Atom-Debatte bei Illner So sicher wie das Amen im AKW

Strahlungen oder Stromausfall, was ist schlimmer? Auf diese Risikofrage lief bei Maybrit Illner alles hinaus. Die meisten Argumente für und wider waren bekannt, aber eines überraschte doch sehr: Kein Versicherer will die deutschen AKW komplett versichern, aber trotzdem sind sie verdammt sicher.

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Künast, Kauder: "Wenn ich das erkannt hätte, hätte ich ja dem Gesetz nicht zugestimmt"
ZDF

Künast, Kauder: "Wenn ich das erkannt hätte, hätte ich ja dem Gesetz nicht zugestimmt"


Vielleicht war er einfach schon zu oft zu Gast bei Maybrit Illner. "Mensch, Herr Kauder!" herrschte die Moderatorin den Unionsfraktionsvorsitzenden an, als der zum wiederholten Male das AKW-Moratorium mit einem nebulösen "Wir haben einen Prozess in Gang gesetzt" zu erläutern anhob. Es war sein neunter Auftritt in der Talkshow - da bleibt Beziehungsstress mit der Gastgeberin nicht aus. "Herr Kauder stellt sich jetzt auch die Fragen selbst", amüsierte sich Illner zum Ende der "munteren Debatte zu einem wirklich dramatischen Thema."

Es ging um Fukushima, die Abkehr von der Atomkraft in Deutschland und um die Wahlerfolge der Grünen, sprich: mal wieder um die German Angst nach dem japanischen GAU und ihre politischen Folgen. Nur dass zur Abwechslung den Parteienvertretern von CDU (Kauder) und Grünen (Renate Künast) mal nicht SPD-, FDP- und Linkspartei-Recken beigesellt waren.

Stattdessen mussten sich Kauder und Künast etwa mit Luise Neumann-Cosel herumschlagen. Die 25-jährige Atomkraftgegnerin vertrat in der Runde konsequent die Demo-Parole "Abschalten jetzt!". "Junge Frau, ich fall ihnen auch nicht ins Wort", maßregelte der CDU-Politiker die Aktivistin mit der lustigen Strudelfrisur - machte es schließlich aber doch gleich mehrfach.

Sind wir hier bei Plasberg?

Da hatte es Ranga Yogeshwar einfacher. "Ein Atomausstieg, in dem man sagt 'Wir verlängern', wirkt ein bisschen irrational", sagte er lächelnd mit Blick auf die schwarz-gelbe Laufzeitverlängerung. Dem fährt auch der härteste Atomlobbyist nicht über dem Mund - weil er weiß, dass der freundlich-unaufgeregte Wissenschaftscharmeur meist die Sympathie auf seiner Seite hat.

Der BASF-Vorstandsvorsitzende Jürgen Hambrecht, geladen als AKW-Befürworter, brachte ein ums andere Mal den beliebten Begriff der "Brückentechnologie" in Stellung. "Wenn wir die Atomkraftwerke heute abstellen, ist unsere Energieversorgung gefährdet", warnte Hambrecht. "Wir Grünen haben nie gesagt, wir könnten morgen abschalten", stellte Renate Künast eilig klar. "Aber bis 2017 können wir das schaffen." Auch Grüne wissen um die andere German Angst - dass womöglich die Lichter ausgehen.

Neben einem neuen, funky Designtisch gehört jetzt übrigens auch ein iPad zu Illners Studioausstattung. Von dem aus spielte die Moderatorin ganz Plasberg-mäßig ein Filmchen ein, welches festhielt, dass deutsche Versicherungen keine Atomkraftwerke versichern ("Risiko zu groß"). Dass Kernkraft nicht "versicherbar" sei, wollte Atomlobbyist Hambrecht gerne einräumen, dennoch handele es sich um eine "solide, verlässliche Technologie, die uns die Grundlast sichert."

Verlässlich, aber nicht versicherbar: eine paradoxe Argumentation, die das ganze Dilemma der AKW-Befürworter nach Fukushima offenbart. Seit die Desaster-Anfälligkeit der Kernkraft in Japan offen zutage tritt, ist das Wort "Restrisiko" nicht mehr glaubwürdig. Gleichzeitig zu behaupten, deutsche AKWs seien sicher und Fukushima habe gezeigt, dass es absolute Sicherheit nicht gebe - das bringt selbst einen Routinier wie Kauder in Erklärungsnöte.

Müll für 40.000 Generationen

Illner erinnerte den CDU-Spitzenpolitiker daran, dass Umweltminister Röttgen vor dem Beschluss zur AKW-Laufzeitverlängerung darauf hingewiesen habe, deutsche AKW seien nicht gegen Terroranschläge oder Flugzeugabstürze gewappnet - und dass die Verschärfung der Sicherheitsbedingungen im novellierten Atomgesetz dann einfach gestrichen worden war. "Wenn ich das erkannt hätte, hätte ich ja dem Gesetz nicht zugestimmt", windet sich Kauder heraus.

