Auschwitz-Überlebende bei Jauch Erinnerung als Waffe

Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz hatte Günther Jauch zwei Holocaust-Überlebende geladen. Eine gelungene Veranstaltung über das Sprechen als Widerstand gegen das Vergessen.

Margot Friedländer (l.) und Eva Erben bei Jauch: "Nichts ist normal"
imago/ Müller-Stauffenberg

Margot Friedländer (l.) und Eva Erben bei Jauch: "Nichts ist normal"

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Das Gasometer wurde nicht erwähnt. Wo sonst am Anfang des Talks von Günther Jauch stets stolz darauf verwiesen wird, dass man aus dem umgebauten Berliner Industrie-Gebäude sendet, wurde diesmal geschwiegen. Die Worte Gas und Holocaust, in solch einem Zusammenhang gehen sie nicht zusammen.

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Heft 5/2015
19 Auschwitz-Überlebende berichten

Ansonsten war bei dem Zeitzeugengespräch zum 70. Jahrestag der Befreiung alles wie immer bei Günther Jauch. Am Anfang lärmten die Synthie-Fanfaren, das Studio war grell ausgeleuchtet, der Moderator machte mal wieder sein Nun-erzählen-Sie-mal-Gesicht und fragte scheinbar mir nichts, dir nichts drauf los.

Aber wie hätte so ein Gespräch auch anders funktionieren können? Die beiden Zeitzeuginnen Margot Friedländer und Eva Erben, die Theresienstadt und Auschwitz überlebt haben, bedürfen keines besonderen Schutzes. Jedenfalls nicht den irgendeines Fernsehheinis. Sie sind zum Jauch-Talk, diesem größten Marktplatz der Berliner Republik gekommen, auf dem zum Teil höchst unfein und niemals pietätvoll Meinung gemacht und verkauft wird, weil sie ihre Geschichte erzählen wollen. Die Erinnerung ist ihre Waffe, es ist eine starke Waffe.

Der süßliche Geruch über der Todesfabrik

Vielleicht auch deshalb, weil die beiden Frauen für sich selbst so lange geschwiegen haben. Friedländer, 91, lebte über 60 Jahre in den USA, kehrte erst im Jahr 2010 in ihre Heimatstadt Berlin zurück und konfrontierte sich da schmerzhaft mit ihrer Geschichte. Erben, 85, gestand bei Jauch, dass sie erst 34 Jahre nach dem Krieg zum ersten Mal über das Erlebte gesprochen hat. Sie berichtete über ihr Leben im jungen Staat Israel, über ihre dort gegründete, vielköpfige Familie: "Wenn man sich das Leben im Fotoalbum anguckt, dann ist das Leben ein Picknick."

Dann erzählte sie, was vor dem Picknick war. Von dem "süßlichen Geruch", der über der Todesfabrik Auschwitz lag. Über eine Mutter, der auf der Rampe ihr Baby entrissen wurde und die sich in der Nacht in den elektrischen Zaun geschmissen hat. Über den Abschied von der eigenen Mutter, die nach der Auflösung von Auschwitz durch die Nazis auf dem Todesmarsch Anfang 1945 an Hunger, Unterkühlung und Erschöpfung verstarb: "Man sieht den Tod in den Augen; man sieht, wenn jemand geht." Erben überlebte, weil sie sich während des Todesmarsches unter einer Kuh versteckte und die Hunde der Bewacher keine Witterung aufnehmen konnten. "Ich habe gestunken wie eine Kuh."

Am Leben erhalten hat das Mädchen Eva auch die Hoffnung, dass irgendwann alles wieder so ist wie vorher: "Man wartet auf das Ende", so Erben, "dann kommt das Ende, und nichts ist normal. Man ist gefroren innen."

Ähnliches berichtet Friedländer, die in einem Einspieler für Jauch rekonstruierte, wie in dem noch erhaltenen Haus in Berlin-Kreuzberg 1943 Mutter und Bruder deportiert worden sind, während sie sich verstecken konnte. "Meine Mutter ist ins Gas gegangen", der Bruder starb nach nur wenigen Monaten in Auschwitz, die Umstände sind nicht geklärt. Friedländer ging in den Untergrund, färbte sich die Haare henna-rot und ließ sich die Nase operieren. Am Ende des Krieges landete sie in dem KZ Theresienstadt.

Friedländer und Erben erzählten die meiste Zeit trocken, oft mit nüchternem Witz. Erben: "Ich war ein dekoratives Mädchen." Es gab keine Tränen, jedenfalls nicht in ihren Gesichtern. Vielleicht auch eine Art, sich aus der Opferrolle zu befreien.

Sprechen über das Unaussprechliche

Tränen fließen in der ARD und dem recht klug kuratierten Themenschwerpunkt zu Auschwitz an anderen Stellen. Etwa in der Dokumentation "Night Will Fall" am Montag, in der es um ein Dokumentarfilmprojekt über die deutschen Vernichtungslager geht, an dem Alfred Hitchcock und Billy Wilder direkt nach Kriegsende saßen. Der Film wurde dann doch nicht fertiggestellt, man hielt die Bilder mit den Todesfabriken und Leichenbergen für nicht zumutbar für das große Publikum. Aber die britischen und amerikanischen Kameramänner und Soldaten von einst brechen bei der Erinnerungen an die Filmarbeiten zuweilen in Tränen aus.

