Arte-Doku "Der Tag des Spatzen" Zwischen Nestern und Raketen

Ein Scharfschütze erschießt einen Spatzen, in Afghanistan stirbt ein deutscher Soldat: In seinem Filmessay "Der Tag des Spatzen" spürt Philip Scheffner nach, wie stark die Militarisierung den deutschen Alltag durchdrungen hat. Damit gelingt ihm ein außergewöhnlicher Wechsel der Perspektiven.

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Am Ende der hundert Minuten kommt es einem ganz selbstverständlich vor: Natürlich sind Militarisierung und Vogelwelt ganz eng miteinander verbunden, natürlich erfährt man überraschend viel über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, wenn man Meisen beobachtet. Bis einen die preisgekrönte Dokumentation "Der Tag des Spatzen" davon überzeugen kann, dauert es allerdings. Mehrfach setzt Autor Philip Scheffner an, um die Grundthese seines Films zu belegen. Folgt Vögeln und ihre Fährten, um dem Krieg in Deutschland auf die Spur zu kommen. Mehrfach gelingt im dies nur ansatzweise. Doch gerade diese abtastende Annäherung entwickelt ihren eigenen Sog. Als würde der Film immer wieder dieselbe undeutliche Linie nachziehen, schaut man ihm zu - bis man plötzlich selbst die Linie klar und deutlich erkennt.

Ausgangspunkt des Films, der nach kurzer Kino-Laufzeit als TV-Premiere auf Arte zu sehen ist, ist eine Zeitungsseite vom 15. November 2005. Darauf finden sich zwei Meldungen, die auf den ersten Blick völlig disparat erscheinen: im niederländischen Leeuwarden ist ein Spatz vom einem Scharfschützen erschossen worden, weil er das TV-Spektakel "Domino Day" hätte gefährden können; in Kabul stirbt ein deutscher Soldat an den Folgen eines Selbstmordattentats. Was haben die beiden Ereignisse gemein, dass sie auf derselben Zeitungsseite landen? Haben sie überhaupt etwas gemein? Ist die Zusammenhangslosigkeit vielleicht der Modus, in dem wir sämtliche Nachrichten vom Krieg konsumieren? Und wenn ja, was verstehen wir dann noch vom Krieg?

Philip Scheffner setzt den Krieg, speziell den Afghanistan-Einsatz, in Zusammenhang. Er spürt seiner Verzahnung mit dem deutschen Alltag nach, indem er dem Alltag von Vögeln nachspürt.

Er fährt in die Vogelschutzgebiete an Wallnau auf Fehmarn und Behrensdorf in der Hohwachter Bucht. In deren Nähe verbrachte er als kleiner Junge einst die Sommer und fing dort auch mit dem Vogelbeobachten an. Im Film hören wir seinen "Feriensoundtrack", wie Scheffner es selbst nennt: Meeresrauschen, Vogelgezwitscher und Detonationen von Flugabwehrraketen. Gleich neben den Vogelschutzgebieten befindet sich eine Streitkräftebasis.

Am Horizont zeichnen sich weiße Explosionen ab

Er fliegt an Bord einer kleinen Propellermaschine den Flusslauf der Mosel nach. Die malerische Strecke bezeichnet die Flugroute vieler Vogelarten. Für die Bundeswehr ist die Landschaft interessant, weil die Flusswindungen und Bergformationen denen in Afghanistan so gleichen, dass sich hier gut Übungsflüge für den späteren Einsatz am Hindukusch proben lassen.

Er besucht das Einsatzführungskommando in Geltow nahe Potsdam. Von hier aus werden alle Auslandseinsätze der Bundeswehr koordiniert. Mehrfach bittet Scheffner um ein Interview mit Führungskräften aus der Zentrale. Wie sich die Gespräche hinziehen und wie sich die Pressestelle schließlich gegen ein Interview entschließt, dokumentiert Scheffner mithilfe von Tonaufnahmen. An Bildern von der gescheiterten Kommunikation bleiben nur die Außenaufnahmen der Einsatzzentrale. Sie liegt gleich neben dem Wildpark Potsdam. Zu dessen Sehenswürdigkeiten gehören eine Reiherkolonie und der große Entenfängerberg.

Als Hobby-Ornithologe kennt Scheffner die Ruhe und Geduld, die es zur Vogelbeobachtung braucht. Kameramann Bernd Meiners hat sich auf dieses Tempo eingelassen und Szenen eingefangen, die zum Teil so bestechend sind, dass sie sich aus dem Film herauslösen und für sich stehen. Die Schritte eines Reihers auf einem nächtlichen Parkplatz entwickeln so ein Eigenleben. Zögerlich bewegt sich das Tier zwischen Autos und Asphalt. Wie ein Außerirdischer scheint es abzuwägen, ob diese Welt ihm feindlich gesonnen ist oder nicht, und kommt zu keinem Schluss.

