ARD-Programmchef Herres: "Ja, wir haben Nachwuchssorgen"

2. Teil: "Gut gemachtes Fernsehen ist wie eine gute Ehe"

ARD: Pflaume, Jauch und lustige Polizisten
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ARD/ WDR

SPIEGEL ONLINE: Am Freitagabend räumt die ARD generell gut ab, anders sieht es bisher mit dem Vorabend aus, der jetzt komplett umgekrempelt wird. Sie haben ihn einmal den "verfluchten Sendeplatz" genannt...

Herres: ...und war damit moderater als mein Vorgänger, der von der "Hölle des Vorabends" sprach. Es ist eine der umkämpftesten Zeitschienen des deutschen Fernsehens; wir sind dort mit grandiosen Serien, zum Beispiel "Türkisch für Anfänger", nach Quotengesichtspunkten gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: "Türkisch für Anfänger" war modern erzählt. Für den Umbau Ihres Vorabends sind nun fünf neue Serien unter dem Motto Crime & Smile geplant. Vorbild ist die Hamburg-Schnurre "Großstadtrevier" - geht es nicht ein bisschen jünger?

Herres: Klar, das "Großstadtrevier" hat schon einige Dienstjahre auf dem Buckel. Das ist auch gut so, diese Beständigkeit schätzen ja gerade die angestammten Fans. In den neuen Serien wird wie im "Großstadtrevier" das Regionale hervorgehoben, dafür ist die ARD mit ihrer föderalen Struktur ja prädestiniert, "Heiter bis tödlich" - das ist die neue Dachmarke - soll nach dem "Tatort"-Prinzip funktionieren. Gleichzeitig bringen die neuen Serien ein neues Aroma in den Vorabend, da wird etwa auch zeitgemäße Comedy eingebaut. Natürlich interessieren uns auch jüngere Zuschauer, die muss man in ihrer Sprache erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Dafür soll nun ausgerechnet Thomas Gottschalk sorgen. Der 60-Jährige, so der Plan, wird viermal die Woche aus einem kleinen Studio in einer interaktiven Sendung die Generation Facebook antwittern und anchatten.

Herres: Nicht nur die. Wir haben nicht ausschließlich das Ziel der Verjüngung. Wir wollen ein möglichst breites Publikum ansprechen. Aber natürlich ist der Vorabend auch Werberahmenprogramm, und da fällt der Blick eben im Besonderen auf die Zielgruppe der unter 49-Jährigen. Thomas Gottschalk besitzt einfach die Gabe, generationsübergreifend Menschen anzusprechen. Und er ist, das habe ich im persönlichen Gesprächen und Mails mit ihm erfahren, extrem fit in Sachen Internet. Er schickt mir auch YouTube-Links: Schau mal, Herr Programmdirektor, das würde ich in meine Sendung nehmen!

SPIEGEL ONLINE: Die Internet-Butze gegen die große Show zu tauschen - ein interessanter Karrierezug von Gottschalk. Sagt das etwas über Fernsehunterhaltung generell aus? Ist die Ära des Schichten und Generationen verbindenden TV-Ereignisses endgültig beendet?

Herres: Die richtige Antwort kann nur jein sein. Wir haben tatsächlich einen immer fragmentierteren Fernsehmarkt. Die Zeit, wo sich Vater, Mutter und Kind satt, gebadet und zur selben Zeit ums Fernsehlagerfeuer setzten, ist vorbei. So funktioniert Fernsehen nicht mehr, so funktioniert auch Familie nicht mehr. Gleichzeitig gelingt es Fernsehen immer wieder, Gemeinschaftserlebnisse zu stiften. Ob Sie nun die Fußball-WM, den ESC oder den "Tatort" nehmen. Und auch Kai Pflaume hatte bei uns in der ARD gerade mit "Klein gegen groß" extrem gute Quoten.

SPIEGEL ONLINE: Gottschalk, Pflaume, Jauch - die ARD warb gleich eine ganze Reihe eher ältere Herren von der Konkurrenz ab. Hat Ihr Sender Probleme, junge Talente selbst aufzubauen?

Herres: Wir haben auch Matthias Opdenhövel zu uns geholt. Im Bereich der Unterhaltung - und nur da - gilt: Ja, wir haben Nachwuchssorgen. Es gibt da in jeder Generation immer nur ganz wenige Großtalente. Die Gabe, ein Millionenpublikum zu unterhalten, ist selten. Dennoch sind wir ständig auf der Suche.

SPIEGEL ONLINE: Beneiden Sie in diesem Punkt die Kollegen vom ZDF, die sich mit ZDFneo eine schöne Experimentierbühne geschaffen haben?

Herres: Ich gönne das dem ZDF. Zumal wir mit EinsFestival über ähnliche Möglichkeiten verfügen.

SPIEGEL ONLINE: Aber EinsFestival kann sich doch mit Programmumfang und Strahlkraft kaum mit ZDFneo messen.

Herres: Es stimmt: Wir haben nicht so viel Geld in die Hand genommen, wie es das ZDF getan hat. Aber ich verspreche, wir werden in diesem Bereich aufholen.

SPIEGEL ONLINE: Wo Sie zweifellos breit aufgestellt sind, ist der Talk: Ab dieser Woche werden gleich fünf Talkmaster - Jauch, Plasberg, Maischberger, Will und Beckmann - auf Sendung gehen, dafür haben Sie eine Riesenrochade veranstaltet. Gab es dabei aus Ihrer Sicht einen Verlierer?

Herres: Wer sollte das sein?

