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31. August 2018, 11:34 Uhr

Comedyserie "Arthurs Gesetz"

Abgründe des Allzumenschlichen

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Große Namen, kleiner Sender: In der ersten Eigenproduktion von TNT Comedy spielen Jan Josef Liefers und Martina Gedeck. Angekündigt wird die Serie als deutsches "Fargo". Das ist arg hoch gegriffen.

Es gibt im Leben von Arthur Anepol eigentlich nichts, was nicht schiefgeht, aber etwas bleibt trotz aller Enttäuschungen, Missverständnisse und Tiefschläge doch intakt: sein Schlaf. Immer wieder sieht man Arthur mit einem entrückten Lächeln irgendwo duseln, im Bett, auf dem Sofa, auf einer Hollywood-Schaukel. Bis zum sprichwörtlich bösen Erwachen: die unförmige Prothese, wo mal seine rechte Hand war; das hässliche Haus, in dem es von der Decke tropft; das quietschende Fahrrad, auf dem er zu hoffnungslosen Terminen im Jobcenter rollt. Und natürlich Martha. Das Monster.

Eigentlich seine Ehefrau. Blauer Lidschatten, auftoupierte Haare, immer mit einem fiesen Satz auf den Lippen und einem schrillen "Arthur!!" in der Kehle. Die sitzt in dem deprimierend grauen Eigenheim in der fiktiven Kleinstadt Klein Biddenbach, vertilgt Fertiggerichte und schaut den Saug- und Fensterputz-Robotern, die sie ständig im Internet bestellt, bei der Arbeit zu. Obwohl kein Geld da ist. Martha sagt: "Du bist mir ein besseres Leben schuldig", und Arthur zieht los, um sich die nächste Niederlage einzuhandeln.

Ach ja: Klingt jetzt vielleicht nicht so, aber es soll sich hier um einen lustigen Stoff handeln. "Comedy Noir" nennt der Sender TNT Comedy sein erstes eigenproduziertes Format. Übersetzt soll das wohl so was heißen wie: lustig mit Abgründen. Wobei das mit dem Witz nicht so recht funktionieren will, weshalb die Abgründe umso tiefer klaffen.

Durch eine Kette unglücklicher Verwicklungen steht eines Abends nämlich plötzlich ein Zuhälter im Wohnzimmer der Anepols, fuchtelt mit einer geladenen Pistole herum und verlangt Geld, das Arthur und Martha nicht haben. Kurz darauf ist der Mann tot. Anruf der Anepols bei der Polizei, oder vielmehr bei Marthas Zwillingsschwester, die ausgerechnet genau dort arbeitet. Muriel stand schon immer unter Marthas Fuchtel und hilft bereitwillig beim Verschwindenlassen der Leiche.

Lange bleibt die natürlich nicht unentdeckt, was Muriel in die unangenehme Lage bringt, die Ermittlungen gleichzeitig leiten und sabotieren zu müssen. Ausgerechnet jetzt will Arthur ein neues Leben beginnen. Dazu braucht er Geld, und darum muss Martha sterben. Die Versicherungssumme, schon klar. Aber so unrund, wie Arthurs Leben bisher verlief, ist auch klar, dass seine Mordpläne katastrophale Folgen haben.

Streamingdiensten und kleinen Spartenkanälen

Den Sechsteiler gäbe es nicht, wäre der deutsche Fernsehmarkt nicht gerade so stark in Bewegung. Öffentlich-rechtliche wie private Sender bekommen Konkurrenz von Streamingdiensten und kleinen Spartenkanälen. Wie in diesem Fall: TNT Comedy ist der Schwestersender von TNT Serie, beide gehören zum US-Konzern Turner Entertainment, der wiederum Teil des Time Warner Konglomerats ist.

TNT Serie mischte in den vergangenen Jahren die deutsche Serien-Landschaft mit Produktionen wie "Weinberg" und vor allem "4 Blocks" auf. Debütieren wird "Arthurs Gesetz" aber zunächst bei EntertainTV, dem Sender der Deutschen Telekom, die wiederum ebenfalls an Plänen für Eigenproduktionen werkelt.

Bei TNT Comedy wird die Serie erst ab Mitte Dezember zu sehen sein. Auch der kleine Sender verfolgt damit große Ambitionen. Die Hauptrollen spielen mit Jan Josef Liefers und Martina Gedeck zwei der größten Fernseh- und Kinostars des Landes, in einer Nebenrolle darf Nora Tschirner mit Gedeck um die fieseste Frauenfigur der jüngeren TV-Geschichte wetteifern. Und im Vorfeld wurde viel vom Vorbild"Fargo" geraunt, das hier in die deutsche Provinz transplantiert werde.

Die Maske des Gutbürgerlichen

Allein: Dieser Vergleich ist dann doch eine Nummer zu groß. Die Parallele ist natürlich augenfällig: Verlierer begeht Verbrechen, um sich von monströser Ehefrau zu befreien und doch noch zur großen Nummer aufzusteigen. Aber wo der Film der Coen-Brüder und erst recht die Serie von Noah Hawley in Sphären elementarer, geradezu existenzieller Dramatik aufstiegen, bleibt "Arthurs Gesetz" im Mief bundesdeutscher Biederkeit hängen.

Der Kunstgriff, über schwarzen Humor und satirische Zuspitzung hinter die Maske des Gutbürgerlichen zu blicken und dort die Abgründe des Allzumenschlichen zu entdecken - er will hier nicht funktionieren. Zu flach bleiben diese Figuren hinter all ihren schrillen Schrullen, zu sehr arbeitet sich der Plot an allerlei Geschmacksentgleisungen ab. Bauschaum wird als Mordwaffe eingesetzt, ein Kronleuchter rummst jemandem auf den Schädel, es gibt eine Giftspinne und russisches Roulette, allein: Das alles ist gut für eine Sekunde Schreck oder Schadenfreude. Dann übernimmt wieder eine bräsig erzählte Farce in einer maximal künstlich wirkenden Provinz-Kulisse.


"Arthurs Gesetz". EntertainTV, ab 31. August. Ab Mitte Dezember bei TNT Comedy.

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