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"ARD-Ratgeber Internet": Die Angstmacher von der ARD

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Nervös, gehetzt und atemlos: Die ARD entdeckt das Web, ein neues Verbrauchermagazin soll Surfer über Risiken und Gefahren aufklären. So viel hat man sich für die Sendung vorgenommen, dass letztlich nicht viel Zeit für Erklärungen bleibt - nur dumpfe Angstmacherei.

ARD-Moderatorin Planken, Experte Schieb: Mit großen Augen staunen Zur Großansicht
WDR

ARD-Moderatorin Planken, Experte Schieb: Mit großen Augen staunen

Eine Frau im pinken Pullover, nur von hinten zu sehen, die Stimme wird nachgesprochen: "Ich war total geschockt, mir war schlecht, also mir war es ganz elend." Sie ist ein Internetopfer. Ihr Ebay-Passwort wurde geklaut, damit eine Wohnung, ein Sportwagen und eine Dampfturbine ersteigert, für insgesamt 4,5 Millionen Euro. Ein Extremfall, gerade richtig für den "ARD-Ratgeber Internet".

Für die neue, vom WDR produzierte Sendung (die erste Sendung lief am 20.08.) haben die Macher tief in der Mottenkiste der Fernsehformate gewühlt und haben genau das richtige gefunden: Jüngere Moderatorin staunt mit großen Augen und bekommt die Welt erklärt. Für den "Ratgeber Internet" muss "Morgenmagazin"-Moderatorin Anna Planken unwissend tun und sich vom ständigen Studiogast Jörg Schieb das Netz zeigen lassen.

Das Internet aus dem "Ratgeber" ist ziemlich gefährlich. In Einspielfilmen wird, untermalt von dramatischer Musik, Böses gezeigt. Da wird aus einem Jeansverkauf bei Ebay ein Markentrechtsstreit mit 10.000 Euro Verfahrenskosten, und eine um ihr Kind besorgte Mutter findet bei der Suche nach Informationen über eine Magenschleimhautentzündung vor allem Werbeschrott.

Jetzt mal ran, lieber "Ratgeber", was gilt es zu beachten? Wie können wir uns schützen? Was ist denn eine W-Lan-Verschlüsselung und wie richte ich die ein? Leider ist für Details keine Zeit, allenfalls für vage Hinweise reicht es, dann wird zum nächsten Thema gehetzt. Sechs davon gibt es in der knapp 28 Minuten langen Sendung, mit rasant geschnittenen und viel bevölkerten Einspielfilmen. Gesagt wird viel - erklärt wird wenig.

Die Hilflosigkeit der Ratsuchenden

Da fahren Anwälte aufgeregt im Fahrstuhl und laufen Wände mit ansprechender Kunst ab, immer in Bewegung - es soll nur ja niemand vor einem Computer sitzen und auf den Bildschirm starren. Die Anwälte sind echt, was wiederum bedeutet: Sie können nicht schauspielern. Das tut dann richtig weh beim Zuschauen. Außerdem bleibt man als Ratsuchender - es geht um den Markenrechtsstreit - hilflos zurück.

Auch der Beitrag zur W-Lan-Sicherheit ist verwirrend. Die Drahtlosnetze kann man verschlüsseln, damit Fremde nicht einfach mitsurfen können - und damit Hacker sich nicht so einfach in den Datenverkehr einklinken und Passwörter mitlesen können. So weit, so gut. Auch Hotels oder Internetcafés verschlüsseln ihr W-Lan häufig, das Passwort für das geschlossene Funknetz gibt es dann auf Anfrage, nur für Kunden. Nur hat davon Jörg Schieb offenbar noch nichts gehört: "Viel zu kompliziert, unterwegs würde man das niemals machen. Also sie müssen offen sein, sonst könnte man es gar nicht benutzen." Das ist, mit Verlaub, Unsinn.