Nicht immer sind Scheffners Ansätze so subtil. Zum Ende des Films hin nimmt er die Geschichte eines Freundes auf, der unter Terrorismus-Verdacht gerät und sich schließlich sogar vor Gericht verantworten muss. Das Militär ist nun unmittelbar in Scheffners Leben eingetreten: zur Überführung ins Gefängnis Stammheim wird der Freund sogar mit dem Militärhubschrauber geflogen. Wie die Vorwürfe gegen ihn lauten, verrät der Film nicht. Eindeutig soll dagegen die Ungerechtigkeit sein, die dem Freund widerfährt. Dieser Argumentation Scheffners mag man nicht recht folgen, da er mit Informationen geizt, wie er es zuvor noch der Bundeswehr vorgeworfen hat. Die Episode bleibt vage, an Bildmaterial hat sie nur Scheffner selbst beim Vogelbeobachten zu bieten. Sein hyperaufmerksamer Blick, hier scheint er ins Selbstbezüglich-Paranoide zu kippen.

In der Schlusseinstellung vereint sich die angespannte Geduld, die den Film trägt, wieder mit den Bildern. Scheffner ist an den Urlaubsort seiner Kindheit zurück gekehrt. Vom Campingplatz gleitet die Kamera übers Meer, bis sie am Horizont zur Ruhe kommt. Still liegen die blassblauen Linien von Wasser und Himmel da, dann zeichnen sich in der Ferne plötzlich kleine, weißsprühende Explosionen ab. Die Abwehrraketen der Militärstation sind detoniert.


"Der Tag des Spatzen", 23.40 Uhr, Arte



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
hokie 02.02.2011
1. ...
Zitat von sysopEin Scharfschütze erschießt einen Spatzen, in Afghanistan stirbt ein deutscher Soldat: In seinem Filmessay "Der Tag des Spatzen" spürt Philip Scheffner nach, wie stark die Militarisierung den deutschen Alltag durchdrungen hat. Damit gelingt ihm ein außergewöhnlicher Wechsel der Perspektiven. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,743068,00.html
Ohne den Film oder den Regisseur zu kennen, so erlaubt doch dessen These einen ungetruebten Blick auf das wessen Geistes Kind dieser Mann ist! Zu behaupten der 'deutsche Alltag' sei militarisiert ist schon ein starkes Stueck, solch eine subjektive Wahrnehmung kann man doch ohne chemische Helferleins gar nicht bekommen! Da koennte er behaupten in Dtl herrsche das Matriarchat und wuerde damit vermutlich naher an der subjektiven Wahrheit liegen ...
karx11erx 02.02.2011
2. Dümmer gehts nümmer
Es sagt doch alles, wes Geistes Kind jemand ist, der einen Menschen aufgrund eines kurzen Zeitungsberichts über einen Film dieses Menschen zu verurteilen, den man nicht mal gesehen hat. Wenn man hier von "Geist" überhaupt noch reden kann. Naja, öffensichtliche Selbstentblö{d|ß}ung zur Steigerung der eigenen Bedeutsamkeit ist inzwischen ja breit akzeptiert (wenn man sieht, in welcher Breite das betrieben wird).
23 Skiddoo, 02.02.2011
3. tolle Info...
dieser Film wird in TV-Spielfilm als "NEU" gekennzeichnet, aber die Kritiken sind schon da? Sendetermin 02.02.2011 23:40 Uhr. Toll, dass Sie den schon gesehen haben... ? Werde mich später dazu äußern.
Newspeak, 02.02.2011
4. ...
Militarisierung ist vielleicht das falsche Wort. Aber mir fällt es z.B. auch ungut auf, daß man von Seiten der Politik, besonders der Konservativen, so langsam wieder den Tonfall bekommt, den man immer vor Kriegen entwickelt hat. Zunächst geht es da nur um Patriotismus. Daß man sein Land lieben sollte (wieso eigentlich?). Dann mischt sich darunter das Einfordern von Solidarität gegenüber "unseren" Soldaten (wieso eigentlich?), die doch im Kriegseinsatz immer nur unsere Demokratie verteidigen. Schleichend macht sich da ein gestriges Denken breit, das dann zunehmend auch die Militarisierung, den Nationalismus etc. befördert. Ich finde es z.B. verachtenswert, daß sich Größen wie Angela Merkel auf Trauerfeiern für ermordete Soldaten (und die Täter sitzen hier, nicht in Afghanistan) hinstellt und auch noch den Einsatz rechtfertigt. Das ist eine Verunglimpfung der Toten im Beisein der Angehörigen. Und das ist widerlich an diesem Land. Das es wieder soweit gekommen ist. Ach ja, genauso widerlich übrigens, wie der Umstand, daß wir uns immer als große Friedensmacht feiern, aber weltweit der drittgrößte Waffenexporteur sind.
alcudi, 02.02.2011
5. Die wirklich guten Filme
...gibt es oft erst spät abends. In der anderen Zeit amerikanischen Dünnschiss, flaue Serien, Volksverdummungsmusik, Sport und Gelaber.Um so mehr bin ich gespannt auf den Film. Man kann sowas auch aufnehmen oder auf der Arte-Webseite bis zu 7 Tage später anschauen :-)
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