Wendekomödie "Bornholmer Straße" Herr Oberstleutnant leidet an Verstopfung

Die Tragikomödie "Bornholmer Straße" mit Charly Hübner erzählt die Nacht des Mauerfalls aus Sicht eines Grenzers. Ein DDR-Soldat als Held - geht das?

Von

ARD

Die Liebe geht oft seltsame Wege. Es gibt sogar Menschen, die können starke positive Emotionen für einen Wall aus Steinen und Betonplatten aufbringen, der errichtet wurde, um andere Menschen auseinanderzureißen. Die Grenzer an der Bornholmer Straße zum Beispiel: Am späten Abend des 9. November 1989 schauen sie mit zärtlicher Sorge auf die wachsende Menschenmasse, die im Osten vor dem Schlagbaum Aufstellung nimmt und die Öffnung des Grenzübergangs fordert.

Die Soldaten sehen ihre Liebe verraten, ihr Lebenswerk bedroht. Bei einer Krisensitzung am Resopaltisch erinnert sich einer von ihnen voller Inbrunst, wie er fast drei Jahrzehnte zuvor die Berliner Mauer eigenhändig Stein auf Stein miterrichtet hat. Das Leben im Schatten des Antifaschistischen Schutzwalls, für die Männer in Schimmelgrün ist es ein Idyll.

Wo die anderen "Wir sind das Volk!" skandieren, müssen die Grenzer in kleineren gemeinschaftsstiftenden Kategorien denken: Wir sind die Mauer! Das ist beinahe komisch, wäre es nicht so tragisch.

Verstopfter Magen, verstopfter Apparat

Regisseur Christian Schwochow hat mit der Tragikomödie "Bornholmer Straße", die am Mittwoch in der ARD Premiere feiert, den sanftesten und zugleich riskantesten TV-Film über die Maueröffnung der letzten 25 Jahre gedreht. Schwochow ist Fachmann für die mit der Wiedervereinigung untergegangenen Idyllen der DDR. Für die echten, aber natürlich auch die falschen.

Mit seinem ARD-Zweiteiler "Der Turm" nach Uwe Tellkamp lieferte er 2012 ein detailsattes Gesellschaftspanorama zum Thema Alltag, Glück und Familienbande in der sterbenden DDR. In seinem Anfang des Jahres gestarteten Kinodrama "Westen" erzählte er, wie für eine geflüchtete Mutter die Schrecken der DDR in einem BRD-Auffanglager nachwirken. Der Westen leuchtet in Schwochows Filmen meist so hell auch nicht, der Osten ist nicht nur ein Jammertal. Und nun hat er auch noch einen Film über DDR-Grenzsoldaten gedreht, also über jene Figuren, die in anderen TV-Dramen über den Mauerfall lediglich als ewig grimmige Statisten vorkommen.

"Bornholmer Straße" aber gesteht den Mauerwächtern ein Eigenleben zu, tragikomisch zugespitzt zwar, aber immerhin. Das Drehbuch lieferten (nach Motiven von Gerhard Haase-Hindenbergs Buch "Der Mann, der die Mauer öffnete") Schwochows Eltern Heide und Rainer, die am 9. November gerade auf ihre Ausreisegenehmigung aus der DDR warteten; die beiden stehen also nicht im Verdacht, Freunde des SED-Regimes gewesen zu sein.

Ein DDR-Soldat als Held, geht das?

Und doch bringen die Schwochows ihren Antihelden eine gewisse Zärtlichkeit entgegen. Im Mittelpunkt steht der Grenzer, der in den Wirrnissen des 9. November den Schlagbaum an der Bornholmer Straße hochgehen ließ - und so möglicherweise ein Blutvergießen verhinderte. Der Schauspieler Charly Hübner, der am Sonntag noch als Ermittler-Haudrauf Bukow im Rostocker "Polizeiruf" zu sehen gewesen ist, gibt den Oberstleutnant am Anfang als Befehlsempfänger mit beschränktem Revolutionspotenzial und treuem Bernhardinerblick.