Hoffentlich entscheidet sich die Redaktion vor der nächsten Sendung, für wen sie hier eigentlich Fernsehen macht. Dann muss sie entweder Tempo rausnehmen und mehr erklären, gerne auch weniger aufgeregt. Oder sie kann sich die hübsche Verpackung gleich ganz sparen und dafür mehr mit Experten fachsimpeln. So jedenfalls kratzt die Sendung nur an der Oberfläche, springt nervös von Thema zu Thema - und wer sich nicht so gut auskennt mit diesem Internet, muss es mit der Angst zu tun bekommen.

Es gibt dann auch noch ein Videoblog, in dem Schieb wöchentlich etwas vom Internet erzählt. Dabei sitzt er hinter zwei Monitoren eingeklemmt und sagt seinen Text auf, kommentierte Zusammenfassungen leicht abgehangener Nachrichten. Die Links auf die erwähnten Websites oder seine Quellen sucht man vergeblich. Ein klassischer Fall von Formatfehler - und ungefähr so zeitgemäß, wie der jüngeren Moderatorin einen wohlwollenden Erklärbären zur Seite zu stellen.

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1. Dinosaurier warnen vor Säugetieren
berliner_wespen 21.08.2011
Zitat von sysopNervös, gehetzt und atemlos: Die ARD entdeckt das Web, ein neues Verbrauchermagazin soll Surfer über Risiken und Gefahren aufklären. So viel hat man sich für*die Sendung vorgenommen, dass letztlich nicht viel Zeit für Erklärungen bleibt - nur dumpfe Angstmacherei. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,781465,00.html
Außerdem wird sich auch noch über die Öffentlich-Rechtlichen im Internet lustig gemacht, z. B. hier: "Grundversorgung ohne Grenzen" unter http://spassverderber.de/#Grundversorgung Kann man das nicht endlich mal verbieten?
2. So etwas Gefährliches!
mynona3 21.08.2011
Und in so einem gefährlichen Medium müssen sich unbedingt auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bewegen? Nach so einer Sendung sollte doch die erste Reaktion von allerhöchster Stelle sein: "Damit haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nichts zu tun, alle bisherigen Aktivitäten waren nur unverbindliche Tests und werden mit sofortiger Wirkung rückstandsfrei, nachhaltig und alternativlos abgebrochen!". Das wäre mal was! Nur wäre man dann den Vorwand, auf jeden möglichen Handy- oder sonstwas-Nutzer die GEZ zu hetzen, los. Wäre ja auch nicht gut für die Gehälter der vielen abgeschobenen Politiker, der Intendanten und der sonstigen finaziellen Nutznieser.
3. Das sind ja nicht nur die Angstmacher in der ARD..
Nicola54 21.08.2011
... die sind ja allenthalben in allen Sendern. Wir sind ja nur noch von Betrügern, miesen Geschäftemachern, Mietnomaden usw. umgeben, wenn man dieser Berichterstattung glauben darf, beliebtes Stichwort "Abzocke". Schon das Wort allein ist eine Zumutung, aber darunter wird alles zusammengefügt. Die "German Angst" in Reinkultur
4. Na ja, sehen wir das doch mal nicht so eng.
pudel_ohne_mütze 21.08.2011
Zitat von sysopNervös, gehetzt und atemlos: Die ARD entdeckt das Web, ein neues Verbrauchermagazin soll Surfer über Risiken und Gefahren aufklären. So viel hat man sich für*die Sendung vorgenommen, dass letztlich nicht viel Zeit für Erklärungen bleibt - nur dumpfe Angstmacherei. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,781465,00.html
Schliesslich muss ja für den völlig unterdimensionierten GEZ-Beitrag was geliefert werden. Durch die Privaten ist die Masse ja sowieso verblödet. Die würden das ja garnicht begreifen können.........
5. Nach 19 Jahren eingestellt...
SysÖp 21.08.2011
...wurde im Juli die 3Sat Sendung "neues", die durch Kompetenz und Sachlichkeit auffiel und tatsächlich das Prädikat "Bildungsfernsehen" verdiente. Höchste Zeit einen unwürdigen Nachfolger zu etablieren - das scheint gelungen: Glückwunsch.
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