Von Felix Bayer
Jon Savage ist wie geboren für die Rolle des Experten, des talking head im Fernsehen. Der Musikjournalist und Buchautor ("England's Dreaming") hat eine expressive Mimik, immer wieder betont er seine Aussagen mit aufgerissenen Augen. Dazu sieht er sehr schick aus, wie er da in braunem Tweed-Jackett und kariertem Hemd vor seiner mit Bildbänden gefüllten Bücherwand sitzt. Leuten wie Jon Savage hat die Doku-Reihe "London Calling", die ab Samstag als Teil des Programmschwerpunkts "Britishness" auf Arte läuft, zu verdanken, dass sie funktioniert.
Der Vierteiler geht der Frage nach, wieso eine relativ kleine Insel wie Großbritannien eine derart prägende Rolle in der Popmusik spielen kann. Für die Autoren von "London Calling", den englischen Musikjournalisten Simon Witter und den österreichischen TV-Dokumentationsprofi Hannes Rossacher, ist die Antwort darauf nicht nur bei den Musikern zu suchen, sondern auch in ihrem Umfeld: Fotografen, Cover-Gestalter, Manager. Und - ohne, dass das ausdrücklich gesagt wird - wohl auch in der ausgeprägten britischen Kultur der Interpretation popkultureller Vorgänge, für die in den Filmen Leute wie Savage und seine Musikjournalistenkollegen Simon Reynolds, Paul Morley und Paul Gorman stehen.
In der ersten Folge beleuchten sie die bedeutsame Rolle, die die britischen Kunsthochschulen für den Aufstieg der Popmusik spielten. Diese waren der Ort, an dem sich seit den sechziger Jahren junge Leute ausprobieren konnten, die zwar intelligent und kreativ waren, aber nicht so zielgerichtet oder karrierebewusst, dass sie in einem klassischen Bildungsweg hätten reüssieren können. Fred Deakin, Musiker bei der TripHop-Band Lemon Jelly, Grafikdesigner und Dozent am Saint Martins College in London, betont das besondere Modell britischer Akademien, in denen alle Studenten im Grundstudium erst mal mit vielen verschiedenen Kunstformen konfrontiert würden.
Lächeln war auf Fotos plötzlich verboten
So kommt es, dass viele britische Musiker mit einem Kunsthochschulhintergrund regelmäßig Einflüsse aus anderen Künsten aufnehmen. Man denke zum Beispiel an die Band Franz Ferdinand mit ihren an der russischen Avantgarde geschulten Plattencovern oder auch an die anspielungsreichen Verwandlungen des David Bowie. Umfassendes kunsthistorisches Halbwissen hat den britischen Pop also geprägt, "Art-School-Band" wurde zum stehenden Ausdruck - mit Roxy Music als Inbegriff.
Damit einher geht ein starkes Stilbewusstsein, das in der zweiten und dritten Folge der Dokumentation genauer betrachtet wird, wenn es um die Fotografie, die Mode und die Covergestaltung geht. Britischer Pop arbeitete immer schon mit starken visuellen Reizen. Es ist der Fotograf Gered Mankowitz, der über seine Arbeit mit den Rolling Stones oder den Yardbirds in den Sechzigern spricht und dabei betont, wie wichtig es war, dass Rockmusiker nicht mehr nach traditionellem Showbusiness aussahen: Lächeln war auf Fotos plötzlich verboten.
Doch gerade all die klugen Sätze über die ausgefeilte Bildsprache, die von Experten wie Jon Savage und anderen geäußert werden, machen schmerzhaft klar, wie enttäuschend diese Fernsehdokumentation unter visuellen Gesichtspunkten ist. Immer wieder werden bezugsfreie London-Bilder zwischen die talking heads geschnitten, und die viel zu wenigen und viel zu kurzen Musikbeispiele und Archivmaterialien wirken bisweilen kopflos eingestreut: Gerade wurde noch Boy George dafür gelobt, dass er in den Achtzigern Fragen der Geschlechterrollen ins Nachmittagsprogramm brachte, da sieht man irgendwelche Menschen mit Lippenstift auf der Straße und zehn Sekunden eines Auftritts von Human League.
Dabei sind die Interviewaussagen doch so ungewöhnlich ergiebig für eine TV-Dokumentation. Besonders eindrucksvoll ist diese Stärke von "London Calling" in der abschließenden Folge, in der die Hintermänner in den Blick geraten: Die Manager, die darauf schauten, dass all diese Art-School-Typen mit ihren schrägen Ideen auch ein Publikum fanden. Schließlich macht ja gerade die Mischung aus Kunst und Kommerzialität das Wesen des Pop aus. Simon Napier-Bell, der die Yardbirds und Wham! betreute, erzählt anschaulich, wie der Job des Popmanagers in den sechziger Jahren zur Domäne homosexueller Männer wurde, die wussten, wie sie Teenagermädchen zum Kreischen bringen konnten.
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