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ARD-Thriller "Auf kurze Distanz": Wenn der Pate wettet

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ARD-Krimi: Unter Feinden Fotos
WDR/ Jakub Bejna

Kalter Rauch, grelles Neonlicht, Hochspannung: Der Sportwetten-Krimi "Auf kurze Distanz" mit Tom Schilling ist großes modernes Gangsterkino.

Das Erstaunliche am Fernsehen ist die unendliche Toleranz, die ihm das Publikum entgegenbringt. Tagelang glotzen wir uns durch Serien, die uns gerade mal so eben die Langeweile vom Leib halten. Nur sehr selten aber gibt es Fernsehfilme, die wirklich etwas wagen - und uns sprachlos zurücklassen. "Auf kurze Distanz" ist ein solches Wagnis. Hier wird gewagt. Und gewonnen.

Der Film ist im Milieu der Sportwetten angesiedelt, und das sieht man ihm an. Kaum eine Szene, in der nicht im Hintergrund irgendein Wettbewerb über den Bildschirm flackert. Und so gut wie keine Szene, in der nicht gierige Menschen in Wartestellung an einer Zigarette zögen. Das Licht in blau, und wenn es nicht blau ist, ist es grün. Und wenn es nicht blau oder grün ist, herrscht eine von Neonröhren durchäderte Dunkelheit. Was wir sehen, sehen wir durch Fensterscheiben, Schaufensterscheiben, Windschutzscheiben. Eine kalte Welt zwischen Arthouse, architektonischem Brutalismus und Gemälden. Es riecht nach kaltem Rauch und abgestandenem Bier.

Klaus Roth (Tom Schilling, "Oh Boy", "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!") wird als verdeckter Ermittler in diese Szene eingeschleust. Sein Auftraggeber (Jens Albinus) hofft, durch Roth einer serbischen Wettmafia auf die Schliche zu kommen. Roth ist kein richtiger Polizist, wäre aber gerne einer. Er lebt ziellos, ohne Freundin oder Familie. Umso engagierter lässt er sich auf das Abenteuer ein, so sehr, dass er bald das Vertrauen und die Freundschaft von Luka Moravac (Edin Hasanovic) gewinnt. Luka ist als jüngster Neffe des Clans ein kleines Licht, wie Roth. Eigentlich ist er kein richtiger Gangster, wäre aber gerne einer.

Blut, Sport, Familienehre

Als Zuschauer muss man sich nicht für Sport, nicht für das Wettgeschäft und auch nicht für die realen Hintergründe dieses Thrillers um das Geschäft mit illegalen Sportwetten interessieren, um dem ungleichen Duo gebannt in die Nacht zu folgen.

Das Drama entfaltet sich zwischen den beiden jungen Männern und ihrem Verhältnis zueinander. Schilling zeichnet seinen Roth schlafwandlerisch als verlorene Seele. Hasanovic gibt seinen kleinen Luka als gutherzigen Kleinkriminellen, der seinen neuen Freund gegen das Misstrauen seiner Sippe sogar zum Paten seines Sohnes macht - und so ins Zentrum der Machenschaften einschleust.

Im Alltag bedeutet das, willige Sportler oder Schiedsrichter aus der zweiten Reihe auf dem Tennisplatz oder im Fußballstadion aufzulauern und zu einem Deal zu beiderseitigem Profit zu überreden. Irreguläre Elfmeter, verlorene Handballspiele, gelbe Karten in der zweiten Halbzeit. Das läuft so lange gut, bis sich die türkische Mafia, ihrerseits protegiert durch die italienische Mafia, in die Geschäfte der Serben einmischt - und sich der Clanchef Aco Goric persönlich einschalten muss. Goric, von Lazar Ristovski als Patriarch vom unheimlichen Format eines "Paten" angelegt, ist das eigentliche Ziel der Ermittlungen. Außer dem Geld geht es dem alten Herrn auch um die Familienehre.

Als Thriller mit überraschenden Wendungen und spannendem Finale wäre "Auf kurze Distanz" bereits abendfüllend. Immer wieder entgeht Roth nur knapp einer Enttarnung durch die Killer der Familie, mit der Polizistin Eva (Britta Hammelstein) muss er zum Schein sogar eine Beziehung eingehen. Zusätzlich aber spitzt sich das psychologische Drama für Klaus Roth zu, der zwischen Neigung und Pflicht immer mehr zerrieben wird. Kann er seinem öligen Chef vertrauen? Will er seinen Freund wirklich ans Messer liefern? Wo liegt seine Loyalität? Und wie kommt er aus dieser Nummer wieder heraus?

Regisseur Philipp Kadelbach ("Unsere Mütter, unsere Väter") verknüpft beide Stränge so eng miteinander, dass die Handlung am Ende wie ein gordischer Knoten erscheint. Und der vermeintliche Krimi sich als Tragödie zu erkennen gibt. Dabei ist der Film bis in die kleinsten Nebenrollen so perfekt besetzt, sind die unterschiedlichsten Erzählungen so dezent angedeutet und die Genres so eng geführt, dass man nach anderthalb ziemlich atemlosen Stunden das Gefühl hat, dem erlösenden Showdown einer Serienstaffel beizuwohnen.

"Auf kurze Distanz" erzählt so komprimiert und ökonomisch, dass erst eine finale Volte in buchstäblich letzter Minute die ganze Geschichte lakonisch, brutal und überraschend auflöst. Großes Fernsehen.


"Auf kurze Distanz", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD. Im Anschluss, um 21.45 Uhr, läuft die Doku "Wettbetrug im Fußball - Ein Milliardengeschäft".

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insgesamt 2 Beiträge
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1. ...
femtom1nd 02.03.2016
Im "Clou" hat auch der Bär 'ne Rolle, man kriegt sich öfters in der Wolle. Der Zeitvorsprung wird's immer richten: Noch weiter lässt sich's nicht verdichten.
2. Hervorragend
MKAchter 06.03.2016
Regisseur Kadelbach hat da in der Tat einen großartigen Thriller geschaffen. "TV-Krimi" wäre dafür noch eine sehr tief stapelnde Bezeichnung. Ein glaubwürdiger, atmosphärischer und spannender Film, wie er im deutschen Fernsehen selten zu sehen ist. Lob auch für die Filmkritik - sie wird (was nicht selbstverständlich ist) dem Thriller gerecht und beschreibt ihn gut.
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