ARD-Show "Schlagerbooom" "Heut benutz ich mein Gehirn - lalala - lala"

Ein Schlager ins Gesicht: Florian Silbereisen rekrutiert das Personal für seinen "Schlagerbooom" großzügig aus allen Stilkreisen. Die Königin des Genres fehlte, dafür gab es Hasselhoff, auch schön.

Henning Kaiser/dpa

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Man traut sich nicht aufs Klo, das ist ein kleines Problem. Nicht aus Angst, etwas zu verpassen. Mehr aus Furcht davor, was sich unbeaufsichtigt auf dem Fernseher manifestiert haben könnte, wenn man nach Verrichtung des leidigen Naturbedürfnisses wieder aufs Sofa zurückkehrt.

Denn Florian Silbereisen macht bei seinem "Schlagerbooom 2017" (mit extra o) keine Gefangenen, er meint es ernst, wenn er "die größte Schlagerparty" ankündigt, die er "je feiern durfte", also mindestens so ernst wie die Tigerkopf- und Stones-Zungen-Aufnäher auf seiner Jeans.

Schon in den ersten paar Minuten singt er mit seinen beiden Kollegen der Schlagertruppe Klubbb3 alles an, was nicht niet- und nagelfest ist, von Udo Jürgens bis Tote Hosen. Die Dortmunder Westfalenhalle rast, wird ein Meer bleicher Klatschwürste. "Alles wat mer krieje könne, nemme mer och met", singen die Höhner, eine sympathische Einlassung.

Man muss gar nicht hochrossig über das Schlagergenre die Nase rümpfen, man kann durchaus selbst mitgrölmäßig eingestellt sein und fühlt sich schnell überfordert von dieser Nummernrevue der übergangslosen Ach-du-grüne-Neune-DER?- und Waaah-DIE-gibt-es-auch-noch-Auftritte.

Hasselhoff im Hefner-Gedächtnis-Goldjackett

Alle in der Halle scheinen durch die Teilnahme an diversen vorausgegangenen Silbereisen-Festen abgehärtet. Man selbst braucht eine Weile, um sich an die absolute Beliebigkeit des auftretenden Personals zu gewöhnen.

"Schlager bleibt immer international, daran kann auch ein Brexit nichts ändern", salbadert Silbereisen. Und wirklich, so weit käme es noch, dass die Brexit-Strippenzieher nun auch noch Ross Antony verbieten wollten, mit breitem Maultiergrinsen und in einem roten Gummianzug über die Bühne zu marschieren und "Aber bitte mit Sahne" zu singen.

Ireen Sheer täuscht Kopfweh an, dann fährt der Kelly-Family-Bus vor, David Hasselhoff im Hefner-Gedächtnis-Goldjackett plärrt "Ich liebe euch alle" in sein "Looking for Freedom"-Playback und kündigt einen Liederzyklus über David Bowie an, spätestens jetzt würde es einen nicht mehr wundern, kämen gleich noch Pietro und Sarah Lombardi auf die Bühne, um sich bei einem Medley der schönsten Disney-Schmachter wieder zu versöhnen (Alessio streut dazu Löwenmäulchen).

Sie kommen nicht. Dafür Beatrice Egli, die davon singt, den Kopf aus- und das Herz anzuschalten, und illustrierend Armbewegungen vollführt, als wolle sie sich selbst wiederbeleben. Später bringt das Ensemble des Wolfgang-Petry-Musicals "Wahnsinn" die 10.000 Menschen in der Halle dazu, an der vorgesehenen Stelle des Hits mit diesem Titel sehr laut "Fühle! Fühle! Fühle!" zu brüllen.

Und man fragt sich, ob es irgendwo im Schlager-Underground auch ein kleines, weitgehend unbeachtetes Splitter-Genre gibt, in dessen Texten zur Abwechslung mal das Denken über das Herzeln triumphiert. "Heute runzle ich die Stirn / heut benutz ich mein Gehirn / lalala - lala", so etwas in der Art, das wäre doch auch mal schön.

