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ARD-Thriller über Barschel: "Ehrenwort, der lügt!"

Von Peter Luley

ARD-Thriller "Der Fall Barschel": Damals an der Waterkant Fotos
ARD/ Stephan Rabold

Der erste heiße Anwärter auf den Titel "Fernsehfilm des Jahres": Der Drei-Stunden-Thriller "Der Fall Barschel" ist eine packende Aufarbeitung der Polit-Affäre.

Als die beiden Reporter den Mann, vor dessen Wohnung sie die ganze Nacht im Auto gewartet haben, endlich auf dem Weg zum Zigarettenautomaten abpassen können, bieten sie ihm Geld für Informationen. Zunächst 5000, dann 20.000 DM. Doch erst, als sie der letzten Zahl die Ergänzung "und 'n leckeres Fischbrötchen" hinzufügen, huscht ein schiefes Lächeln über das Gesicht des Informanten. "Fischbrötchen?" Die Sache läuft.

Und so kommt es, dass Reiner Pfeiffer (Martin Brambach), Medienreferent des damaligen schleswig-holsteinischen CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel (Matthias Matschke), den Journalisten an einem Stehimbiss am Hamburger Elbufer bei mildem Morgennebel und Möwengeschrei erzählt, was er Björn Engholm, dem SPD-Herausforderer seines Chefs, alles anhängen sollte: Steuerhinterziehung, Homosexualität, Aids - laut Pfeiffer alles Ideen Barschels.

Wir sind hier noch am Anfang des ARD-Films "Der Fall Barschel", der sich an die nachprüfbaren Fakten der Affäre aus dem Jahr 1987 hält. Barschels Ehrenwort-Pressekonferenz, der Rücktritt, der Badewannentod in Genf - das alles kommt ja schließlich noch. Und doch ist die Fischbrötchenszene signifikant: Weil sie veranschaulicht, was dieses 180-Minuten-Werk neben einer hochspannenden Aufarbeitung des bis heute ungeklärten Kriminalfalls noch ist. Packendes Journalisten-Sittengemälde zum Beispiel. Und stimmungsvoller Hamburgfilm.

Als clever erweist sich die Konstruktion, mit den Reportern David Burger (Alexander Fehling) und Olaf Nissen (Fabian Hinrichs) der fiktiven "Neuen Hamburger Zeitung" zwei Protagonisten ins Rennen zu schicken, die es im realen Fall nicht gab. Zum einen erinnern sie als Duo hübsch an Bernstein und Woodward alias Dustin Hoffman und Robert Redford im Watergate-Film "Die Unbestechlichen". Zum anderen können auf diese Weise die historischen Credits des auch als "Waterkantgate" bezeichneten Skandals korrekt eingearbeitet werden - etwa, dass Pfeiffer zuerst im SPIEGEL auspackte oder dass das berühmt-berüchtigte Badewannenfoto auf dem Cover des "Stern" erschien. Und drittens können die erfundenen Figuren dem Zuschauer problemlos ein Kondensat aller Recherchen präsentieren.

Auf Barschels Spuren

So nostalgisch einen der Glamour der goldenen Printära anwehen mag (Schreibmaschinenklappern! Zigaretten und Alkohol am Arbeitsplatz!), so schnell ist es mit der Harmonie des Dreamteams Burger/Nissen allerdings vorbei. Nachdem sie Barschels Rücktritt noch gemeinsam herbeigeführt haben - Kampfparole: "Ehrenwort, der lügt!" -, gehen ihre Meinungen über den Tod des tief gefallenen, medikamentenabhängigen Politikers im Genfer Hotel Beau-Rivage immer stärker auseinander: Suizid? Sterbehilfe? Mord? Während Nissen der Freitodtheorie zuneigt, verbeißt sich Burger in den Mordverdacht und gerät darüber auch mit seinem väterlich-wohlmeinenden Chef (Edgar Selge) über Kreuz.

Genau der aber bringt ihn mit einer Spur, die zur "Schubladenaffäre" und zum Rücktritt des inzwischen als Ministerpräsident amtierenden Björn Engholm führt, zurück ins Spiel. Rastlos reist Burger immer wieder auf Barschels Spuren nach Genf, arbeitet verstärkt unter Aufputschmitteln und stürzt sich in eine Affäre mit einer dezent verruchten Fotografin (Antje Traue). Während er sich zusehends dem Objekt seiner Berichterstattung angleicht - schwer tablettenabhängig gibt er seiner Frau sein Ehrenwort, kein Speed mehr zu nehmen -, entwickelt sich der Film zum veritablen Agenten- und Paranoia-Thriller. Illegale über die DDR abgewickelte Waffengeschäfte, U-Boot-Deals mit Südafrika und ein möglicher Zusammenhang mit der Iran-Contra-Affäre - hier kommen Namen wie Alexander Schalck-Golodkowski, Adnan Kaschoggi und Oliver North ins Spiel, immer monströser stellen sich der Fall und ein mögliches Doppelleben Barschels dar.

