Film-Doku "Der Chefankläger": Der Mann, der Massenmörder jagt

Von Arno Frank

Luis Moreno Ocampo: Der Alltag des Milizenjägers Fotos
SWR

Er brachte Kriegsherren vor Gericht, Vergewaltiger und Milizenführer. Die Film-Doku "Der Chefankläger" porträtiert Luis Moreno Ocampo, einen Weltstar unter Juristen, der den Apparat zur Verfolgung von Kriegsverbrechern aufgebaut hat. Und der deswegen natürlich auch Angelina Jolie zu Besuch hatte.

Es gibt Szenen in diesem Film, die sind nur schwer auszuhalten. Wie ein fast schon berüchtigtes Live-Gespräch zwischen einem israelischen Fernsehmoderator und einem Arzt aus Gaza, dessen Haus soeben von einer israelischen Granate getroffen wurde. Der Israeli fragt: "Wer wurde verletzt, Abul Aish?" - "Meine Töchter, oh Gott, Allah, oh Gott, Allah", antwortet der Araber, rasend vor Verzweiflung. Der Moderator atmet schwer, will wissen, ob man vielleicht eine Ambulanz schicken könne, aber der Mann am anderen Ende der Leitung brüllt weiter: "Ich wollte sie retten, sie retten, aber sie sind tot… Sie wurden in den Kopf getroffen!"

Und dann gibt es Szenen in diesem Film, die sind aus dem Kongo und überhaupt nicht auszuhalten.

Das Grauen aus dem Archiv wird sparsam, aber effektiv eingesetzt. Im Grunde ist es nur der entsetzliche Hintergrund, vor dem der eigentliche Held dieser Dokumentation agiert und eben nicht kapituliert: Luis Moreno Ocampo, "Der Chefankläger" des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC).

Ein Star mit charismatischer Autorität

Im Jahre 2003 wurde er ernannt und hielt das Amt bis zur Übergabe an seine Stellvertreterin Fatou Bensouda 2012. In den letzten sechs Jahren seiner Amtszeit haben die Regisseure Marcus Vetter und Michele Gentile den Juristen bei der Arbeit begleitet. Ocampo ist fraglos ein Star mit charismatischer Autorität, dem auch Eitelkeit nicht fremd ist. In Buenos Aires hat er als junger Staatsanwalt die Verantwortlichen der Militärdiktatur hinter Gitter gebracht, in Den Haag auf Basis der römischen Verträge den juristischen Apparat zur Verfolgung von Kriegsverbrechen weltweit aufgebaut.

Der Film zeigt, wie diese Arbeit im Alltag aussieht: wie Alltag. Geistig abwesend manövriert Ocampo seinen BMW durch die Stadt, fährt fast einen Fahrradfahrer um und legt das Handy erst beiseite, als er von einer Motorradstreife angehupt wird. Im Büro grüßt er seine Mitarbeiter, berät sich mit seinen Kollegen, kocht neben dem aufgeklappten Laptop zu Hause Kaffee. Er gibt Interviews, verfolgt am Fernseher den Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi, hält via Skype einen Vortrag vor dem mexikanischen Kongress.

Oder er brütet über seinem Plädoyer gegen den kongolesischen Milizenführer Thomas Lubanga, "ein armer Kerl", wie Ocampo in Siegerlaune einräumt. Dieser Prozess setzt den dramaturgischen Rahmen der Dokumentation. Die Beweisaufnahme, die als Zeugen geladenen Kindersoldaten, die kühle Dynamik im Gerichtssaal, wo der "arme Kerl" ins Leere blickt oder in der Nase bohrt. So banal das Böse, so routiniert die Guten. Das Entsetzen verschwindet fast hinter Paragrafen und der Freude über gelungene Formulierungen, mit der die Anklage vor Gericht punkten könnte.

Ausfällig wird Ocampo erst, als ihm "diese Idioten" aus der Buchhaltung eine Aufstockung des Budgets verweigern wollen, das er für Voruntersuchungen braucht. Oder als zum Prozess gegen Lubanga Benjamin Ferencz einfliegt, der greise Chefankläger von Nürnberg. Zu den Höhepunkten des Films zählt ein bizarrer Streit zwischen dem 92-Jährigen und einer jungen Mitarbeiterin von Ocampo. Ferencz hält die Kinder für Täter, die Mitarbeiterin kontert: "Ja, aber sie waren traumatisiert." - "Sie waren Täter!" - "Sie wurden dazu gezwungen!" - "Mörder, Verbrecher! Gezwungen? Das ist keine Entschuldigung. In jedem Krieg plündern Soldaten. Und wenn ich ihnen sage: Töte ihn…" - "Oder du wirst getötet!" - "Aber natürlich tun sie das! Sie vergewaltigen, legen Feuer, plündern, das ist nicht okay" - "Sie waren Kinder!" -"Sie kämpfen und betrinken sich."