SPIEGEL ONLINE: Reinhold Beckmann zum Beispiel. Er musste seinen angestammten Platz am Montag verlassen und tritt jetzt direkt gegen die extrem populäre Maybrit Illner im ZDF an.

Herres: Er wird damit umgehen können. So ein neues Programmschema ist immer ein Kompromiss ganz unterschiedlicher Interessen. Ich glaube, er ist uns mit unseren Talks gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen es gleich fünf Talks sein? Worüber soll diskutiert werden, wenn die Inhalte zuvor nicht vermittelt wurden, weil wichtige Doku-Sendeplätze gestrichen worden sind?

Herres: Ihr Eindruck trügt, die Doku-Sendeplätze wurden nur verlegt. Ich kann Ihnen vorrechnen, dass bei unserer Reform keine einzige Sendeminute Informationsprogramm gestrichen wurde. Im Gegenteil: Wir haben die Information ausgeweitet und gestärkt. Wir haben am Montag jetzt sogar einen verhältnismäßig frühen Sendeplatz für Dokumentationen, es werden da dann immer zwei Dokumentationen hintereinander laufen. Außerdem werden wir im Sommer, wenn die Talks pausieren, noch stärker ambitionierte 90-minütige Dokumentationen senden.

SPIEGEL ONLINE: Die Sommerpause ist also abgeschafft?

Herres: Davor werde ich mich hüten. Ich finde es sehr wichtig, dass man zu dieser besonderen Zeit des Jahres ein wenig anders programmiert. Wir haben hier eben Raum, auch einmal anderes anzubieten. Am reizvollsten ist ein Sendeschema, das für den Zuschauer sehr verlässlich ist, das aber punktuelle Abweichungen zulässt. Gut gemachtes Fernsehen ist wie eine gute Ehe: Die funktioniert ja auch nur, wenn es bei aller Eingespieltheit mal eine hübsche Überraschung gibt.

Das Interview führte Christian Buß

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insgesamt 68 Beiträge
dani216 29.08.2011
das einzige, was ich in der ARD anschaue, ist der Tatort Sonntags. Aber auch meist nur deshalb, weil ich die Werbeunterbrechungen der Privaten nicht mehr ertrage. Und die Sportschau Samstags ist auch schon lange nicht mehr das, [...]
das einzige, was ich in der ARD anschaue, ist der Tatort Sonntags. Aber auch meist nur deshalb, weil ich die Werbeunterbrechungen der Privaten nicht mehr ertrage. Und die Sportschau Samstags ist auch schon lange nicht mehr das, was sie mal war. Ganz ehrlich ... die ARD würde mir mit dem derzeitigen Programmangebot nicht sonderlich fehlen. Ich glaube auch nicht, dass Herr Gottschalk und Herr Jauch daran etwas ändern werden.
sitiwati 29.08.2011
der Programmdirektor Angst haben, die Zwangsgelder fliessen und Scheiss auf die Einschaltquoten!
der Programmdirektor Angst haben, die Zwangsgelder fliessen und Scheiss auf die Einschaltquoten!
erbseneintopf 29.08.2011
er sollte hier viel genauer differenzieren...die Nachwuchssorgen gibt es nur bei den überbezahlten Hampelmännern die vor der Kamera rumturnen... Abgehalfterte Politikerfreunde für die noch grösseren Absahnerjobs im Wasserkopf [...]
Zitat von sysopDas Erste*räumt groß*auf - im Interview spricht*ARD-Programmdirektor Volker Herres über*schwache Quoten, Altmeister Gottschalk, Talk-Überfluss und Info-Schwund.*Er sagt: "Unterhaltung ist ein Grundrecht der Menschen." http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,781848,00.html
er sollte hier viel genauer differenzieren...die Nachwuchssorgen gibt es nur bei den überbezahlten Hampelmännern die vor der Kamera rumturnen... Abgehalfterte Politikerfreunde für die noch grösseren Absahnerjobs im Wasserkopf der was weiss ich wievielen ARD Sender gibt es zur Genüge...
hatem1 29.08.2011
"Heiter bis tödlich" ist also die neue Dachmarke der ARD-Schmunzelkrimis. Für mich klingt das nach verschnarchtem Rentnerfernsehen aus der Provinz. Wenn die ARD bei Leuten unter 50 punkten will, warum macht sie nicht [...]
"Heiter bis tödlich" ist also die neue Dachmarke der ARD-Schmunzelkrimis. Für mich klingt das nach verschnarchtem Rentnerfernsehen aus der Provinz. Wenn die ARD bei Leuten unter 50 punkten will, warum macht sie nicht moderne Krimis aus den Großstädten? Muss ja nicht düster sein. Aber so was wie "Berlin Berlin" als Krimi würde garantiert mehr ziehen als "Heiter bis tödlich"-Regionalfernsehen.
TheDayAfter2 29.08.2011
"Unterhaltung ist ein Grundrecht der Menschen." "We`ll do it for you." Fortschritt = Delegieren. Delegieren = Nichttun. Nichttun = Vegetieren. Fortschritt = Vegetieren. G. Anders, Ketzereien S. 264 [...]
"Unterhaltung ist ein Grundrecht der Menschen." "We`ll do it for you." Fortschritt = Delegieren. Delegieren = Nichttun. Nichttun = Vegetieren. Fortschritt = Vegetieren. G. Anders, Ketzereien S. 264 Beck`sche Reihe Herr Herres solche Aussagen sind zutiefst menschenverachtend!
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  • Montag, 29.08.2011 – 12:22 Uhr
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