Schließlich scheint man ja alles unter dem Begriff Schlager zusammenfegen zu können, was einem gerade so in den Sinn kommt, Bonnie Tyler röhrt ebenfalls ein Ründchen. Als genreverbindendes Element scheint zu genügen, dass fast sämtliche Protagonisten mit teilweise sehr nachlässigem oder bizarr kieferintensivem Playback auftreten.

"Wir können Babys kriegen und trotzdem unsere Träume leben"

Immerhin die Kelly Family und Andreas Gabalier singen erkennbar live. Anders als Klubbb3, die im Lauf der drei Stunden immer wieder auftreten und ein bisschen wie Tick, Trick und Track unterwegs mit dem Enkeltrick wirken, wie sie gelegentlich ansatzlos aus der Kulisse brechen und beliebige Auftritte invadieren.

Sie lippen-mimen "Beim ersten Mal tat's noch weh" mit Victor Lazlo, Modern-Talking-Hits mit Thomas Anders und "Save your kisses for me" mit Brotherhood of Man. Andere, wie Marianne Rosenberg und Jürgen Drews, lassen sie mit Solo-Auftritten davonkommen. Dann fahren sie, eskortiert von Cheerleadern, in einem offenen Bullibus durch den Bühnengraben und singen vom achten Weltwunder (Spoiler: Es handelt sich dabei um die Liebe).

Es ist ein Umfeld, in dem Roland Kaiser, vornehm im Dreiteiler, wie ein distinguierter Grandseigneur erscheint, dem man sofort seine gesamten Vermögensverwaltungsbelange übertragen würde, wenn man denn welche hätte. Ärgerlich nur, dass die Regie bei seinem "Joana" wohl die dramaturgisch doch eigentlich unerlässlichen "Du geile Sau"-Zwischenrufe des Publikums ausblendet.

Zwischendurch ist irgendwo tatsächlich noch Platz für einen feministischen Appell. "Wir können in der Küche stehen und Hits schreiben, wir können Babys kriegen und trotzdem unsere Träume leben", schreit Maite Kelly einigermaßen ansatzlos.

Helene Fischer und Andrea Berg, inzwischen so etwas wie die Krystal und Alexis des Genres, fehlen dieses Mal leider, dafür singt Vanessa Mai "Ich komm nie wieder, nie wieder, nie wieder / Ich komme nie wieder, nie wieder, nie wieder / von dir los". Das ist ja genau genommen leider eine ziemlich traurige Botschaft, merkt aber keiner.

Vanessa Mai trägt dazu eine Art Zwangs-Croptop und hat ihr geschätztes Dutzend Tänzer mit langen Bändern an ihren Hotpants befestigt, eine patente Idee für Dogwalker. Zwei Fans dürfen dann als Überraschung ihre Backgroundsängerinnen geben, leicht schief zwar - aber, ein herrlich humoristischer Einfall: ausnahmsweise an diesem Abend tatsächlich einmal live.



insgesamt 77 Beiträge
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bullet69 22.10.2017
1. Diskutieren Sie über diesen Artikel?
Nicht notwendig, Schlager war geistige und musikalische Kacke, ist Kacke und wird immer Kacke sein.
ttvtt 22.10.2017
2. Herrlich
Herrlich oder Fraulich geschrieben, als wäre man oder fru dabei gewesen...
Barxxo 22.10.2017
3. Geldverschwendung
Heute gibts genügend Musik auf diesem "Niveau" kostenlos auf Utube. Mit Grundversorgung hat das nichts zu tun, liebe ARD. Sowas sollte auf Kosten der Beitragszahler nicht gesendet werden dürfen.
andneu 22.10.2017
4. Hasselhoff in einer deutschen Schlagersendung?
Trinkt der wieder?
mucki007 22.10.2017
5. Musik der Mehrheit
Immer wieder kann man solche furchtbar lustigen Kommentare über die Musik der schweigenden Mehrheit lesen oder hören. Heutzutage ist es Gewohnheit sich über diese Musik lustig zu machen und vor Lachen auf die Schenkel zu klopfen. Nur komisch, dass Zahlen der Plattenverkäufe ein anderes Bild zeigen. Aber es scheint wohl zeitgemäßer zu sein, hinter den englischen und amerikanischen Heulbojen hinterher zu laufen und diese alle toll zu finden.
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