ARD-Psycho-Horror "Alaska Johansson" Frankensteins Tochter

42 Knochenbrüche, dann hatte sie der Schönheitschirurg geformt: Der ARD-Film "Alaska Johansson" erzählt von einer jungen traumatisierten Frau, die zwischen Wirklichkeit und Wahn lebt. Eine Höllenrolle für die neue "Tatort"-Kommissarin Alina Levshin - und großes, krankes, gewaltiges Fernsehen.

Von

ARD

"But she's not afraid to die
The people all call her Alaska
Between worlds so the people ask her
'Cause it's all in her mind "
("Stephanie Says", Lou Reed)

Wie glücklich, schön und stolz sie aussieht im ewigen Eis von Alaska. Hier, am gottverlassenen anderen Ende der Welt, jagt die Headhunterin mit dem trefflichen Namen Alaska (Alina Levshin) auf einem Hundeschlitten einem Mann hinterher, den sie für einen Konzern anwerben soll. Einen verrückten Wissenschaftler oder einen genialen Manager, so richtig weiß man das nicht. Alaska selbst wahrscheinlich auch nicht. Sie interessiert sich für Aufträge, nicht für Menschen.

Wenn Alaska nicht gerade Köpfen hinterherjagt, steht für sie die Zeit still. Dann schrubbt sie sich stundenlang unter der Dusche den makellosen Körper und steigt danach in ihre makellose Businesskleidung. Als Headhunter für die obersten Etagen muss man aufs Äußere achten. In Plastikfolien lagern bei Alaska unbenutzte Blusen und High Heels, nach einmaligen Gebrauch wandern sie direkt in den Müll. Ist das professionell oder pathologisch?

Eher Letzteres, möchten wir meinen. Je länger wir der Frau mit dem eisigen Namen durch ihr einsames Leben folgen, desto sonderbarer erscheint sie uns. Im Apartment nebenan sieht sie bald ein kleines Mädchen, das sich mit einem weißen Bettlaken als Gespenst verkleidet hat. Allerdings ist sie die einzige, die diesen Geist sieht. Die Eltern sind der weltverlorenen jungen Frau keine Hilfe, ihr Verhältnis zu Alaska ist, nun ja: arktisch.

Pfeif aufs Realismusgebot!

42 Mal brach der Vater (Alexander Held), ein berühmter Schönheitschirurg, seiner Tochter die Knochen. Alaska war, so empfanden es ihre Eltern, missgestaltet auf die Welt gekommen; als sie 23 wurde, hatte der Vater, dieser Frankenstein der Botox-Ära, den Umbau zum Luxuskörper schließlich vollendet.

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Shooting-Star Alina Levshin: Brutal ehrlich
Ein Psycho-Horrordrama wie "Alaska Johansson", das am Mittwoch in der ARD Premiere feiert, bekommt man im deutschen Fernsehen nicht häufig zu sehen. Konsequent steigt Regisseur Achim von Borries in die Gedankenwelt seiner Heldin hinab. Wirklichkeit, eigene Wahrheit, kranke Visionen? Der Film springt in den Zeiten, er wechselt die Wahrnehmungsebenen, er spiegelt das Unterbewusste der Titelfigur in verstörend schönem Dekor. Arthouse-Kino in der Primetime: Mit der immer gleichen 20.15-Uhr-Fernsehwirklichkeit hat der doppelbödige Traumathriller nichts gemein.

Ein Fernsehfilm, wie er eigentlich nur vom Hessischen Rundfunk (HR) kommen kann, wo man nicht davor zurückscheut, den Zuschauer auch zur besten Sendezeit mit Filmkunst zu beglücken. Regisseur von Borries hatte im Auftrag des HR schon zwei ähnlich bizarre Filme gedreht: 2010 den ersten Wiesbadener "Tatort" mit Ulrich Tukur, bei dem der Ermittler mit seinem Tumor spricht, und im letzten Jahr den Hausfrauenschocker "Sechzehneichen" mit Heike Makatsch, für den von Borries das Drehbuch lieferte.

Bubikopf, Trench, trotzig verschmierter Lippenstift

Für "Alaska Johansson" schrieb nun Sascha Arango das Buch, auch er pfeift gerne mal auf hiesige TV-Konventionen: In seinen Arbeiten für den Kieler "Tatort", etwa den vorletzten mit Lars Eidinger als Voyeur, steigt er tief in die Wahnvorstellungen der Figuren hinab. In einigen Folgen der leider viel zu früh eingestellten Sat.1-Krimi-Reihe "Eva Blond" mit Corinna Harfouch kombinierte er Psychologie mit Parapsychologie. Das öde Realismusgebot im deutschen Fernsehen haben von Borries und Arango also schon häufiger unterwandert.

Auch die möglichen Kinovorbilder für "Alaska Johansson" passen nicht ins deutsche Fernsehraster: Die verstörende Körpermetamorphose der Titelfigur erinnert an die Filme des chilenisch-spanischen Horrorregisseurs Alejandro Amenábar ("Öffne die Augen"), das rigorose Einfühlen in weibliche Phantasien an Angstfilmer Roman Polanski ("Ekel"). Große Verweise, keine Frage. Aber Achim von Borries trägt, von kleinen Ungereimtheiten und verzeihlichen Manierismen abgesehen, das europäische Autorenkino souverän in den deutschen Fernsehabend.

Und das natürlich auch dank seiner Hauptdarstellerin Alina Levshin. Ab November wird sie als Kommissarin im neuen "Tatort"-Revier in Erfurt zu sehen sein. Nach einigen spektakulären Auftritten, etwa in dem vielfach ausgezeichneten Neonaziporträt "Die Kriegerin", hat sie sich nun endgültig in der ersten Liga junger deutscher Darstellerinnen etabliert. Die Aufnahmen mit Bubikopf, Trenchcoat und am Ende trotzig verschmierten Lippenstift in "Alaska Johansson" haben beinahe etwas Ikonografisches.

Eine Höllenrolle: Levshin verkörpert die Titelfigur mit einer Anmutung, die im Wortsinne zu schön ist, um wahr zu sein. Als Frankensteins Tochter, die mit Phantasie gegen die Unterdrückung ihres Schöpfers aufbegehrt, weiß sie den Zuschauer nachhaltig zu verstören. Großes, krankes, formgewaltiges Fernsehen.


"Alaska Johansson", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 15.10.2013
1. Krank ist so manches im deutschen Fernsehen -
nicht nur dieser Film. Einfach nicht ansehen!
PurpleTentacle 15.10.2013
2.
Zitat von Pfaffenwinkelnicht nur dieser Film. Einfach nicht ansehen!
Sie haben vermutlich nicht mal den Bericht gelesen, oder? Mit dieser Aussage haben Sie sich und Ihren moralischen Zeigefinger gleich mit, selbst disqualifiziert.
felisconcolor 15.10.2013
3. uhhhh
sollte sich so langsam Niveau im deutschen Fernsehen einschleichen? Die Story verspricht ja einiges. In jedem anderen Land produziert würde ich sagen der perfekte Horror. In Deutschland wurde leider zu oft wirklich guter Stoff vermanscht. Man darf also gespannt sein. @Pfaffenwinkel Film ist immer ein Abbild seiner Gesellschaft. Oder mehr, wenn es im Film erscheint ist die Wirklichkeit meist schon meilenweiter weg. Gerade deshalb ansehen und sich und die Gesellschaft reflektieren. Nicht ansehen bedeutet Verdrängung und die Welt ist nun mal kein Ponyhof.
citi2010 15.10.2013
4. Klingt sehenswert.
Gut auch, dass im Vorfeld berichtet wird und nicht erst wenn man die Mediathek bemühen muss.
manni.baum 15.10.2013
5. relativ
sollte sich so langsam Niveau im deutschen Fernsehen einschleichen? es kommt sehr darauf an wie groß man die Zielgruppe für "niveauvolles Fernsehen" ansieht, nach meiner Meinung wird sie überproportional gut bedient, die Kosten dafür zahlen die Musikantenstadler mit.
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