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"Auf Brautschau im Ausland": Arme Sau sucht arme Frau

Von Aleksandar Jozvaj

Die Show gleicht "Bauer sucht Frau" wie ein Misthaufen dem anderen: Bei Sat.1 läuft ein neues Kuppelformat, bei dem allerdings die Armut in Bukarest oder Manila den heimischen Dreck im Schweinestall ersetzt. Denn hier gehen dicke Deutsche "Auf Brautschau im Ausland". Das ist schlimmer als erbärmlich.

Kuppelshow "Auf Brautschau im Ausland": Problemjunggesellen im Schwellenland Fotos
SAT.1

Zynismus ist aufgeklärtes falsches Bewusstsein. Man weiß, dass es falsch ist, findet es aber trotzdem gut so. Nachweislich nicht so gut sind Formate wie "Bauer sucht Frau", "Schwer verliebt", "Großstadtliebe", "Traumfrau gesucht", "Der Bachelor" und wie sie alle heißen. Man kann's kultig finden oder augenzwinkernd konsumieren, ironisch distanziert oder irgendwie tongue in cheek, hilft aber nichts. Es bleibt zynisch. Und wird immer dümmer. Vorhang auf für den neuesten Versuch von Sat.1, den Erfolg von "Bauer sucht Frau" zu kopieren, ohne dass gleich die Abmahnung von den RTL-Anwälten kommt: "Auf Brautschau im Ausland".

Das mit dem Erfolg dürfte schwierig werden, ist diese neueste Kuppelshow doch ein braver Aufguss des Vorbildes. Anders als bei "Bauer sucht Frau" verläuft das kulturelle Gefälle nicht zwischen Stadt und Land, sondern zwischen Deutschland und Schwellenland. Hier sind es die treuen Trachtenträger und bärigen Bayern, die sich rauswagen. Und hier ersetzt die Armut in Bukarest oder Manila den Dreck im Schweinestall oder in der Wohnstube des Bauern. Auch bei "Auf Brautschau im Ausland" grassiert die Alliteritis, geben sich der scheue Sportfreund und der milde Münsterländer die Klinke in die Hand. Schlager aus den achtziger Jahren erwecken den Eindruck, im Hintergrund liefe Dudelradio, und selbst gut verständliche deutsche Sätze werden aus denunziatorischen Gründen untertitelt. Die Formate gleichen einander wie ein Misthaufen dem anderen.

Russische Frauen - da hört man ja so einiges

Die vorgeführten Problemjunggesellen sind allesamt läppische, adipöse oder sonstwie gezeichnete Gestalten. Wir lernen sie kennen, um sie fürchterlich finden zu können. Die Moderatorin muss mit ihrer "frischen Natürlichkeit" die verrottete Durchtriebenheit der Veranstaltung weglächeln und die Kandidaten pünktlich zum Flughafen bringen. Das ist Claudia Bischoff, die kürzlich noch als Fahrlehrerin gearbeitet hat und sich sichtlich freut, mal im Fernsehen auftreten zu dürfen. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. Und das verbindet sie mit den Kandidaten.

Da bringt ein musikalischer Macho seine schlichten Ansprüche mit "Körbchengröße D" auf den Punkt, denn: "Warum soll ich einer Frau in die Augen schauen, Augen habe ich doch selber". Bischoff findet das "jetzt nicht so gut", bevor sie den Gockel mit innigen Umarmungen in die Maschine nach Moskau verfrachtet, wo er … was eigentlich? Russische Frauen! Da hört man ja so einiges, von dem die Herren "auf Brautschau" auch schon gehört haben.

Darum dreht sich die ganze Sendung. Um diesen informellen Menschenhandel zwischen einer tüchtigen Thailänderin von 19 Jahren und einem schüchternen Schmusebär von kolossaler Körperfülle, 37. Und mittendrin eine Moderatorin, die das immer mal wieder "nicht so gut" findet. Diese Naivität ist wichtig für die hinterhältige Zäpfchenhaftigkeit dieser Sendung.

Es ist schon erstaunlich, wie leicht sich Neokolonialismus, Sextourismus oder schlicht Ausbeutung mit schlagerseligem Kuschelvokabular verbrämen lassen: "Das Herz des heißblütigen Herzensbrechers schlägt schneller, als Crina ihm ihre sanfte Hand reicht". Es wird nicht so getan, als ob. Es wird so getan, als ob nicht. "Bauer sucht Frau" mag ein erbärmliches Format sein. "Auf Brautschau im Ausland" ist nicht einmal erbarmungswürdig.


Korrekturhinweis: In einer ersten Version des Textes wurde bei einem Protagonisten eine irreführende Angabe zu dessen Körpergewicht in Zentnern gemacht, die nun durch eine allgemeine Formulierung ersetzt wurde.

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