Atomdebatte bei Illner Röttgen gibt den Öko-Guttenberg

Zuerst wagte niemand das offene Gefecht, dann ging die AKW-Debatte bei Maybritt Illner doch noch los: Renate Künast zeigte sich empört, die Vertreter der Atomindustrie verteidigten sich - und der Umweltminister nutzte die Gelegenheit, sich als volksnaher Öko-Rebell zu inszenieren.

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Minister Röttgen, Moderatorin Illner: "Das Unvorstellbare kann eintreten"
ZDF

Minister Röttgen, Moderatorin Illner: "Das Unvorstellbare kann eintreten"


Zehn Minuten überzieht Maybrit Illner ihre Sendung, selbst die sonst so starren Regeln des Formats sind ausgehebelt. "Über Sinn und Unsinn von Atomkraft haben wir in den vergangenen Jahren oft diskutiert", sagt die Moderatorin zur Begrüßung, "aber noch nie unter solchen Umständen."

Die Umstände, sie lassen die Gäste um angemessene Worte ringen. Im 9000 Kilometer entfernten Fukushima schütten Hubschrauber Wasser auf das havarierte Kraftwerk, um den Super-GAU zu verhindern, Zehntausende Menschen sind wegen der Gefahr einer radioaktiven Wolke auf der Flucht. Angesichts der drohenden Apokalypse in Japan wagt zunächst niemand das offene Gefecht. Es scheint eine stille Sendung zu werden, keiner fällt dem anderen ins Wort, alle sitzen steif in ihren Sesseln. Ratlosigkeit zeigt sich in jedem Satz.

Renate Künast, der Fraktionschefin der Grünen, war noch am Donnerstagmorgen im Bundestag der Kragen geplatzt, als die Kanzlerin die rot-grüne Atompolitik als scheinheilig geißelte. "Jetzt reicht es aber!", gellte sie Merkel aus dem Publikum entgegen. Bei Illner ist Künast "nur traurig, es ist unfassbar." Manchmal gebe es "Zufälle, einfach Zufälle", murmelt sie.

Plötzlich scheint es in Deutschland nur noch Atomkraftgegner zu geben - auch in Illners Studio sind einschlägige Kernkraftbefürworter in der Defensive. Wohl auch deshalb zieht E.on-Chef Johannes Theyssen alle Register, um die Sicherheit seiner Werke anzupreisen. "Ich habe vier Kinder, sie wohnen 20 Kilometer von einem AKW entfernt." Er würde "keinen Meiler zulassen, der nicht hundertprozentig sicher ist."

Selbst Industriellenpräsident Hans-Peter Keitel - sein Verband hatte bis vor kurzem noch längere Laufzeiten von durchschnittlich 60 Jahren gefordert - gibt sich kleinlaut. Wenn am Ende des Strahlenmoratoriums die Erkenntnis stünde, Deutschland müsse "früher ohne Atomkraft auskommen, dann ist das eben so." Fast könnte man den Kreis jetzt auflösen, alle scheinen sich einig zu sein: Es ist noch zu früh, um sich gegenseitig Argumente an den Kopf zu werfen. Doch längst läuft die Atomdebatte in Deutschland auf Hochtouren, sie bricht auch in der Sendung aus.

"Es verändert die Welt"

Es ist CDU-Umweltminister Norbert Röttgen, der den Streit eröffnet, indem er einen Satz Merkels wiederholt. Nach deutschen Sicherheitsvorschriften seien die AKW sicher, betont er nochmals, "aber Japan hat die Erfahrung gemacht, dass das Unvorstellbare eintreten kann."

Die Grüne Künast schüttelt den Kopf. Sie unterbricht nicht, senkt aber missbilligend die Stirn. Ihre zusammengekniffenen Augen sagen: War denn vorher alles Lüge, ja? Sie wartet, bis Illner ihr das Wort erteilt, dann legt sie los. Die Möglichkeit, dass eine Katastrophe in deutschen AKW grundsätzlich eintreten könne, sei doch von jeher klar gewesen. "Dass kein einziges AKW gegen Passagierflugzeuge sicher ist, solche Dinge wussten wir schon."

Röttgen ist zu beherrscht, um dagegenzuhalten, und zu sehr auf Künasts Seite, um dabei glaubwürdig sein zu können. Er selbst scheiterte in der Union mit dem Vorschlag, alle AKW gegen den Einsturz von Passagiermaschinen generalüberholen zu lassen. "Es gab ein minimales Restrisiko", sagt er, "jetzt hat es sich ereignet, und es verändert die Welt."

Es verändert auch sein Image. Noch vor weniger als zwei Wochen drohte das E10-Debakel die Karriere des CDU-Hoffnungsträgers aus Nordrhein-Westfalen zu gefährden. Jetzt bekommt er Rückenwind für seine atomkritische Haltung. Nach einem wenig erfolgreichen Jahr als Umweltminister geht es über Nacht bergauf.

Fast inszeniert er sich schon wie ein früher Guttenberg. "Ich glaube, Menschen haben genug von Politikern, die sich starr nach der Meinung aller richten", sagt er etwa. Und: "Ich bin froh, dass ich auch jetzt noch dazu stehen kann, was ich vor Japan gesagt habe." An anderer Stelle streut er ein, er habe Kampfsport betrieben, Judo, davon zehre er noch heute im politischen Geschäft. Er ist ein Rebell, soll das wohl heißen, auch wenn er den Rest der Sendung unionskonforme Positionen herunterspult.

