ARD-Programmchef Herres: "Ja, wir haben Nachwuchssorgen"

Das Erste räumt groß auf - im Interview spricht ARD-Programmdirektor Volker Herres über schwache Quoten, Altmeister Gottschalk, Talk-Überfluss und Info-Schwund. Er sagt: "Unterhaltung ist ein Grundrecht der Menschen."

ARD: Pflaume, Jauch und lustige Polizisten Fotos
ARD/ WDR

SPIEGEL ONLINE: Herr Herres, an diesem Montag präsentiert die ARD mit dem Thriller-Experiment "Dreileben" viereinhalb Stunden ambitionierte Fernsehkunst im Block. Keine Angst vor miesen Quoten?

Herres: Nein, überhaupt nicht. Sicher, das ist ein echtes filmisches Experiment, die Herangehensweise der Regisseure Christoph Hochhäusler, Dominik Graf und Christian Petzold ist radikal. Es ist klar, dass man mit solchen "Kunst-Stücken" nicht die Sehgewohnheiten aller ARD-Zuschauer treffen kann. Hier ist in erster Linie die Innovation ausschlaggebend. Da schauen wir nicht so sehr auf Zuschauerzahlen.

SPIEGEL ONLINE: Dafür, dass die drastisch in den Keller gehen werden, klingen Sie sehr frohgemut. Die ARD verklappt sonst bei viel geringeren Quotenschlappen gute Sendungen im Nachtprogramm...

Herres: ...was ich energisch bestreite. Worauf spielen Sie an?

SPIEGEL ONLINE: Als Grafs Gangsterserie "Im Angesicht des Verbrechens" unterm Quotenschnitt lag, wurden die letzten drei Teile in später Nacht versendet.

Herres: Sie werden von mir keine Äußerung finden, wo ich mich zu "Im Angesicht des Verbrechens" unter Quotenaspekten kritisch äußere. Mir ging es darum, einen würdigen Sendeplatz zu finden; da einzelne Folgen vom Jugendschutz ab 16 eingestuft worden waren, konnten wir sie nicht zur Primetime senden. Für die Ausstrahlung des letzten Teils haben wir dann tatsächlich kurzfristig umdisponiert, weil der sonst alleine dagestanden hätte. So ein Serienmeisterwerk verdient es, möglichst wenig gestückelt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber steigt Ihnen denn jetzt bei der möglichen Halbierung der Quoten durch "Dreileben" keiner aus den ARD-Gremien auf den Kopf?

Herres: Halbierung? Na, so schlimm wird es wohl nicht werden. Sehen Sie: Programmplanung ist immer eine Mischkalkulation. Wir wollen Fernsehen mit Anspruch machen, aber auch breite Mehrheiten erreichen. "Dreileben" nimmt dabei eine absolute Sonderstellung ein, die drei einzelnen Geschichten funktionieren zusammen wie ein kubistisches Gemälde, aus unterschiedlichen Perspektiven sieht man in den einzelnen Filmen gleiche Szenen, das muss man in seiner Ganzheit betrachten. Deshalb war klar, dass wir das in einem Stück senden. Und ein solches Experiment macht man ja nicht alle Tage.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Dreileben" dennoch ein Signal des Aufbruchs, dass starre Sendeformate in der ARD aufgeweicht werden?

Herres: Nein, da muss ich Sie enttäuschen. "Dreileben" ist für uns keine Blaupause für fiktionales Erzählen, wir werden die Sehgewohnheiten der Zuschauer nicht in diesem Maße aufbrechen können und deshalb natürlich auch weiterhin gutes konventionelles Fernsehen machen. Wir wollen kein Programmkino am Stadtrand sein, wir wollen die große Bühne.

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TV-Experiment in der ARD: Fremde im wilden Osten
SPIEGEL ONLINE: Große Bühne - ein Euphemismus für Einheitsbrei für die Masse?

Herres: Nein, überhaupt nicht. Natürlich geht es uns auch darum, neue ästhetische Zugänge zu finden, auch für Dramen und Krimis. Nehmen Sie den neuen "Polizeiruf" mit Matthias Brandt, da hat das sensationell funktioniert. Der unterscheidet sich radikal von den vorherigen Münchner "Polizeiruf"-Episoden, geht stilistisch neue Wege - und wurde trotzdem von beachtlichen 7,7 Millionen Zuschauern gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Marktanteil, der der zweiten Folge des Brandt-"Polizeirufs" im September nicht vergönnt sein wird. Die wurde von der Sonntags-Primetime auf den späten Freitagabend gelegt...

