Politikserien-Hit "Borgen" auf Arte Möge die Macht mit ihr sein

In der neuen Staffel der grandiosen TV-Serie "Borgen" steht Heldin Birgitte Nyborg ohne Amt da und gründet eine neue Partei. Wer Parallelen zum verkaterten Berlin nach der Bundestagswahl entdeckt, liegt richtig. Oder glauben Sie etwa, die entmachtete FDP-Führungsriege hält jetzt die Füße still?

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In einem anonymen Büroturm in Hongkong hat sie weiterhin das Sagen. Aber wenn sie in den verwitterten dänischen Regierungssitz Christiansborg will, muss sie beim Pförtner ihren Ausweis zeigen. Birgitte Nyborg Christensen (Sidse Babett Knudsen) ist nicht länger Dänemarks Ministerpräsidentin. Sie sitzt mit irgendeinem Vorstandsposten für irgendeinen Pharmakonzern in Fernost herum und plant einen neuen Wolkenkratzer. Dänemark scheint fern, samt Einwanderungskontroverse und Wirtschaftskrise.

In ihrer Heimatabgewandtheit erinnert Nyborg am Anfang der dritten Staffel der dänischen Politikserie "Borgen" an deutsche Ex-Politgranden wie Gerhard Schröder oder Joschka Fischer. Ähnlich wie die darf sie noch mal auf Vortragsreisen ein Sprüche-Best-of ihrer politischen Karriere bringen, ihr Einfluss auf die gegenwärtige Politik aber ist gleich null. Doch Nyborg ist nicht Mitte 60, sondern Mitte 40. Der Luxus in Hongkong tut gut, die Affäre mit dem Architekten, der den Bürotempel bauen soll, schmeichelt dem Selbstbewusstsein, und das Penthouse, das in Kopenhagen als Zweitwohnung für sie und ihre Kinder dient, ist eine wahre Pracht. Es repräsentiert aber keine wahre Macht. Nyborg will zurück in die Politik.

Als sie später gefragt wird, weshalb sie ausgerechnet am anderen Ende der Welt gearbeitet hat, sagt sie einen einfachen Satz. Er bringt die Größe, die Komplexität und Doppelbödigkeit der gesamten Serie auf den Punkt: Sie hätte einfach nicht ertragen können im Land zu sein, ohne auf dessen Politik Einfluss nehmen zu können. Diese Antwort ist groß, komplex und doppelbödig, weil sie widersprüchliche Dinge beinhalten könnte: Idealismus und Machtfixiertheit, Professionalität und Hybris, Demut und Eitelkeit. Was wollen wir glauben?

Postergirl für Polit-Aficionados

All diese widersprüchlichen Eigenschaften sind in der Figur Nyborg angelegt. In zwei Staffeln, 20 Folgen und rund 1200 Minuten sah man sie aus den richtigen Gründen nach der Macht greifen - und aus den falschen Gründen an ihr festhalten. Sie war eine knallharte Ministerpräsidentin, aber leider auch eine knallharte Ehefrau, die ihrem Mann Befehle erteilte wie ihrem Pressereferenten. Klar, das Private ist politisch. Hochpolitisch.

Irgendwann die Scheidung, Nyborg und Ex-Mann blieben einander trotzdem nah. Wie sympathisch und menschlich. In der größten Not fiel die Ministerpräsidentin dann allerdings in der Küche über ihren Chauffeur her. Sympathisch und menschlich auch dies. Weniger sympathisch: Der Chauffeur wurde nach dem Quickie schnell von ihrem Berater aussortiert, damit es nicht zu prekären Verstrickungen kommt, die Medien und politische Gegner ausschlachten könnten.

In den ersten beiden Staffeln von "Borgen" erzählte Serienschöpfer Adam Price vom unvermeidlichen Schuldigwerden seiner Heldin - ließ aber gekonnt offen, ob dieses Schuldigwerden für höhere Zwecke gerechtfertigt war. Man kann Politik lieben und "Borgen" dafür abscheulich finden, man kann aber auch Politik abscheulich finden und "Borgen" gerade deshalb lieben.

Zugegeben, dass Hauptdarstellerin Knudsen als Ministerpräsidentin Nyborg wie ein Postergirl für Politik-Aficionados daherkommt, hilft beim Lieben. Sie ist das schönste Antlitz der Macht; jede Lüge und ein neues Grübchen, jeder faule Kompromiss lässt den Mund trotziger schmollen. Spuren der Macht, erotischer als jeder Schönheitsfleck.