"Die Opfer haben keine Ahnung, was auf sie zukommt"

Industriellenverbandschef Keitel meint fast bittend, es sei doch "die Bereitschaft da, über die neuen Fakten zu reden." Aber bereits jetzt die richtigen Schlüsse zu ziehen, "das traue ich mir nicht zu."

Später kommt doch noch Streitstimmung auf: Künast wedelt mit einem Auszug der schwarz-gelben Regierungsvereinbarung zur AKW-Sicherheit und setzt zum Zitieren an. "Lieber nicht", sagt Illner eilig, "ich bin die einzige, die in dieser Sendung Papier haben darf."

E.on-Chef Theyssen ärgert es, "dass wir immer nur als gewinnsüchtiger Konzern dargestellt werden." Freilich sei das Unternehmen marktorientiert, "aber 80 Prozent kriegt er", sagt Theyssen zum Nachbarn Röttgen gewandt - eine Anspielung darauf, dass Zusatzgewinne in die Forschung erneuerbarer Energien gesteckt werden müssen. Es soll ein Scherz sein, aber keiner lacht.

Das Schlusswort gehört Tschernobyl-Aktivistin Irina Gruschewaja, sie versteht die ganze Debatte nicht. Vor zwanzig Jahren druckte DER SPIEGEL die von ihr gesammelten Zeichnungen von Schulkindern in Minsk, die ihre verstörenden Erfahrungen mit dem Reaktorbrand in Tschernobyl verarbeiteten. Jetzt gibt es wieder eine Katastrophe, wieder mahnt die Weißrussin. "Der Mensch ist so arrogant zu glauben, Atomkraft sei beherrschbar", sagt sie bitter. Gruschewaja sieht die Zukunft Japans düster: "Die Opfer haben noch keine Ahnung, was auf sie zukommt."



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insgesamt 187 Beiträge
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Seite 1
doctorwho 18.03.2011
1. .
Zitat von sysopZuerst wagte niemand das offene Gefecht, dann ging die AKW-Debatte bei Maybritt Illner doch noch los: Renate Künast zeigte sich empört, die Vertreter der Atomindustrie verteidigten sich - und der Umweltminister nutzte die Gelegenheit, sich als volksnaher Öko-Rebell zu inszenieren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,751657,00.html
..... das wäre doch DER job für guttenberg : pressesprecher für tepco : der ist ja soooo sympathisch und zupackend , da wäre die deutsche atomhysterie aber gleich wieder im rahmen . hihi .
T-Rex, 18.03.2011
2. Warum auch nicht ?
Zitat von sysopZuerst wagte niemand das offene Gefecht, dann ging die AKW-Debatte bei Maybritt Illner doch noch los: Renate Künast zeigte sich empört, die Vertreter der Atomindustrie verteidigten sich - und der Umweltminister nutzte die Gelegenheit, sich als volksnaher Öko-Rebell zu inszenieren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,751657,00.html
Bisher haben sich diesen Luxus nur ex Tote Hosen Managerinnen, alte SED Kader, berufs Aktivisten sowie möchtegern Kanzler in den 80ern (Rau) gegönnt. Nun greift das Virus auch auf einen CDU Minister über - traurig.
felisconcolor 18.03.2011
3. Unser lieber UM
neulich wollte er das ganze noch privatisieren. Früher sagte man "Wendehals" dazu
uran-235 18.03.2011
4. einfach weglassen
Zitat von sysopZuerst wagte niemand das offene Gefecht, dann ging die AKW-Debatte bei Maybritt Illner doch noch los: Renate Künast zeigte sich empört, die Vertreter der Atomindustrie verteidigten sich - und der Umweltminister nutzte die Gelegenheit, sich als volksnaher Öko-Rebell zu inszenieren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,751657,00.html
Warum zitiert der Autor nicht die japanische Frau die von Frau Illner ebenfalls gefragt wurde. Sinngemäße Aussage: Die Japaner, auch rund um das Kraftwerk, haben wahrscheinlich Freunde, Angehörige und Bekannte durch den Zunami verloren(1000-fach). In Japan herrscht unendliches Leid durch den Zunami. Japan hat aber auch ein Problem mit Fukushima aber die Menschen haben Hunger, es ist kalt, viele haben kein Dach über den Kopf. Warum lassen Sie das weg. Japan geht es um die Opfer des Zunami. Wir in Deutschland haben eine Hysterie.
Sapientia 18.03.2011
5. Enttäuschend wie eigentlich immer, ...
Zitat von sysopZuerst wagte niemand das offene Gefecht, dann ging die AKW-Debatte bei Maybritt Illner doch noch los: Renate Künast zeigte sich empört, die Vertreter der Atomindustrie verteidigten sich - und der Umweltminister nutzte die Gelegenheit, sich als volksnaher Öko-Rebell zu inszenieren. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,751657,00.html
Illner fragt die immer selben Gäste, deren statements man bereits aus den anderen Talkshows kennt, mit den gleichen Fragen ab. Renate Künast halte ich als Repräsentantin der Grünen eher als kontraproduktiv; sie bellt stets die gleichen Gedanken vor sich hin und schwächt die Sympathiewerte der Grünen. Die Grünen könnten sich weit klarer, besser und ansprechender vertreten lassen, oder haben die auch keine guten Leute mehr?
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