer aus Berlin (Werbetexter, PR-Berater) muss sich in einem Problemkiez mit reichen Snobs (Gentrifizierung!) und Migranten herumschlagen und dazu alleine ein Kind großziehen. Männer, so die Idee, übernehmt Verantwortung, kulturell und sozial. Und wenn ihr schon eskapistisch unterwegs sein müsst, dann denkt euch eine Geschichte aus. Eine, in der ihr Kanonenkugeln reitet, den Mond besteigt und adelige Weibsbilder aus fremden Ländern.
Und dann ab damit zu Facebook.
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