Das alte Politiktier erwacht

Es verwundert also nicht, dass wir am Anfang der dritten "Borgen"-Staffel, die ab Donnerstag von Arte in Doppelfolgen ausgestrahlt wird, irgendwie ein bisschen abgeturnt sind von der Heldin. Die hat jetzt korrekten Sex, isst danach gesunde Mahlzeiten, verbringt endlich mal ein bisschen Zeit mit den Kindern. Langweilig. Dann - die neue, von ihrer alten Partei mitgetragene Ausländergesetzgebung bringt sie aufrichtig in Rage - erwacht in Nyborg auf einmal wieder das Politiktier. Sie tigert vor Christiansborg rum, lauert alten Parteikollegen auf, findet zu den von ihr gestellten Bedingungen aber keinen Anschluss. Auf dem kalten Politik-Entzug, Stolz ist in diesem Metier keine Währung.

Wunderbar, dass die dritte "Borgen"-Staffel gerade jetzt in Deutschland anläuft. Die Bundestagswahl und die anstehenden Umwälzungen in der Abgeordneten- und Ministerlandschaft sorgen für den richtigen Resonanzraum. Wird auch Claudia Roth bald für einen großen Konzern in Fernost arbeiten? Und in welchem Vorstand finden wir Guido Westerwelle wieder? Oder werden er und seine Parteikollegen jetzt gar Graswurzel-Arbeit beginnen und den Betrieb von unten aufmischen?

Das tut jedenfalls Nyborg. Zieht in eine billigere Wohnung, mietet eine schäbige Fabriketage, schart einen Haufen schlechtgekleideter Idealisten um sich und gründet eine neue Partei. Die alten Feinde werden nervös. Doch der Zauber des Anfangs verliert sich schnell in den Zwängen der Realität. Wie soll sich die Partei finanzieren? Kann man die kluge Muslimin mit Kopftuch als migrationspolitische Sprecherin vor die Kamera stellen? Und hat man wirklich Platz für all die Träumer, die für ihre ganz eigene Sache kämpfen wollen? Rigoros bringt Nyborg die neue Truppe auf Linie, nur so hat sie Chancen auf ein Mandat für die Partei. Und auf Macht. Die bleibt das Ziel. Um ihrer selbst willen oder um Dinge zu bewegen, das wird in "Borgen" nie ganz geklärt.

Nach dem Regieren ist vor dem Regieren: Keine andere Serie bringt auf so elegante Weise das ewige, aufputschende, selbstsüchtige Kräftespiel der Demokratie auf den Punkt.


"Borgen - Gefährliche Seilschaften" (jeweils zwei Episoden), donnerstags, 21 Uhr, Arte



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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Peter Werner 03.10.2013
1.
Borgen ist eine herausragende Fernsehserie, ich freue mich auf die neuen Folgen. Höchst erfreulich, diese Serie in dem gebühren finanzierten arte gezeigt zu kommen. Eine der wenigen absoluten Glanzpunkte. Andererseits traurig, dass diese grandiose Serie auf einem Nischensender versteckt wird und nicht zur besten Sendezeit in einem der beiden Hauptprogramme läuft. Ebenso traurig, dass die deutschen Produzenten es - trotz üppiger Finanzen - nicht fertig bringen, vergleichbares herzustellen.
logabjörk 03.10.2013
2. Ja, beachtlich, was Dänemark hingekriegt hat
sowas hab ich in Deutschland für teure Gebühren noch nie gesehen. Hab grade die letzten 10 Teile - Borgen II - auf arte geguckt und schaue natürlich heut Abend!! Super-Darsteller und spannend. Tilykke Danmark!
no_title 03.10.2013
3.
Zitat von logabjörksowas hab ich in Deutschland für teure Gebühren noch nie gesehen. Hab grade die letzten 10 Teile - Borgen II - auf arte geguckt und schaue natürlich heut Abend!! Super-Darsteller und spannend. Tilykke Danmark!
Doch, haben Sie. Und zwar das Original. Auf arte (gebührenfinanziert). Und auf einsfestival (gebührenfinanziert) ist es auch schon gelaufen.
no_title 03.10.2013
4.
Zitat von Peter WernerBorgen ist eine herausragende Fernsehserie, ich freue mich auf die neuen Folgen. Höchst erfreulich, diese Serie in dem gebühren finanzierten arte gezeigt zu kommen. Eine der wenigen absoluten Glanzpunkte. Andererseits traurig, dass diese grandiose Serie auf einem Nischensender versteckt wird und nicht zur besten Sendezeit in einem der beiden Hauptprogramme läuft. Ebenso traurig, dass die deutschen Produzenten es - trotz üppiger Finanzen - nicht fertig bringen, vergleichbares herzustellen.
Wo ist eigentlich das Problem? 'Kann' Ihr Fernsehgerät kein arte? Und 21 Uhr finde ich persönlich eine ziemlich gute Sendezeit.
rayon2 03.10.2013
5. House of cards
Borgen ist toll-wer aber statt Politik-Erdbeeren wirklich ein richtiges Steak will, der sollte House of Card schauen.
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