London/Hamburg - Ob es Kommentierungen gebe, die er im Nachhinein bedaure, wurde Carsten Sostmeier einmal in einem Interview gefragt. "Mit Sicherheit ist mit mir der Gaul schon mal durchgegangen", antwortete der ARD-Reitsportreporter: "In Form von Enttäuschung". Diesmal ist dem Pferdeexperten nun der Gaul in Form von Jubel durchgegangen.
Gerade hatte der Null-Fehler-Ritt von Michael Jung auf Sam den Mannschafts-Olympiasieg der deutschen Vielseitigkeitsreiter gesichert, da erinnerte sich Sostmeier an frühere olympische Wettbewerbe in der Disziplin, die einst Military hieß. 2004 etwa, da habe die deutsche Equipe schon mal in Führung gelegen. Aber dann wurde es nichts mit dem Sieg. Denn "dann kamen ja die Franzosen, die Briten, die Amerikaner, und am grünen Tisch haben sie uns mit einer fragwürdigen Entscheidung die Goldmedaillen weggerissen."
Eine Erinnerung, die Sostmeier offenbar bis zum heutigen Tage plagte. Anders ist sein nun folgender Ausfall kaum zu erklären. "Und das haben sich die Deutschen gemerkt", raunte Sostmeier in seinem ARD-Live-Kommentar weiter. Und da er die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs ja bereits fast komplett aufgezählt hatte, blieb er im Vokabular und fügte triumphierend hinzu: "Denn seit 2008 wird zurückgeritten. Wir holen uns Gold. Gnadenlos."
Das ist eine, vorsichtig formuliert, recht unglückliche Wortwahl. Adolf Hitler hatte vor dem Reichstag am 1. September 1939 den deutschen Einmarsch in Polen mit den Worten "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!" begleitet.
Sostmeier: "Es tut mir leid"
2004 war den deutschen Vielseitigkeitsreitern um Bettina Hoy der Sieg aberkannt worden, das umstrittene Verfahren ging sogar bis zum Internationalen Sportgerichtshof Cas. Auf dieses Ereignis bezog sich Sostmeier. Hinrich Romeike, der Sprecher des deutschen Reiterteams, sprach damals davon, den Sportlern sei "die Medaille vom Hals gerissen" worden.
Inzwischen hat sich Carsten Sostmeier entschuldigt: "Es tut mir sehr leid, wenn ich mit meinen Äußerungen für Irritationen gesorgt habe", ließ der Reitsportreporter über den in der ARD für die Olympia-Übertragungen federführenden Norddeutschen Rundfunk mitteilen.
Sostmeier scheidet mit seinen Reitsportreportagen schon länger die Geister. "Die Redensart, dass einem die Pferde durchgehen, könnte seinetwegen erfunden worden sein", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" 2011 in einem Porträt über Sostmeier: Er kommentiere Sport in einer Intensität wie kaum ein anderer in Deutschland. "Mal flüstert, dann tremoliert er, haucht ins Mikro, sagt auch mal nichts, um dann zu explodieren."
2004 gewann Sostmeier für seinen Kommentar zum olympischen Dressurreiten den Deutschen Fernsehpreis. 2012 bekommt er ihn wohl eher nicht. "Bei allem Verständnis für die Begeisterung von Carsten Sostmeier über den ersehnten Reitererfolg: Derartige Formulierungen sind Entgleisungen, die nicht passieren dürfen", sagte ARD-Teamchef Walter Johannsen: "Das ist jetzt auch Carsten Sostmeier klar geworden."
feb
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Olympische Sommerspiele 2012 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH