Holocaust-Film "Night Will Fall" Nicht die Hölle. Schlimmer

Noch immer tauchen neue Bilder aus den Konzentrationslagern auf. "Night Will Fall" erzählt von einem Film-Projekt Alfred Hitchcocks, dessen Aufnahmen so grausam sind, dass sie erst jetzt, 70 Jahre später, zu sehen sind.

Von

ARD

Die Augen weigern sich. Das Gehirn weigert sich. Die Vernunft weigert sich. Selbst das Zelluloid, so scheint es, weigert sich, die Bilder preiszugeben, die die Kameras aufgenommen haben. In Bergen-Belsen, in Majdanek, in Auschwitz, in all den Lagern jenseits all dem, was Menschen mit Menschen tun.

Schon oft gesehen, einerseits; noch nie gesehen, andererseits: Weil man das nie glauben will, weil es zu weit geht, viel zu weit.

Münder, Nasen, Wangen, Haut, nichts will sich fügen, alles strebt dagegen, das zu akzeptieren, was auf diesen Bildern zu sehen ist: Noch heute kommen den britischen, den amerikanischen, den sowjetischen Soldaten, die als erste die Lager betraten, die Tränen, wenn sie davon erzählen, noch heute stammeln sie, "der Geruch, der Geruch", die Krematorien, die Leichen, ratlos sind sie, verloren, immer noch.

Während die Überlebenden sich 70 Jahre danach einfach wundern, dass sie das überlebt haben, was man, weil andere Worte fehlen, die Hölle nennt. Aber es war nicht die Hölle, das, was die Deutschen mit den Juden machten, es war schlimmer, tiefer und tierischer als jeder Vergleich und jede Metapher.

Das zeigen die Bilder des Films "Night Will Fall", den die ARD an diesem Montag zu seinem Auschwitz-Themenschwerpunkt ausstrahlt und der die Geschichte von einem anderen Film erzählt, der nie gezeigt wurde - weil er zu grausam war, aber auch, weil sich die Haltung der Alliierten im beginnenden Kalten Krieg geändert hatte.

Ursprünglich sollten all die Aufnahmen der Kamerateams, die die Soldaten bei der Befreiung der Lager begleiteten, zu einem Film montiert werden, der beweisen sollte, was passiert war - ein Versuch wenigstens, das Grauen des Holocaust festzuhalten.

Schreckliches Superlativ

"German Concentration Camp Factual Survey", das war der nüchterne Titel des britischen Projektes, Alfred Hitchcock war als "beratender Regisseur" vorgesehen, der aus den Schreckensbildern einen Film formen sollte. Doch der Starregisseur war in Hollywood und kam erst Ende Juni 1945 in England an, knapp zwei Monate nach Kriegsende.

Zu diesem Zeitpunkt waren zwei Dinge passiert: Es war klar, dass die Deutschen nicht gedemütigt werden sollten, sondern gebraucht wurden, als Bollwerk gegen die Sowjets - sie sollten nicht als die Monster gezeigt werden, die sie waren.

Und, auch das macht der Film deutlich: Die Juden sollten nicht als die Opfer gezeigt werden, die sie waren, weil die Situation in Palästina für die Briten immer problematischer wurde, je mehr Juden in das Land drängten. Der Film, der zu grausam war für diese Welt, wurde nie gezeigt. Realpolitik hatte den surrealen Horror ersetzt.

All die Bilder von knochig-nackten Leichen, von zerstörten Gesichtern, von Bergen, Bergen, Bergen von Toten, Koffern, Brillen, Kleidern, Haaren - und neben den Leichen die gerade noch Lebenden, die zwischen den Toten hausten, die die Hände ihrer Befreier küssten, die ihnen "wie Götter" erschienen, so erinnert sich eine der Überlebenden in dem Film - diese Bilder machen einen auch 70 Jahre später zornig, verwirrt und am Ende so traurig, dass man nur noch weinen will.

"Night Will Fall" ist mehr als eine Dokumentation, die Bilder zeigt, die man so noch nie gesehen hat, ein schreckliches Superlativ - dieser Film ist ein Weg, sich der Sprachlosigkeit zu nähern, die doch eine Antwort verlangt.

Es ist eine weitere grausame Pointe der Geschichte, dass es so lange gedauert hat, bis heute, 70 Jahre danach, immer noch unfassbar.


"Night Will Fall": Montag, 23:30 Uhr, ARD



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
bucketfor99 26.01.2015
1. Der Film
wurde bereits auf Arte gezeigt. Ich musste wegzappen, die Bilder sin unerträglich!
123abcd 26.01.2015
2. um 23.30?
Anscheinend werden die harten Fakten, die zeigen wozu unsere Eltern, Gross- und Urgrosseltern fähig waren, unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit kurz vor Mitternacht gesendet. Dazu passt, dass aktuell eine Mehrheit dazu neigt, mit Auschwitz doch lieber gedanklich komplett abzuschliessen und sich dann um 20.15 deutsch-volkstümelnder Heile-Welt-Fiktion hinzugeben...Schade, Deutschland. Bei historischer Verantwortung kann man nicht einfach auschecken...
shechinah 26.01.2015
3. Falsche Bildunterschrift
Der Soldat auf Bild 5 hat eindeutig eine britische Uniform und einen Brodie Helm an - das ist sicher kein US Soldat.
hektor2 26.01.2015
4. Aufnahme
Zitat von 123abcdAnscheinend werden die harten Fakten, die zeigen wozu unsere Eltern, Gross- und Urgrosseltern fähig waren, unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit kurz vor Mitternacht gesendet. Dazu passt, dass aktuell eine Mehrheit dazu neigt, mit Auschwitz doch lieber gedanklich komplett abzuschliessen und sich dann um 20.15 deutsch-volkstümelnder Heile-Welt-Fiktion hinzugeben...Schade, Deutschland. Bei historischer Verantwortung kann man nicht einfach auschecken...
Ich werde mir das auch nicht um diese Uhrzeit ansehen, aber ganz sicher aufzeichnen, um es mir dann tatsächlich zu einer adäquaten Uhrzeit anzusehen.
treime 26.01.2015
5. Schade.
Man hätte damals Rest-Deutschland in die Kinos zwingen müssen! Die Deutschen nicht demütigen... Real-Politik ist immer pervers. Stattdessen durften dann die ganzen "Verwalter" aus der NS Zeit weiter das "neue" Deutschland verwalten. Pflichtprogramm für die Schulen. Schindlers Liste ist für die Generation SAW 1-7 ja auch nur noch ein Film... Leider.
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