Psyche und Gesellschaft Europa in der Burn-out-Klinik

Kontinent vor dem Kollaps: Der Arte-Film "Sanatorium Europa" beleuchtet, wie Thomas Mann und Hermann Hesse vor 100 Jahren gegen die große Depression kämpften - mit spannenden Parallelen ins Heute.

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Europa ist bekanntlich nichts für schwache Nerven. Geht die eine Krise, kommt die nächste. Scheint man endlich auf dem Weg, nationale Egoismen überwinden zu können, ergreift irgendwo auf dem Kontinent ein besonders chauvinistischer Quälgeist das Wort. Und ewig droht der Kollaps. Das ist heute so, das war vor über 100 Jahren so.

Damals, in den Nullerjahren des letzten Jahrhunderts, traf sich eine Gruppe europabegeisterter und zugleich europamüder Intellektueller in Riva am Gardasee, um sich im Reform-Sanatorium des berühmten Dr. Hartungen kurieren zu lassen. Kafka und Freud waren hier ebenso Stammgäste wie Rudolf Steiner und Karl May. Der Kontinent drohte auseinanderzubrechen, bei Dr. Hartungen wurde die erhöhte Reizbarkeit der sensiblen Europäer und darbenden Geistesgrößen behandelt.

Neurasthenie, Nervenschwäche, Überforderung mit den schnellen Veränderungen der Zeit, so lautetet der Befund des Homöopathen. Er verordnete Wasserbäder und Trennkost, bei Tisch wurde Esperanto gesprochen. Alternativmedizin gegen die große europäische Depression, Kunstsprache gegen die europäische Kakophonie.

Der europäische Patient

Unter den Gästen im Sanatorium befand sich auch Thomas Mann, der neben seinem Unbehagen mit der Zeit auch sein Unbehagen mit den schlechten Kritiken zu seinem ersten Roman "Die Buddenbrooks" auszukurieren gedachte. Er hatte damit sogar Erfolg; in Riva fasste er die Idee zu seinem "Zauberberg", jenes dann erst 1924 erschienenen Opus Magnum über den europäischen Patienten, der fernab allen ideologischen Getöses feinnervig das eigene Selbst auslotet.

"Sanatorium Europa" heißt treffend eine Dokumentation auf Arte, die die gegenwärtige Krise des Kontinents zum Anlass nimmt, um aufzuzeigen, wie Künstler und Intellektuelle vor über 100 Jahren auf die Krise am Vorabend des Ersten Weltkrieges reagierten. Desorientierung, Überreizung und der Verlust von Verbindlichkeiten, der Mensch im Allgemeinen und der Geistesmensch im Besonderen kamen einfach nicht mehr zurecht mit den Beschleunigungs- und Verfallsprozessen der Zeit.

Im Film sagt die Politologin Ulrike Guérot: "Man kann es rückkoppeln zu heute, wo wir mit dem Burn-out-Begriff eine ähnliche Zeitkrankheit versuchen zu erfassen von Leuten, die offensichtlich in ihrer Arbeitssituation in Überforderung geraten und sich in der heutigen Zeit nicht mehr verorten können."

Doch die Doku von Julia Benkert beschreibt nicht nur einen verzagten Rückzug aus einer Welt, die sich selbst aus den Fugen hebt, sie beschreibt auch soziale Gegenentwürfe. Etwa die der beherzten Lebensreformer auf dem Monte Verità. Der Erste Weltkrieg war schon ausgebrochen, da suchten die Anthroposophen und Anarchisten, die Nudisten und Okkultisten auf dem Hügel im Schweizer Kanton Tessin nach neuen, heute würde man sagen: nachhaltigen Gesellschaftsmodellen.

Nackt jäten, Fallobst sammeln

Unter ihnen war auch der Schriftsteller Hermann Hesse, der anfänglich noch Spaß am nackt jäten und Fallobst einsammeln hatte, dem bald aber die alternativen Lebensentwürfe nur noch wie ein dümmlicher romantischer Atavismus vorkamen. Oder wie er selbst es formulierte: "Vegetarier, Vegetarianer, Vegetabalisten, Rohkostler, Frugivoren und Gemischtkostler - der Versuch des Menschen, sich zum Affen zurückzubilden."

Gleichwohl fühlte sich Hesse stark von dem Guru Gusto Gräser angezogen, der nackt in einer Höhle lebte. Radikale Selbsthinterfragung, Naturmystik und biblische Heilslehren gingen bei der Aussteiger-Avantgarde à la Gräser Hand in Hand. Bei Hesse heißt es später, inspiriert von Gräser und dessen Grotten-Individualismus: "Es gab keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber zu suchen."

Ein Satz mit ambivalenter Botschaft: Einklang mit sich und der Welt, Ego auf Crashkurs, den Satz kann man als Aufforderung zu dem einen wie dem anderen lesen. Er würde auch ganz gut ins Therapieprogramm stressgeplagter Selbstoptimierer und Supermanager von heute passen. Aber natürlich, so legt die Doku nahe, ist das Ich-Ich-Ich bei Hesse eines, das einer größeren Idee untergeordnet ist, das sich unter dem europäischen Sternenkranz zu entfalten hat.

Filmautorin Benkert verweist auf die Offenbarung Johannes, die auch auf Hesse großen Eindruck gemacht hat. Es geht darin um die Erscheinung einer Gebärenden, über ihrem Haupt strahlt ein Kranz von zwölf fünfzackigen Sternen. Hier wird ein biblischer Urmythos zum Symbol eines neuen, eines mütterlichen Europas.

Hat aber nichts mit der mächtigsten Politikerin des Kontinents zu tun, die gerne "Mutti" genannt wird, sondern mit einer Idee, die größer ist als jede einzelne Person. Und die allen Burn-outs zum Trotz die letzten 100 Jahre überstanden hat.


"Sanatorium Europa", Mittwoch, 22.00 Uhr, Arte



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Newspeak 28.06.2017
1. ...
Na ja, bitte, es waren nicht die Freigeister und Anarchisten, die den Weltkrieg begonnen haben, sondern eher die Technokraten und Managertypen, auch wenn man die damals noch nicht so genannt hat, halt Narzissten, Machiavellisten, Sozio- und Psychopathen. Vor allem aber Nationalisten. Ich finde es schlimm, wenn sich die Normalen schon fuer etwas Besonderes halten. nur weil sie normal sind. Das scheint ihre Krankheit zu sein.
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