ARD-Zweiteiler über Udo Jürgens: Aber bitte mit Schmalz!

Von Arno Frank

Im Bademantel durch Weltkrieg und Wirtschaftswunder: In der ARD-Produktion "Der Mann mit dem Fagott" wird die Geschichte des Musikgenies Udo Jürgens mit der des 20. Jahrhunderts verquickt. Ein filmisches Desaster mit grandioser Musik - für das man nur eines empfehlen kann: Ohren auf, Augen zu!

Biopic über Udo Jürgens: 100 Jahre, verrührt zu einem Schlager Fotos
ARD Degeto

Früher einmal war der Schlager schlicht das deutsche Wort für "Hit". Irgendwann ist er zu einem Synonym für Gesülze verkommen. Neuerdings lässt sich das Prinzip Schnulze sogar auf 210 Minuten strecken und, in zwei abendfüllende Tranchen verteilt, von der ARD als "episches Historiendrama" verkaufen.

Womöglich wäre es weiser gewesen, Jürgen Udo Bockelmann alias Udo Jürgens zum 77. Geburtstag mit einem Biopic im Stil von "Walk the Line" (Johnny Cash) oder "Du bist nicht allein" (Roy Black) zu ehren. Seine Karriere böte gewiss genug Stoff dafür. "Der Mann mit dem Fagott" aber basiert auf dem gleichnamigen Familienroman, den Jürgens 2004 zusammen mit der Co-Autorin Michaela Moritz veröffentlicht hat - und ächzt in jeder Minute unter der Last, die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts mit der einer einzigen Familie zu verflechten.

Entsprechend ambitiös ist der Plot des Zweiteilers konstruiert, er ahmt angestrengt das Prinzip einer Matroschka-Puppe nach. Die Handlung entblättert sich nach und nach: In der äußeren Rahmenhandlung spielt ein leicht ungelenker Udo Jürgens sich selbst, womit der Film gleich am Anfang seine Homogenität zugunsten der hybriden Anmutung einer Doku-Soap preisgibt. Jürgens jedenfalls sitzt sinnend in einer leeren Konzerthalle, als er aus Moskau die Nachricht erhält, jemand habe dort einen "Mann mit Fagott" für ihn aufbewahrt.

Graf von Monte Christo trifft auf Gestapo

Der Künstler ist gerührt, und es entrollt sich der eigentliche Erzählstrang. Der beginnt 1891, als sein Großvater Heinrich Bockelmann ( Christian Berkel) über den Weihnachtsmarkt in Bremen schleicht - unschlüssig, ob er nun in den USA oder in Russland sein Glück versuchen soll. Angerührt von der alten Weise "Kalinka", gespielt vom titelgebenden Mann mit Fagott, wandert Heinrich nach Moskau aus. Zwei Jahrzehnte später lebt er dort als wohlhabender Bankier. Wundervolle Frau, wohlgeratene Söhne, dankbare Bedienstete. Als ihm die Gattin eine Skulptur des Mannes mit dem Fagott schenkt, ist das Glück reif für die Höllenfahrt.

Prompt bricht der Erste Weltkrieg aus, Bockelmann wird verbannt, die Familie flieht nach Schweden. Wie ein deutscher Graf von Monte Christo entkommt Bockelmann der Kerkerhaft, so weit die Füße tragen, um den Stab der Dramaturgie irgendwann an Udo Jürgens' Vater (Ulrich Noethen) weiterzureichen, der sich als aufrechter Bürgermeister in Kärnten mit der Gestapo herumschlagen muss.

Im Lieferumfang inbegriffen ist dann doch noch das Biopic. Gewissermaßen als Film im Film erleben wir die ersten künstlerischen Gehversuche des jungen Udo Jürgens (David Rott) in den fünfziger Jahren. Am Ende ist es, als hätten Weltkriege, eine Revolution und ein Wirtschaftswunder nur deshalb stattgefunden, damit ein älterer Herr im Bademantel eine versöhnliche Zugabe geben kann.

