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ARD-"Tatort" über Umweltschützer: Schwaben sendet Sondermüll

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Beim Sex schwäbelt man schön, die Studenten sind linke Spinner und der Unternehmer ist eine rücksichtslose Umweltsau: Der neue "Tatort" aus Stuttgart spielt im Milieu der Ökoaktivisten - und ist vergiftet mit zu vielen Klischees. Ab auf die Deponie damit.

Öko-"Tatort": Nachts um halb eins auf der Giftmülldeponie Fotos
SWR

Für diesen "Tatort" wurden im Ländle die Uhren zurückgestellt. So spricht man hier endlich mal wieder im großen Stil Mundart, ein Phänomen, das in den verschiedenen Revieren der TV-Reihe extrem auf dem Rückzug war. Allenfalls etwas einfach gestrickte Sekretärinnen, Pathologen oder Assistenten dürfen im "Tatort" noch Dialekt sprechen.

In diesem Stuttgart-Krimi, wo so viel Mundart gesprochen wird, wie zuletzt bei den Bienzle-"Tatorten", schwäbelt die für den Fall zuständige Staatsanwältin aufs Ungenierteste: Henrike Habermas (Natalia Wörner als Ersatz für die erkrankte Staatsanwaltdarstellerin Carolina Vera) sieht man in ihrer ersten Szene rittlings auf einem fröhlich keuchenden Unternehmer, der sich später als Hauptverdächtiger herausstellt. Nach dem Akt flüstert die Juristin dem Mann schönste schwäbische Liebkosungen zu. Und gegen Ende singt sie ihm in einer Bar gar Karaoke-Songs, bei denen sich Englisch, Dialekt und alkoholbedingtes Lallen reizvoll vermischen.

Doch nicht nur aufgrund des lustvollen Mundarteinsatzes wirkt diese "Tatort"-Episode auf den ersten Blick angenehm antiquiert - auch die politischen Frontlinien verlaufen wie ehedem. Das Wort Student ist hier noch ein Synonym für Aktivist: Politik-Studenten haben eine militante Umweltschutztruppe zusammengetrommelt, die "Ecopirates". Einer von ihn wurde ermordet, beim Freeclimbing an einem ehemaligen Brückenpfeiler.

Es duftet nach Volxküche

Als die Ermittler nun die Studentenbutze des Toten durchwühlen, stöhnt Kommissar Bootz (Felix Klare) mit Blick auf die einschlägige, linke Wissenschaftslektüre neben dem Bett: "PoWis - das sind die ganz Harten!" Kollege Lannert (Richy Müller) fragt: "Gibt's die überhaupt noch? Ich dachte, heute wollen alle nur ganz schnell ihren Bachelor machen." Stimmt, früher waren für den politischen Widerstand ja die Studenten zuständig, und das Wort Regelstudienzeit war ein Instrument der Herrschenden.

Eine schöne Frau, die noch zu Schwäbeln versteht, ein Studenten-Milieu, das noch nach Volxküche riecht: Da werden Erinnerungen wach. Doch so gerne wir diesem anfänglich patent ironisierten, durchgehend langsam getakteten Old-School-"Tatort" (Buch: Wolf Jakoby, Regie: Thomas Freundner) folgen würden - der Plot ist eine Katastrophe, fast alle Figuren bleiben blass. Außerdem fragt man sich, wer im Ländle Ökopiraten braucht, wenn doch Wutbürger darauf achten, dass umwelttechnisch alles sauber läuft. Symptomatisch erscheint es da, dass am Sonntag der "Tatort"-Ausstrahlung möglicherweise mit Fritz Kuhn der erste grüne Oberbürgermeister Stuttgarts gewählt wird.

Vor diesem Hintergrund wirkt der "Tatort" unangenehm gestrig und der Blick aufs Unternehmertum ein bisschen eindimensional: Über Umwege landen die Ermittler bei ihren Untersuchungen schließlich bei Johannes Riether (Mark Waschke), der nicht nur eine Liaison mit der schwäbelnden Staatsanwältin unterhält, sondern auch verseuchte Erde verklappen wollte.

Nachts steigen Lannert und Bootz daher mit der Freundin des toten Ökopiraten (Paula Kalenberg), die praktischerweise Chemielaborantin ist, in ein dubioses Industriemülllager ein. Und als sie die betreffenden Fässer finden, zeigt sich, wie tölpelig dieser Old-School-Krimi dann tatsächlich ist: Die Fässer sind - man könnte ja den Überblick verlieren im heutigen Giftsoßenhandel - fein säuberlich mit dem Lebensgefahr-Zeichen etikettiert. Soviel Ordnung muss bei den Schwaben sein.


"Tatort: Tote Erde", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 30 Beiträge
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1. nicht nur der Tatort...
Herr voragend 19.10.2012
... sondern fast alle durch die Bank sind " old school " wenn ich schon wieder mitbekomm das Kommisar oder Staatsanwalt mit Täter/Opfer auch privat verbandelt, bekannt sind schalte ich gleich aus. So stellt sich wohl unsere Fernsehzunft den Polizeialttag vor. Märchen liest man besser in Büchern. Platte Geschichten und müde Plots helfen halt auch nicht weiter......
2.
HaioForler 19.10.2012
Zitat von Herr voragend... sondern fast alle durch die Bank sind " old school " wenn ich schon wieder mitbekomm das Kommisar oder Staatsanwalt mit Täter/Opfer auch privat verbandelt, bekannt sind schalte ich gleich aus. So stellt sich wohl unsere Fernsehzunft den Polizeialttag vor. Märchen liest man besser in Büchern. Platte Geschichten und müde Plots helfen halt auch nicht weiter......
Mann will halt sozialkritisch sein. Ist In. "Offen fuer aktuelle Themen" nennt man das :)
3. Immer andersrum
rh005 19.10.2012
Immer wenn der Spiegel einen Verriss eines Tatorts macht, ist er eigentlich ganz gut. Mal gespannt ob das diesmal auch wieder so ist.
4.
Berg-neu 19.10.2012
Zitat von Herr voragend... sondern fast alle durch die Bank sind " old school " wenn ich schon wieder mitbekomm das Kommisar oder Staatsanwalt mit Täter/Opfer auch privat verbandelt, bekannt sind schalte ich gleich aus. So stellt sich wohl unsere Fernsehzunft den Polizeialttag vor. Märchen liest man besser in Büchern. Platte Geschichten und müde Plots helfen halt auch nicht weiter......
Leider muss auch ich bekennen, dass wir nach immer wiederkehrenden Enttäuschungen keine Tatort mehr anschauen: zu viel an den Haaren herbeigezogen, dazu verschmuddelte Kommissare/innen, privater Polizeikrimskrams, Genuschel essender Schauspieler/innen, nervige Nebengeräusche, finstere Gestalten aus Räubergeschichten, Ausländermafias - zum Glück gibt es Alternativen im eigenen Archiv eigener Filme von der Festplatte.
5. Dialekt im Bett geht gar nicht
artusdanielhoerfeld 19.10.2012
"Nach dem Akt flüstert die Juristin dem Mann schönste schwäbische Liebkosungen zu." Das erinnert mich an eine Begegnung mit einer Sächsin, deren mundartlichen Äußerungen "dabei" in mir (Berliner) einen Lachkrampf auslösten, der die schöne Liebesnacht abrupt beendete...
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Zum Autor
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.


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