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Doku-Marathon "24 h Jerusalem": Ein Tag unter Feinden

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"24 h Jerusalem": Heilige Stadt, umstrittene Stadt Fotos
Arte/ Maurice Weiss/ OSTKREUZ/ zero one 24

Diesen Samstag sollten Sie vor dem Fernseher verbringen, denn dann zeigen Arte und der BR die Mammut-Doku "24 h Jerusalem", ein eindringliches Porträt der umkämpften Stadt - das genau wegen dieser Kämpfe fast nicht zustande gekommen wäre.

In Itzchak Rachmos Restaurant am Yehuda-Markt wird das Hummus nicht mehr von Hand gestampft, dafür hat der bullige Israeli jetzt eine eigene Maschine. Der hat er sogar einen Namen gegeben: Stephan. "Ein tolles, deutsches Gerät - obwohl wir die Deutschen hassen." Am anderen Ende der Stadt, in einer Großschlachterei, freut sich der Kippa tragende Besitzer, dass er Mitarbeiter aus allen Teilen der Stadt hat: "Orthodoxe und Palästinenser arbeiten hier zusammen - mit Messern! Die schlachten gemeinsam Hühner und nicht sich gegenseitig. Wirtschaftlicher Frieden!"

Immer Geschichte, immer Konflikt. Wenn Forscher gefragt werden, wo ihrer Meinung nach der Dritte Weltkrieg ausbrechen könnte, zeigt ihr Finger meist auf die geteilte Stadt am Rande des Westjordanlandes. Auf Jerusalem. Hier einen 24-stündigen Dokumentarfilm über die Stadt und ihre 780.000 Einwohner zu drehen, ist logistisches und politisches Wagnis zugleich. Regisseur Volker Heise und Produzent Thomas Kufus sind es eingegangen: "24 h Jerusalem" ist am kommenden Samstag, 12. April, von 6 Uhr morgens bis Sonntag, 13. April, 6 Uhr morgens, auf Arte und dem BR zu sehen.

Auf der aufwendig ausgestatteten Homepage zum Projekt finden sich schon jetzt einige Filme über die Schwerpunkte des kommenden Fernsehtages. Ihre Titel: "#Angst", "#Siedler", "#Pilger" und "#Holocaust". Dazu gestellt ist ein Videotagebuch von Regisseur Heise, in dem er von Boykottaufrufen und anderen Schwierigkeiten beim Dreh berichtet.

Der Boykott hat Erfolg

Bei Heises und Kufus' erstem Mammutprojekt "24 h Berlin" sah das noch ganz anders aus. Statt Geschichte und Konflikt stand damals die Abwesenheit von beidem im Mittelpunkt. Ost, West, jung, alt, zugezogen, alteingesessen - alles und jeder schien Platz in der Stadt zu finden. So legte es jedenfalls der unterhaltsame Bilderfluss von "24 h Berlin" nahe.

"Wir wollten diesmal eine Tiefenbohrung versuchen, statt Oberfläche abzubilden", sagt Heise bei der Präsentation von "24 h Jerusalem" in Berlin. Von den Erfahrungen, die seine Produktionsfirma Zero One 24 beim ersten Mega-Dreh gemacht hat, hätten sie zwar auch hier profitiert. Auf die Unwägbarkeiten, in einer so konfliktreichen Stadt wie Jerusalem zu drehen, seien sie trotzdem nicht vorbereitet gewesen. Und so kam es zum GAU: Einen Tag vor dem ursprünglich angesetzten Dreh im Spätsommer 2012 musste alles abgesagt werden. Palästinenser hatten erfolgreich zum Boykott aufgerufen, da sie die israelische Seite bevorteilt und die Besetzung von Ostjerusalem normalisiert sahen.

Nach dem Eklat plante man bei Zero One 24 notgedrungen radikal um. Statt die Bevölkerungsstruktur der Stadt abzubilden und ein Team aus zwei Dritteln Israelis und einem Drittel Palästinenser zusammenzustellen, wurde neu und strikt aufgeteilt: 20 israelische Kamerateams mit ausschließlich israelischen Protagonisten, 20 palästinensische Kamerateams mit ausschließlich palästinensischen Protagonisten, 20 europäische Kamerateams mit ausschließlich europäischen Protagonisten, dazu noch zehn Kamerateams für Außen- und Landschaftsaufnahmen.

Moderate und Extreme auf beiden Seiten

Wem das zu politisch korrekt erscheint, dem kann versichert werden: "24 h Jerusalem" ist ein faszinierendes Panoptikum geworden, das unbedingt von der paritätischen Aufteilung profitiert. Sie zeigt, wie sich im Nahost-Konflikt Moderate und Unversöhnliche auf beiden Seiten gegenüberstehen - und wie sich die Europäer entweder für eine Seite entscheiden oder sich abmühen, neutral zu bleiben.