"Fackeln im Sturm" made in Germany

Fast elf Millionen Euro hat die Produzentin Regina Ziegler investiert, und das Geld scheint vor allem in historische Uniformen, Nebelmaschinen und unbeholfen hingepinselte Kulissen geflossen zu sein. Das Ergebnis ist eine Art "Fackeln im Sturm" mit den begrenzten finanziellen Mitteln und begrenzten ästhetischen Möglichkeiten des deutschen Fernsehens.

Was vor allem daran liegt, dass Drehbuchautor Harry Göckeritz bei aller ordnenden Arbeit keinen ausreichenden Sicherheitsabstand zu den schlagerhaft aufgesetzten Dialogen des Romans wahren durfte. Kaum ein Satz, der nicht auf meterhohen Stelzen angestolpert käme. "Ach Heinrich", seufzt da die Gattin im Kinderzimmer, während auf der Straße schon die Bolschewisten toben, "werden unsere Kinder auch glücklich sein?" Und der russische Soldat mit dem protostalinistischen Schnurrbart schnauft verächtlich, während er die Reihen der internierten Deutschen abschreitet: "So sehen sie also aus, die Reichen."

Regisseur Miguel Alexandre macht als Spezialist für weichgezeichnete Historie, was er auch schon in "Schicksalsjahre" (mit Maria Furtwängler) oder "Die Frau vom Checkpoint Charlie" (Veronica Ferres) machte: Er lässt seine tapferen Protagonisten durch die Jahrzehnte stapfen und achtet darauf, dass auch ja kein Klischee ausgelassen, keine Gelegenheit zum Kitsch versäumt wird. Der vormoderne Russe hängt an der Flasche, ist grundböse - und grundgut nur dort, wo er mit deutscher Kultur in Kontakt gekommen ist. Der moderne Amerikaner tritt als "Neger" auf, dem der Jazz einfach im Blut steckt und dem beim Anblick kleiner Kinder im Bombenkeller das Herz aufgeht. Und der ewige Deutsche ist zwar hin und wieder von faustischer Getriebenheit, entscheidet sich im Zweifelsfall aber immer gerade noch rechtzeitig für das Menschliche, für das Allzumenschliche.

Drück die Tränendrüse!

Je länger die Handlung dahinschlingert, desto dankbarer ist man schließlich für die wenigen Lichtblicke. Dann glänzt vor allem David Rott, der sich den jungen Udo Jürgens mit fast schon unheimlicher Akribie anverwandelt hat. Zwar bewegt er in den Gesangsszenen nur die Lippen zur Stimme von Udo Jürgens, doch macht seine Verkörperung den Künstler in seiner ganzen Ambivalenz kenntlich. Erklärt wird seine unglückliche Liebe zum Jazz ebenso wie seine notorische Promiskuität.

Fast mitreißend ist die kurze Szene, in der der berühmt-berüchtigte Musikproduzent Hans Beierlein seinen Schützling zum ersten Mal für eine Zugabe in den weißen Bademantel steckt, der heute zu seinem Markenzeichen geworden ist. Überhaupt kommt "Der Mann mit dem Fagott" nur dann in Fahrt, wenn die Musik ins Spiel kommt. Einmal steht der kleine Udo daheim in Kärnten unter dem bedrohlichen Dröhnen der Bomberflotten im verdunkelten Klavierzimmer und bearbeitet die Tasten in vibrierendem Moll, bis er das Dröhnen draußen eingefangen - und damit gebannt hat.

Der Soundtrack als akustischer Gefühlsverstärker erzählt mit Dixieland, Jazz, russischen Volksliedern, Schnulzen und gelegentlichen Ausflügen in die Zwölftontechnik eigentlich schon die ganze Geschichte. Das könnte aus Hollywood sein und stammt doch von Udo Jürgens selbst. Er hat diese Filmmusik komponiert, wie er auch seine Schlager schreibt. Mit einigen Längen, mit Willen zum Pathos, um keine Peinlichkeit verlegen, routiniert nach den Tränendrüsen des Publikums tastend.