Da bot sich Renate Künast - immerhin Kabinettsmitglied der rot-grünen Regierung, die mit dem Atomkonsens 2002 die Abschaltung der AKW bis frühestens ins Jahr 2020 gestattet hatte - viel Gelegenheit, aus der Talkshow ein Tribunal zu machen. Ob Deutschland mit seiner Atomwende nicht eine "einsame Insel" inmitten von europäischen Atomkraftländern sei, will Illner wissen. "Wir werden das Land sein, das zeigt, wie es geht", verkündete Künast. "Ich will einen Innovationsschub. Und ich will keine grünen Sprechblasen hören. Die sieben ältesten AKW und Krümmel müssen sofort und ohne Entschädigung abgearbeitet werden." Jeder Satz ein Spiegelstrich, zack, zack abzuarbeiten! Schon morgen solle Röttgen ein neues atomtechnisches Sicherheitsregelwerk verfügen, befahl die grüne Fraktionsvorsitzende.

Auch Yogeshwar hatte reichlich Gelegenheit, sich als Atomkraftgegner zu outen. Seine Argumente allerdings bezog er weniger aus den aktuellen Ereignissen in Japan als aus dem Verweis auf langfristige Schäden. "Das Hauptproblem ist der radioaktive Müll - damit belasten wir die nächsten 40.000 Generationen", so der ARD-Wissenschaftsjournalist. Auf das Argument des BASF-Manns Hambrecht, Atomenergie sei "preiswert", konterte er mit dem Fall Tschernobyl: "Die Pflege des sogenannten Sarkophags kostet die Ukraine jedes Jahr fünf Prozent ihres Bruttosozialprodukts."

Weil man sich von christsozial bis grün derzeit einig ist, dass die Energiezukunft Deutschlands in regenerativen Techniken liegt, gab die Runde auch noch eine kleine Andeutung der politischen Streitereien im Solar- und Windkraft-Zeitalter. "Hundert Prozent erneuerbare Energie, das heißt auch viele tausend Kilometer Leitungen", prophezeite Künast. Der BASF-Vorstandsvorsitzende Hambrecht konterte, das sei doch mit den Ortsgruppen der Grünen gar nicht zu machen. Was die Grünen-Politikerin natürlich nicht auf sich sitzenlassen wollte. Natürlich gebe es auch bei den Grünen Leute, die bei jeder Trassenverlegung gleich eine Bürgerinitiative gründeten. Aber das würde die Partei schon in den Griff kriegen.

Wenn man sie so sieht - man glaubt es ihr glatt.

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topomoos, 01.04.2011
1. Pest und Cholera
"Hundert Prozent erneuerbare Energie, das heißt auch viele tausend Kilometer Leitungen", prophezeite Künast. Wenn wir den Nuklearwahnsinn stoppen, bekommen wir dafür die Total-Zersiedelung und Industrialisierung der Landschaft, eine visuelle Umweltverschmutzung gigantischen Ausmaßes (Trassen, Windräder, Solarfelder). Wie man es auch dreht und wendet, unser Lebensstil zerstört die Umwelt(und die Grünen machne auf Ihre Art auch noch kräftig mit). Die Welt wird immer weniger lebenswert. Es ist schlicht zum Verzweifeln.
Mollari, 01.04.2011
2. Schlimm ist untertrieben
Zitat von sysopStrahlungen oder Stromausfall, was ist schlimmer? Auf diese*Risikofrage lief bei Maybrit Illner alles hinaus. Die meisten Argumente*für und wider waren bekannt, aber eines überraschte doch sehr: Kein Versicherer will die deutschen AKW komplett versichern, aber trotzdem sind sie verdammt sicher. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,754412,00.html
Nach 10 Minuten mußte ich einfach umschalten, Kauder ist wirklich unerträglich. Aber genau das Spiegelbild der Regierung.
arkor 01.04.2011
3. ausreden darf man doch oder?
Zitat von sysopStrahlungen oder Stromausfall, was ist schlimmer? Auf diese*Risikofrage lief bei Maybrit Illner alles hinaus. Die meisten Argumente*für und wider waren bekannt, aber eines überraschte doch sehr: Kein Versicherer will die deutschen AKW komplett versichern, aber trotzdem sind sie verdammt sicher. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,754412,00.html
Besonders gut hat mir gefallen, dass alle immer die anderen beschuldigt haben, dass sie nicht ausreden dürfen. Ich glaube das hat so etwa 80 % der Sendung in Anspruch genommen.
karlgutknecht 01.04.2011
4. Ja, wer versichert denn eigentlich ALLES?
Wer versichert denn eigentlich die riesigen Chemiestandorte in der Bundesrepublik Deutschland z. B. die BASF gegen Terrorgefahr, Erdbeben und Flugzeugabstürze? Das freisetzten von Dioxinen und Furanen etc. sind bei solchen Unfällen/Anschlägen nämlich auch kein Kindergeburtstag. Seveso und Bhopal sind Beispiele dafür, es liegt hier in etwa eine ähnliche Bedrohungslage wie bei einem AKW mit einem nicht abzuschätzenden Restrisiko vor, oder?
powerkraut 01.04.2011
5. ..
Hat sich die Spiegel-Redaktion das Protokoll der Sendung geben lassen? Ich hab nämlich fast nichts mitbekommen, weil die Gäste munter durcheinander gebrüllt haben. Kauder extrem peinlich und arrogant ("Das können Sie ja machen, wenn Sie an der Regierung sind, im Moment sind wir's"). Geht's noch, Herr Volksvertreter?
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