Über sieben Jahre haben Regisseur Kilian Riedhof ("Homevideo", "Sein letztes Rennen") und sein Co-Autor Marco Wiersch am Drehbuch gearbeitet. Das Resultat ist eine souveräne Verdichtung des Stoffes, die auch über drei Stunden fesselt. Außerdem hatte Casterin Simone Bär ein gutes Händchen: Es beginnt mit dem meisterhaft zwischen Arroganz und Fahrigkeit schillernden Matthias Matschke als Barschel, setzt sich fort mit dem grandios schmierigen Martin Brambach als Pfeiffer und endet nicht mit dem charismatischen Alexander Fehling als Burger. Auch Antje Traue verdient eine Erwähnung: Als Femme fatale Giselle Neumayer bringt sie eine Erotik ein, die sogar Paranoia sexy scheinen lässt.

Was sich in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober 1987 in Barschels Zimmer im Beau-Rivage wirklich zugetragen hat, kann natürlich auch dieser Film nicht zweifelsfrei klären. Er schafft aber eins: den Zuschauer nicht mit einem handelsüblichen zeitgeschichtlichen Ausstattungsstück einzulullen. Diese - ja: Degeto-Produktion! - lässt den Betrachter mit geschärften Sinnen und dem Wunsch nach Wachsamkeit zurück.


"Der Fall Barschel". Samstag, 6.2., 20.15 Uhr, ARD. Im Anschluss um 23.10 Uhr die Doku "Uwe Barschel - Das Rätsel"

dbate-Interview (2007)

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Ich werde mir das nicht ansehen,
Nabob 05.02.2016
eventuell ist die Aufarbeitung ganz gut gelungen, aber im Zentrum steht die politische Figur Barschel und die ist keine Aufarbeitung wert: Vor allem ein schon als neurotisch einzustufende Geltungssucht mit einer recht abgeflachten Hemmschwelle, im Hintergrund nach DDR-Manier zu manipulieren. Nach vorne raus politisch dabei eher unauffällig. Kleiner Mann ganz groß geht ja meistens in die Hose.
2. und die Schublade?
quap.sel 05.02.2016
Ein interessantes Interview mit Böhme. Aber die nächtliche Übergabe von SPD-Tausendern auf der Autbahntankstelle an Pfeiffer kam dann noch. Mit der "Schublade!"-Erklärung. Damit war die die Verteilung der Buhmann-Rollen dann noch mal neu geregelt, und Böhme hätte das Interview dann sicher anders gegeben.
3. damals
maggelan07 05.02.2016
wie heute BRISANT. Damals kursierte das noch unbewiesene Argument, Barschel sei zum Selbstmord gezwungen worden: er wurde angeblich genötigt, giftige Tabletten einzunehmen, die dann zum Tod führten. Bewiesen ist das bis heute nicht, da schon damals bei der Obduktion die Gerichtsmediziner keinerlei Rückstände im magen fanden, der auf Gift hätte hinweisen können. Dann kam die Vermutung, das Gift habe sich selbst im Körper völlig aufgelöst und keine Spuren hinterlassen. Eine andere Mordtheorie geht von einer Schockwelle aus, die den Pol-Hitiker bewußtlos machte, der dann in der Badewanne ertrank - aber von Ertrinken war damals nie die Rede?? Fakten: Seine Frau beteuerte die Mordtheorie und betonte, dass er ein gläubiger Christ war und nie an Selbstmord dachte. Das beweist auch das Erfolgsbarometer seines nicht nur politischen Lebens, mit wenigen Aussnahmen: Später kam raus, dass Barschel insgeheim in Waffengeschäfte verwickelt war. Irgendwie wollte er die Waffengeschäfte der damaligen BRD auffliegen lassen - und musste dafür sterben. Ebenso noch nicht bewiesen, aber denkbar. Jedenfalls wurde dem Volk mal wieder gezeigt, wie gefährlich Politiker leben, wenn sie versuchen, die Wahrheit zu predigen... So war es schon immer und wird immer so sein. Was Ändern kann daran nur das Volk selber, aber unisono (einstimmig) und überzeugt mit Willen. Aber so ein starkes und gerechtes Volk muß erst noch geschaffen werden.
4. Dank an Barschel
klyton68 05.02.2016
seit seinem legendären Ehrenwort schaue ich nämlich hinter die Kulissen. Gut, kann auch das Älterwerden gewesen sein. Und betrachte die Aussagen eines Politikers grundsätzlichh erst einmal unter dem Aspekt, was hat sie, er denn selber davon? An Menschenliebe glaube ich leider nicht mehr. Ich wähle daher das für mich kleinste Übel.
5. SPONs Foren
grecco-el 05.02.2016
sind die Lachnummer der derzeitigen Session.
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