Auch in einer anderen ARD-Dokumentation geht es gefühlvoll und therapeutisch zu: In "Auschwitz und ich" werden Schüler bei einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte gezeigt; auch die jungen Menschen werden übermannt von ihrer Ohnmacht angesichts der Erinnerung an das Menschheitsverbrechen.

Friedländer und Erben indes bleiben bei Jauch ruhig beim Sprechen über das Unaussprechliche. Verstörend der Augenblick, in dem Erben - auch sie war zwischenzeitlich in Theresienstadt interniert - ein Propagandafilm der Nazis über das KZ vorgeführt wird, in dem sie zu sehen ist. Oder auch nicht zu sehen ist. Die Kinderhäftlinge müssen eine Kinderoper singen, so wollen die Nazis der Welt zeigen, wie schön und menschlich es in Theresienstadt zugeht. In der Menge ein Mädchen, das so aussieht wie die kleine Eva. Doch Frau Erben kann sich selbst bei Jauch nicht erkennen; das sei nicht sie, das seien nicht ihre Augen.

Möglicherweise auch eine Technik des Widerstands: Ich bin nicht die, zur der ihr mich machen wolltet. Ein bewegender Abend über das Erinnern als Waffe.


Weitere ARD-Sendungen:
"Auschwitz und ich", Montag, 22.45 Uhr, ARD
"Night Will Fall", Montag, 23.30 Uhr, ARD

insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
polltroll 26.01.2015
1. Pflichtveranstaltung Jauch
Schade, dass hier nicht auf den Staatsanwalt des Auschwitz Prozesses Anfang der 60er Jahre eingegangen wird und die immer noch spürbare Fassungslosigkeit der Opfer, dass es ganz normale bürgerliche Deutsche waren, die sie zur Schlachtbank führten. Es waren ca. 500.000 Deutsche direkt oder indirekt an den Morden beteiligt. Die Unfähigkeit Deutschlands die Täter zur Rechenschaft zu ziehen! Ganz normale Deutsche: Lehrer, Beamte, Akademiker etc. Aus der Mitte der Gesellschaft! Das sollte gerade aktuell eine Mahnung sein!
haudinei 26.01.2015
2. das erste Mal...
..., dass ich mir eine Jauch-Sendung in kompletter Länge angesehen habe. Im Gespräch mit den beiden Damen wirkte er souverän und authentisch. Das ist bei einem solchen Thema keine Selbstverständlichkeit und ich finde es nicht fair, Herrn Jauch als "Fernsehheini" zu betiteln...
Hochbeet 26.01.2015
3. Unser Erbe-unsere Last
Als Kind war ich in der DDR und habe die Gedenkstätte KZ Buchenwald erlebt, als Erwachsener habe ich einen Auschwitz-Überlebenden kennen gelernt. Ich spüre keine "Schuld" aber Verantwortung. Große Verantwortung. Daher nehme ich Ausländerfeindlichkeit und Anisemitismus persönlich. Ich bin stolz darauf, nicht stolz sein zu müssen. Unser Land muss wachsam bleiben. Nie wieder!
hektor2 26.01.2015
4. System
Zitat von polltrollSchade, dass hier nicht auf den Staatsanwalt des Auschwitz Prozesses Anfang der 60er Jahre eingegangen wird und die immer noch spürbare Fassungslosigkeit der Opfer, dass es ganz normale bürgerliche Deutsche waren, die sie zur Schlachtbank führten. Es waren ca. 500.000 Deutsche direkt oder indirekt an den Morden beteiligt. Die Unfähigkeit Deutschlands die Täter zur Rechenschaft zu ziehen! Ganz normale Deutsche: Lehrer, Beamte, Akademiker etc. Aus der Mitte der Gesellschaft! Das sollte gerade aktuell eine Mahnung sein!
Das deutsche Strafrecht ist für eine Verfolgung, derart kranker, industrieller Massentötung nicht ausgelegt, da das Prinzip der Individualschuld gilt. Viel schlimmer ist m. E. nach, dass viele dieser kulturlosen Schlächter und Organisatoren später in z. T. hochdotierte Posten des öffentlichen Dienstes gehoben wurden. Bspw. als Kanzleramtsminister - um nur ein Beispiel aus Deutschland zu nennen oder als techn. Leiter der NASA, um ein anderes Beispiel zu nennen.
troy_mcclure 26.01.2015
5. Das kann Jauch
Eine solche Sendung kann Jauch gut moderieren, wenn es ums Zuhören geht. Wenn es aber wie sonst immer eine Politikerdiskussion it, dann wirkt Jauch für mich meist völlig fehl am Platz
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