Ob in einer Kirche, einer Moschee oder in einer Synagoge gedreht wurde, in einer jüdischen Siedlung oder in einem palästinensischen Flüchtlingscamp: Unkommentiert fügen sich die Szenen von "24 h Jerusalem" zu einem Mosaik zusammen, das in seiner Detailfülle genauso fasziniert und überfordert wie die Stadt selbst.

Auch die Macher des Films sehen den Boykott und die folgenden Umstrukturierungen mittlerweile als produktive Lektion. Zwar wurde der Dreh durch die Verschiebung erheblich teurer - insgesamt kostete das Projekt 2,4 Millionen Euro -, doch es eröffneten sich auch neue Perspektiven auf den Konflikt um die Stadt: "Die kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Israel bedeutet für engagierte Palästinenser 'normalization', eine Etablierung des Status quo", sagt Produzent Kufus. "Die Aktivisten der Boykottbewegung wählen also spezielle Projekte aus, die sie mit Sanktionen belegen. Wir mussten erkennen, dass dies eines der wenigen Mittel ist, das sie überhaupt noch haben."

Auf anderer Ebene hat die paritätische Besetzung der Teams trotzdem nichts genutzt: "24 h Jerusalem" wurde ohne lokale Fördergelder gedreht und wird weder in Israel noch sonstwo im Nahen Osten gesendet werden. "Wir machen als Europäer ein Projekt, finanziert von europäischen Fernsehanstalten und Förderungen für ein europäischen Publikum", fasst Kufus nüchtern zusammen.

"24 h Jerusalem" sehen zu können, ist also gewissermaßen ein Privileg. Nicht zuletzt deshalb sollte man sich dieses Ausnahmeprojekt nicht entgehen lassen.


"24 h Jerusalem", am 12.4. ab 6 Uhr auf Arte und BR. Nach der Ausstrahlung ist das 24-stündige Programm noch zwei Monate lang auf 24hjerusalem.tv abrufbar.

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1.
garfield 11.04.2014
Zitat von sysopArte/ Maurice Weiss/ OSTKREUZ/ zero one 24Diesen Samstag sollten Sie vor dem Fernseher verbringen, denn dann zeigen Arte und der BR die Mammut-Doku "24 h Jerusalem", ein eindringliches Porträt der umkämpften Stadt - das genau wegen dieser Kämpfe fast nicht zustande gekommen wäre. http://www.spiegel.de/kultur/tv/arte-und-br-zeigen-einen-tag-lang-doku-24-h-jerusalem-a-963168.html
Ja, auf so eine Mauer wäre Erich Honecker neidisch geworden. Höher und statt oben abgerundet, Stacheldraht und abgewinkelter Zaun drauf.
2.
lupenrein 11.04.2014
Noch nie habe ich eine so intensive, aufdringliche Werbung für einen Film oder eine TV-Sendung erlebt.
3. GEZ-Geld verschwendung
Blackzxr 11.04.2014
Laut Radio Bayern 1 waren es 70 !! Teams...3 Jahre Vorbereitung und 1 Drehtag (24 std) Mann habens wir nötig und überflüssig...........
4.
Frank Zappa 11.04.2014
Zitat von garfieldJa, auf so eine Mauer wäre Erich Honecker neidisch geworden. Höher und statt oben abgerundet, Stacheldraht und abgewinkelter Zaun drauf.
Da gibt es aber einen großen Unterschied. Der Erich wollte mit seiner Mauer verhindern, dass die Intelligenz abhaut, die Israelis wollen verhindern, dass Idioten reinkommen.
5. 24 h Jerusalem
Layer_8 11.04.2014
Zitat von sysopArte/ Maurice Weiss/ OSTKREUZ/ zero one 24Diesen Samstag sollten Sie vor dem Fernseher verbringen, denn dann zeigen Arte und der BR die Mammut-Doku "24 h Jerusalem", ein eindringliches Porträt der umkämpften Stadt - das genau wegen dieser Kämpfe fast nicht zustande gekommen wäre. http://www.spiegel.de/kultur/tv/arte-und-br-zeigen-einen-tag-lang-doku-24-h-jerusalem-a-963168.html
Ich kann jedem nur empfehlen, das selbst, vor Ort, mal mitzumachen. Dann erscheinen einige Dinge in einem anderen Licht und viele blöde Kommentare würden nie geposted werden. ...24 Stunden sind eigentlich viel zu kurz...
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