Herres: ...und glauben Sie mir, mir blutete dabei das Herz. Aber was sollten wir machen? Der Jugendschutz vom Bayerischen Rundfunk sprach eine Empfehlung ab 16 Jahren aus, der ist BR-Fernsehdirektor Gerhard Fuchs gefolgt. Wir haben alles getan, um den "Polizeiruf" zur frühestmöglichen Zeit zeigen zu können. Ich habe extra den ganzen Freitag umkrempeln lassen, obwohl ich persönlich die Argumentation der Jugendschutzbeauftragten nicht teile. Es geht um einen Bombenanschlag. Nach Norwegen ist das Thema sicherlich noch mal emotionaler aufgeladen - aber umso wichtiger ist natürlich die Aufarbeitung. Auch für Menschen unter 16 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: "Dreileben", spektakuläre "Polizeirufe" und andere extrem ambitionierte Filme - gibt es bei der ARD eine Qualitätsoffensive im fiktionalen Bereich?

Herres: Ich finde, wir waren schon immer gut aufgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht ein weiteres Zeichen, dass man gerade eine Programmmacherin wie Bettina Reitz zur Chefin der ARD-Tochter Degeto gemacht hat? Die Degeto ist die mächtigste Produktionsfirma Deutschlands und steht für fürchterlichen TV-Schmonzes, Reitz hat als BR-Fernsehspielchefin extrem ambitionierte Fernsehfilme angeschoben.

Herres: Ich glaube, vor so viel Lob muss ich die von mir hochgeschätzte Frau Reitz in Schutz nehmen: Sie beherrscht die ganze Bandbreite fiktionalen Erzählens, künstlerisch wertvolle Stoffe genauso wie extrem populäre. Und sie spielt das eine nicht gegen das andere aus.

SPIEGEL ONLINE: Neulich erklärte Reitz allerdings sehr offen, ihr sei es lieber, Filme mit guten Kritiken als mit hoher Quote zu zeigen. Klingt so, als ob all die Komödchen und Schmonzetten des Freitagabends auf den Prüfstand kommen.

Herres: Sicherlich kann man im Bereich der leichten Unterhaltung am Freitag noch besser werden, auch da müssen wir uns weiterentwickeln. Aber grundsätzlich bin ich mir mit Bettina Reitz einig, dass wir gerade an diesem Tag weiter auf leichte Stoffe setzen werden. Nach einer harten Arbeitswoche ist das Bedürfnis nach Entspannung am größten. Unterhaltung ist auch ein Grundrecht der Menschen, das bekommen sie bei uns am Freitag zur Primetime.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. ganz ehrlich
dani216 29.08.2011
das einzige, was ich in der ARD anschaue, ist der Tatort Sonntags. Aber auch meist nur deshalb, weil ich die Werbeunterbrechungen der Privaten nicht mehr ertrage. Und die Sportschau Samstags ist auch schon lange nicht mehr das, was sie mal war. Ganz ehrlich ... die ARD würde mir mit dem derzeitigen Programmangebot nicht sonderlich fehlen. Ich glaube auch nicht, dass Herr Gottschalk und Herr Jauch daran etwas ändern werden.
2. warum sollte
sitiwati 29.08.2011
der Programmdirektor Angst haben, die Zwangsgelder fliessen und Scheiss auf die Einschaltquoten!
3. bitte differenzieren
erbseneintopf 29.08.2011
Zitat von sysopDas Erste*räumt groß*auf - im Interview spricht*ARD-Programmdirektor Volker Herres über*schwache Quoten, Altmeister Gottschalk, Talk-Überfluss und Info-Schwund.*Er sagt: "Unterhaltung ist ein Grundrecht der Menschen." http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,781848,00.html
er sollte hier viel genauer differenzieren...die Nachwuchssorgen gibt es nur bei den überbezahlten Hampelmännern die vor der Kamera rumturnen... Abgehalfterte Politikerfreunde für die noch grösseren Absahnerjobs im Wasserkopf der was weiss ich wievielen ARD Sender gibt es zur Genüge...
4. "Heiter bis tödlich"
hatem1 29.08.2011
"Heiter bis tödlich" ist also die neue Dachmarke der ARD-Schmunzelkrimis. Für mich klingt das nach verschnarchtem Rentnerfernsehen aus der Provinz. Wenn die ARD bei Leuten unter 50 punkten will, warum macht sie nicht moderne Krimis aus den Großstädten? Muss ja nicht düster sein. Aber so was wie "Berlin Berlin" als Krimi würde garantiert mehr ziehen als "Heiter bis tödlich"-Regionalfernsehen.
5. Der Mensch lernt nie aus
TheDayAfter2 29.08.2011
"Unterhaltung ist ein Grundrecht der Menschen." "We`ll do it for you." Fortschritt = Delegieren. Delegieren = Nichttun. Nichttun = Vegetieren. Fortschritt = Vegetieren. G. Anders, Ketzereien S. 264 Beck`sche Reihe Herr Herres solche Aussagen sind zutiefst menschenverachtend!
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