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11. Januar 2013, 16:05 Uhr

Lena-Odenthal-"Tatort"

Mord erspart den Scheidungsanwalt

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Ein Mann, eingekeilt zwischen neuer Flamme, Ex-Frau und nerviger Schwester - hat sich der Hauptverdächtige durch einen Mord befreit? Der neue "Tatort" aus Ludwigshafen ist ein starker Beziehungskrimi - der schwach endet. Der einzige Glückliche: Kollege Kopper, der falsch Pink Floyd singt.

Menschliche Nähe? Auch so eine Sache, die überschätzt wird. Klar, Nähe ist in verzweifelten Situationen oft die Rettung. Aber genauso oft das Verderben. So wie in diesem interessanten "Tatort", bei dem einige Menschen sonderbar aneinanderkleben, ohne dass sie gut füreinander sind.

Was für eine Familie: Frank Brenner (Götz Schubert) betreibt mit seiner Ex-Frau Katharina (Anna Loos) eine Autowerkstatt. Die Schulden bei der Bank schweißen sie auch nach der Scheidung zusammen. Aber müssen sie denn auch noch den gemeinsam in glücklicheren Tagen gebauten Bungalow bewohnen? Zumal Frank längst eine Beziehung zur Krankenschwester Roza (Karolina Lodyga) hat. Und dann ist da ja noch Franks Schwester (Sandra Borgmann). Immer hängt sie bei dem unglückseligen Trio ab, obwohl sie doch sowohl die alte als auch die neue Lebensgefährtin ihres Bruders abgrundtief zu hassen scheint.

Eines Morgens holt Roza ihren roten Flitzer aus der Familienwerkstatt ab, um vor der Stadt ein Haus für sich und Frank zu suchen. Franks Ex Katharina überreicht ihr die Schlüssel und winkt ihr nach. Auf der Landstraße rast Roza gegen einen Baum - die Bremsdichtung war manipuliert. Im Zuge der Ermittlungen legen Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kopper (Andreas Hoppe) dann die unterschiedlichen Abhängigkeiten der kleinen Werkstatt-Gang frei: finanzielle Verbindlichkeiten, moralische Bringschuld, historische Bande. Hier konnte einer nicht ohne den anderen, aber jeder aus einem anderen Grund.

Mit Pink Floyd in den Feierabend

Regisseur Andreas Senn und Drehbuchautor Christoph Darnstädt (schrieb auch den ersten, im März laufenden Schweiger-"Tatort") hatten vor gut drei Jahren, zum 20-jährigen Geburtstag der TV-Figur Odenthal eine der wenigen interessanten Ludwigshafener "Tatort"-Episoden geliefert. Damals stießen sie tief ins schwarze Herz der unverwüstlichsten, aber auch einsamsten und unbeweglichsten Ermittlerin vor. Danach folgten fast nur sehr schlechte Odenthal-"Tatorte".

In "Kaltblütig" gibt es nun noch mal ein kurzes Qualitätshoch im Stimmungstief. Auch weil die Verquickung von Fall und Kommissarinnen-Dasein gut gelöst ist: Während Kopper und Odenthal auf die heillose Verstrickung von Leben, Liebe und Existenzsicherung der Verdächtigen gucken, wird umso deutlicher: So richtig haut die Trennung von Beruf und Leben bei ihnen selbst auch nicht hin. Während Lena nicht anders kann, als beim Rotwein in der gemeinsamen WG noch einmal den aktuellen Fall zu erörtern, sucht sich Mario seine Freiheiten. Wenn er im Übungsraum seiner Hobbyband steht, vergisst er Mord und Totschlag. Und manchmal sogar die fordernde Freundin und Kollegin.

Wo endet die freiwillige Nähe, wo beginnt der Zwang? Was mit dieser Fragestellung begann, endet aber leider in einem arg verkorksten Verdächtigen-Bingo. Als hätten die Verantwortlichen Angst gehabt, ihren Krimi psychologisch zu überladen und den Zuschauer zu langweilen, nimmt der Plot in der zweiten Hälfte allzu viele konstruiert wirkende Wendungen.

Nur Kopper scheint das alles nicht zu tangieren. Der hat sein Glück gefunden und schmettert auf mutig verstimmte Art im Proberaum Pink Floyds "Wish You Were Here". Ihm doch egal, wie das klingt, er hat Feierabend.


"Tatort: Kaltblütig", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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