Und wenn man schon nicht mehr damit gerechnet hat, blitzt so etwas wie Kunst auf. Wer sich auf "Der Mann mit dem Fagott" einlässt, der sollte das also auf die einzig interessante Weise tun - mit geschlossenen Augen.

"Der Mann mit dem Fagott", Donnerstag und Freitag, jeweils 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 44 Beiträge
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1. °!°
jot-we, 28.09.2011
Musikgenie? Grandiose Musik? Bin ich in ein Paralleluniversum verschlagen worden? An einem Mittwoch? Was es nicht alles gibt ...
2. Kein Klischee ausgelassen...
mcfly71 28.09.2011
Selbst die Kritik des Kritikers erscheint darin das Klischee des Klischees zu bedienen. Danke für diesen alle meine Erfahrungen mit dem deutschen Hanswurst des Feuilletons bestätigenden Artikel. Ein deutscher Kritiker hat "Autist" zu sein. In seiner alleszermalmenden und über den Emotionen stehender kühler Analytiker entsagt er sich dem G E F Ü H L, es sei denn das Gefühl kommt in seiner "Häßlichkeit" daher. Woran liegt´s? Ist es das Protestantische, das sich entsagende E I N F Ü H L U N G S V E R M Ö G E N? Die Härte gegen das Leben, das Schöne und zuletzt gegen sich selbst? Man weiß es nicht! Schließlich ist das Herz weit, es sei denn es verengt sich und erspart sich das M I T F Ü H L E N. Denn vergessen wir nicht: Auch der Zuschauer hat eine gewisse aktive Rolle beim schauen.(Es sei denn er macht die Augen zu, so wie der werte Kritiker!). Er ist nicht ganz passiv, sondern wird gefragt, inwieweit er sich auf die Rollen und Charaktere einläßt.
3. Grace Under Pressure
rudolf_mendt 28.09.2011
Da meiner Erfahrung nach deutsche Produzenten in der Regel nicht mit eigenem Geld gambeln, gehe ich schwer davon aus, dass Frau Ziegler sich ihre "Investitionen" von der Filmförderung zurückholt.
4. Udo, wir danken Dir!
janeinistrichtig 28.09.2011
Ich mochte Udo Jürgens so lange ich denken konnte. Daran kann auch eine zweiteilige Verballhornung (Verbockelmannhornung geradezu) nichts ändern. Hits wie "Die kleine Kneipe", "Hossa, Hossa, Hossa" oder "Im Wagen vor mir fährt ein reines (feines?) Mädchen" sind Klassiker. Auch der Schlagerfan sollte sich da nichts vormachen. Das jener, unser Udo, regelmässig einen Bademantel auf der Bühne anzieht ist mir allerdings neu. Womöglich ein Indiz für sublimierte Sexualität über den Fetisch Frottee.
5. ...ein bekannter
kosi, 28.09.2011
Zitat von janeinistrichtigIch mochte Udo Jürgens so lange ich denken konnte. Daran kann auch eine zweiteilige Verballhornung (Verbockelmannhornung geradezu) nichts ändern. Hits wie "Die kleine Kneipe", "Hossa, Hossa, Hossa" oder "Im Wagen vor mir fährt ein reines (feines?) Mädchen" sind Klassiker. Auch der Schlagerfan sollte sich da nichts vormachen. Das jener, unser Udo, regelmässig einen Bademantel auf der Bühne anzieht ist mir allerdings neu. Womöglich ein Indiz für sublimierte Sexualität über den Fetisch Frottee.
Ein Bekannter von mir, der Udo Jürgens vor einigen Jahren auf der Konfirmation von dessen gerader aktueller Freundin getroffen hat, meine allerdings das die kleine Kneipe eigentlich von Drafti Deutscher stammt. Im Gegenzug schrieb er dessen großen Hit: "Ganz in Weiss". Ist aber unwichtig, wenn einen ein Künstler so viele schöne Momente geschenkt hat...
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