Aussie-Serie "The Slap": Mein Haus, mein Pool, mein Hass
Was für leckeres Essen. Was für hübsche Menschen. Und welch seelische Abgründe. Die australische Fernsehserie "The Slap" nach dem Bestseller von Christos Tsiolkas zeigt, wie das Wohlstandsparadies eines Melbourner Vororts zur Psychohölle wird.
Keine Frage, hier herrscht Krieg. Die Männer pumpen die Brustkörbe unter den aufgeknöpften Ralph-Lauren-Hemden auf, die Frauen stöckeln im Kampfmodus von Pilateskursen zu Trinkgelagen. Die australische Fernsehserie "The Slap", entstanden nach dem gleichnamigen Romanbestseller von Christos Tsiolkas, wimmelt von gut situierten Figuren, die der Wut und der Verzweiflung anheimfallen.
Beim Barbecue zum 40. Geburtstag einer der Hauptfiguren eskaliert die Situation. Ein Junge, der schon den ganzen Tag gequengelt hat, bekommt eine Ohrfeige. Es wird nicht die schrecklichste Form von Gewalt in diesem achtteiligen Wohltandsschocker aus dem Suburbia von Melbourne bleiben. Die Ohrfeige beim Grillfest führt zu juristischen Auseinandersetzungen zwischen Täter und Eltern, jede Person des Freundeskreis muss sich zur Tat positionieren.
Die Frage "Wo stehst du?" wird zur schmerzvollen Selbsthinterfragung, der Druck entlädt sich in martialischen Selbstdemontagen: saufen, betrügen, zuschlagen. In acht Episoden (auf Arte ab Donnerstag in vier Doppelfolgen gesendet) folgt "The Slap" acht Charakteren, die ihr Mittelstandsdasein gegen die Wand zu fahren drohen.
Da ist Hector (Jonathan LaPaglia), Spross griechischer Einwanderer, der mit dem Barbecue seinen 40. Geburtstag begeht. Durchtrainierter Körper, verlorener Blick, Faible für Jazz. Hat eine tolle Frau und zwei tolle Kinder, weiß aber nicht, wohin mit seinen unerfüllten Sehnsüchten. Beginnt deshalb eine Affäre mit der 17-jährigen Babysitterin, die ihn für die Liebe ihres Lebens hält. Pflügt anschließend manisch durch den Swimmingpool, schwimmt sich trotzdem nicht frei.
Ein Mittelstandsparadies, fast grenzenlos
Da ist Hectors Cousin Harry (Alex Dimitriades), Autoverkäufer, Knochenbrecher, notorischer Fremdgeher. Er gibt dem Jungen beim Barbecue die Ohrfeige. Zu Hause hält er sich ein Luxusweibchen mit Sohn, in einer Wohnung eine Zweitfrau mit Zweitkind. Es gibt fast nichts, was Harry nicht kaufen zu können glaubt. Den Rest holt er sich unter Androhung von Schlägen.
Da ist Rosie (Melissa George), Harrys Gegenspielerin, Mutter des geohrfeigten Jungen. Hat's früher wild getrieben, entdeckte dann die Esoterik, gibt ihrem vierjährigen Sohn immer noch die Brust. Hat an der anderen Brust ihren saufenden Ehemann hängen, der nichts auf die Reihe kriegt. Lenkt ihren gesamten runtergeschluckten Weltenhass in den Kampf gegen Harry.
Und da ist schließlich - vielleicht die aufwühlendste Figur in diesem Selbstzerfleischungsreigen - der alte Manolis (Lex Marinos), Vater von Hector, vor über 40 Jahren aus Griechenland eingewandert. Sieht die Familie zerfallen, beerdigt einen alten griechischen Freund nach dem anderen, tanzt stolz mit dem letzten Verbliebenen Sirtaki. Und liegt schließlich deprimiert an die Decke starrend neben seiner alten Frau, die früher so schön für ihn gesungen hat, jetzt aber nur noch keifend seine Kalorienzufuhr überwacht. Der australische Traum, Manolis hat ihn gelebt. Jetzt will er nur noch zurück in sein armes, geliebtes Griechenland.
Man muss zum besseren Verständnis von "The Slap" die Verhältnisse Australiens kennen, diesem Land, das Reichtum für jeden bereitzuhalten scheint, dem es gelingt, die immer strengeren Einwanderungskontrollen zu durchlaufen. Man muss die weit ausladenden Vorstädte von Melbourne oder Sydney gesehen haben, in denen zu fast jedem Eigenheim auch ein Swimmingpool gehört und ein Barbecue, auf dem das beste Fleisch der Welt und die edelsten Fische des Pazifik schmoren. Ein Mittelstandsparadies, fast grenzenlos, dabei durchlässig nach unten.
Wohlstand ist hier kein abstraktes Versprechen. Aber eben auch kein Garant für Glück. Was anfangen mit all der Kraft und der Herrlichkeit, die die geballt proteinreiche Ernährung, die kultisch ausdefinierten Körper und die viel zu lässig übergeworfenen Designer-Klamotten verheißen? Die Figuren in "The Slap" finden darauf keine rechte Antwort. Es ist die große Leistung der Schauspieler und der Regie, dass die Charaktere nicht zu Abziehbildern zu Geld gekommener Aussie-Asis verkommen. Unter ihrem Wüten werden immer neue Facetten ihrer Person offengelegt, der Konsumwahn geht mit Feingeist, ja Empfindsamkeit einher. Im Soundtrack singen die Go-Betweens, Miles Davis bläst "Bitches Brew".
Als Zuschauer kann man da leicht schwach werden: Welch Zärtlichkeit einen doch überkommt angesichts dieser schöngeistigen Schläger.
"The Slap - Nur eine Ohrfeige" (jeweils zwei Folgen), donnerstags, 20.15 Uhr, Arte
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