Ratlos schaut der Mann auf die Menschenmassen, die vor seinem Schlagbaum Aufstellung nehmen und immer energischer fordern: "Macht das Tor auf!" Der Oberstleutnant leidet an Verstopfung, so wie der Staatsapparat als Ganzes. Aus dem kranken Magen grollt es unkontrolliert, das kranke System ist in der Artikulation nicht präziser: Aus dem kleinen Fernseher im Aufenthaltsraum hallt Schabowskis legendäre Improv-Ansprache von den "Privatreisen nach dem Ausland", die ab sofort "ohne Vorliegen von Voraussetzungen" beantragt werden könnten. Aber die direkten Vorgesetzten (Ulrich Matthes als ketterauchender Offizier des Operativen Leitzentrums) schweigen. Die Angst regiert, die Macht kollabiert.

Regisseur Schwochow inszeniert das Entscheidungsvakuum als absurdes Theater: Warten auf Genosse Befehl. Aber da kommt nichts. Man lauscht in rauschende Telefonleitungen, man blättert in monströsen bürokratischen Regelwerken, man entstaubt schon mal den Waffenschrank. Doch die Obrigkeit schweigt und lässt sich verleugnen; wer zuerst etwas sagt, hat verloren.

In diesem Moment, als einer der Kollegen schon sein Sturmgewehr mit dem Namen "Lilly" streichelt, ergreift der Oberstleutnant die Initiative. Er entscheidet, den Schlagbaum hochziehen zu lassen - und zerstört damit sein Lebenswerk. Wer will, darf den stramm sozialistischen Soldaten Held nennen.


"Bornholmer Straße", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD (im Anschluss läuft eine Dokumentation)

TV-Tipp: Sondersendung zum Mauerfall am Sonntag,
9. November, 22.45 Uhr, RTL



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bonngoldbaer 04.11.2014
1. Schutzwall
Wer sich die Wahlergebnisse in den östlichen Bundesländern anschaut, begreift, dass die Mauer tatsächlich ein Antifaschistischer Schutzwall war. Traurig, dass wir Westdeutschen seit 25 Jahren ohne diesen Schutz leben müssen.
charlie1111 04.11.2014
2.
Zitat von bonngoldbaerWer sich die Wahlergebnisse in den östlichen Bundesländern anschaut, begreift, dass die Mauer tatsächlich ein Antifaschistischer Schutzwall war. Traurig, dass wir Westdeutschen seit 25 Jahren ohne diesen Schutz leben müssen.
Ein "böser" Beitrag, aber ich komme irgendwie nicht umhin ihm zuzustimmen.
pankgraf 04.11.2014
3.
Na, das ist aber ein wenig kurz gedacht: da schwappt zum Teil nur zurück (Ost -> West) , was erst anders herum herkam (West -> Ost). NPD und Konsorten wurden ja nicht in Cottbus oder Südsachsen gegründet, sondern in Hannover (NPD). Klar, sehr vereinfacht, aber das war der erste Kommentar allemal auch...
quasimodolo 04.11.2014
4.
War einige Jahre Grenschutzmann auf der Westseite und musste zusehen, wie die Grenzsicherung auf der Ostseite verstärkt wurden; Trotzdem haben wir dazu "beigetragen" dass Ostgrenzer zu uns herüberkonnten; Nur so zum Spass, nicht wegen des Scheiss Systems in der SBZ-Ostzone.
der_seher59 04.11.2014
5. in weiteren 25 Jahren
wird die DDR als ein eigentlich ganz niedliches, lustiges Staatsgebilde erscheinen, wo die Ideale von Frieden und Sozialismus gelebt wurden und die Menschen den ganzen Tag gesungen und getanzt haben. Die Mieten waren billig, es gab überall Kindergartenplätze etc. pp. Es war ja tatsächlich nicht alles schlecht, aber ich möchte nicht, daß man sich andiesen Teil Deutschlands als harmloses Disneyland erinnert, denn das war es nicht . (Bin übrigens Wessi aus dem Zonenrandgebiet)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.