Es geht um die Bewertung von Kindersoldaten, es geht um Ethik. Am Ende bittet Ferencz: "Lass uns das nie wieder tun, streiten."

14 Stockwerke tief

Ocampo glaubt: "In 20 Jahren wird jeder dem ICC unterstellt sein. Es wird normal sein, Konflikte mit Gesetzen zu lösen und nicht mit Bomben." Und: "Es geht nicht darum, wer die besseren Waffen hat. Sondern darum, wer die besseren Argumente hat." Das glaubt er wirklich. Beschlossen wurde die Einrichtung des Gerichtshofs 1998 von 120 Staaten, bis heute sind nicht viele hinzugekommen, die USA, China oder Russland können nicht belangt werden.

Dann sehen wir ihn wieder in Bengasi, wo er nach dem Umsturz mit einem internationalen Haftbefehl für den Gaddafi-Sohn Saif al-Islam aufkreuzt und ihn seine libyschen Kollegen förmlich abblitzen lassen. Man sieht ihn, wie er allein im Hotellift zu plätschernder Musik aus verborgenen Lautsprechern hinunterfährt, 14 Stockwerke tief. Gescheitert. Solche sprechenden Bilder machen diesen Film sehenswert. Kommentare aus dem Off gibt es keine, dramatisierende Musik selten.

Am Anfang des Filmes steht eine Grußbotschaft der engagierten Schauspielerin Angelina Jolie. Am Ende, zur Urteilsverkündung gegen Lubanda, fliegt sie sogar höchstpersönlich aus Hollywood ein, isst Kekse in Ocampos Büro und sitzt mit betroffener Miene unter dicken Kopfhörern im Gerichtssaal. Im Grunde schwebt sie wie eine griechische Gerechtigkeitsgöttin über dem Gericht und über dem Film, was beide nicht nötig haben sollten.

"Wer sind die Hauptfiguren hier?", fragt Ocampo irgendwann in die Kamera: "Ich glaube nicht, dass ich in eurem Film eine Hauptfigur bin." Das ist wahr. Die Hauptfigur ist sein Optimismus.


"Der Chefankläger", Dienstag, 2. Juli, 22.55 Uhr, Arte. Der Film läuft außerdem am 9. Juli um 22.45 Uhr in der ARD

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, der Film werde am 9. Juli auf Arte wiederholt. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Keine Eile
meneer_jansen 02.07.2013
"In 20 Jahren wird jeder dem ICC unterstellt sein.". Setzt einen internationalen Obrigkeit voraus. Einen NSA passt da schoen im Bilde. Darf ruhig noch ein bisschen warten, diesen Alptraum.
2. Korrektur
Wurzler 03.07.2013
Anders als im Artikel wiedergegeben sagt Ferencz nicht: "Lass uns das nie wieder tun, streiten." sondern stattdessen (bezugnehmend auf den Text den er Korrektur liest): "Lassen sie uns das -nie wieder- streichen, das erinnert zu sehr an den Holocaust"
3. heftig
prokust 03.07.2013
sehr spannende, informative aber auch extrem bedrueckende dokumentation. nochmal ansehen koennte ich es mir nicht, manche aufnahmen wirken jetzt noch nach.
4.
lequick 03.07.2013
""Der Chefankläger", Dienstag, 2. Juli, 22.55 Uhr, Arte. Der Film läuft außerdem am 9. Juli um 22.45 Uhr in der ARD" - ganz toll das solche Sendungen immer dann laufen wenn der durchschnittsmensch schlafen muss wegen der Arbeit am nächsten Tag. Sowas muss um 20:15 gesendet werden!
5. "Doku"
mustafa20 03.07.2013
Zitat von sysopSWREr brachte Kriegsherren vor Gericht, Vergewaltiger und Milizenführer. Die Film-Doku "Der Chefankläger" porträtiert Luis Moreno Ocampo, einen Weltstar unter Juristen, der den Apparat zur Verfolgung von Kriegsverbrechern aufgebaut hat. Und der deswegen natürlich auch Angelina Jolie zu Besuch hatte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/arte-film-ueber-chefanklaeger-luis-moreno-ocampo-a-908835.html
Wer sich den Anfang der Doku ansieht, erkennt sofort, dass es sich um unerträgliche Propaganda im Gewand von "Menschenrechten" handelt - der erste Fall von "Kriegsverbrechen" ist der Angriff von Israel auf Hamas Terroristen in Gaza. Da wird dann ein für jeden denkenden Menschen gefaktes "Fernsehinterview" über das Handy eines Moderatoren inszeniert, in dem ein Araber so tut, als sei er gerade in sein Haus gekommen und habe seine Familie tot gefunden - natürlich musste er vorher Kontakt mit Redakteuren aufgenommen haben, die Nummer des Handys des Moderatoren bekommen haben und auf seinen Einsatz gewartet haben ... Und das stellt Arte als ersten Fall vor ... Nicht Kongo oder als Frauen verkleidete Selbstmordattentäter ... Schlimmes Machwerk.
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