Fernsehen 2017 Das deutsche Serienwunder

Von "Hindafing" bis "Babylon Berlin": 2017 haben deutsche Fernsehschaffende gezeigt, dass sie Serie können. Oder auch nicht. Drei Höhepunkte, drei Enttäuschungen - und was wir daraus für 2018 lernen.

X Filme/ Degeto/ Beta Film/ Sky

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Die Gewinner

1. "Babylon Berlin"

Die Serie, die 2017 das deutsche Fernsehen auf den Kopf gestellt hat. Wahn, Rausch, Verschwörung - dieser mit Drogen aller Art befeuerte sechzehnteilige TV-Trip durch das Berlin der Weimarer Republik ist Schauwertkino und kulturhistorischer Diskurs in einem. Mut, Ausdauer, irre Kulissen- und Budgetschieberei - wie für das 38-Millionen-Euro-Projekt ein Privatsender (Sky) mit einem öffentlich-rechtlichen Anbieter (ARD) zusammengenäht wurde, zeugt von fast schon krimineller Verwegenheit. Am Ende ist eine Serie rausgekommen, die ohne den Vergleichszusatz "die deutsche Version von" oder Ähnliches auskommt. Ein Monolith. (Lesen Sie hier die ausführliche Besprechung.)

Was wir für 2018 lernen: Ruhig mal ganz, ganz groß denken. Und ruhig mal alle, aber auch wirklich alle Arrangements auf dem deutschen Fernsehmarkt über den Haufen schmeißen. Im nächsten Jahr versucht UFA Fiction ihre Kiezsaga "Zellers Reeperbahn" mit ähnlich unkonventioneller Finanzierung an den Start zu bringen.

Abrufbar bei Sky On Demand, Sky Ticket und Sky Go

2. "4 Blocks"

"4 Blocks"
TNT Serie

"4 Blocks"

Ein Bastard von Serie. Dieser Sechsteiler über die libanesische Drogenmafia in Berlin-Neukölln ist zum einen süffiges Gangsterkino nach italo-amerikanischem Vorbild und zum anderen präziser Report über die sich schleichend verändernden Besitzverhältnisse in deutschen Innenstädten. Jede Szene ein Hieb ins Gesicht - besonders für die großen deutschen Sender, die sich vom kleinen TNT vorführen lassen mussten. ZDFneo kaufte dem Privatanbieter später die Senderechte ab. (Lesen Sie hier eine ausführliche Besprechung.)

Was wir für 2018 lernen: Der Fernsehmarkt funktioniert wie der Drogenmarkt. Wenn die großen Dealer nicht mit gutem Stoff nachrücken, kommt eben ein Straßenköter um die Ecke und übernimmt das Revier. Gut für das deutsche Fernsehen, Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft.

Läuft bei TNT Serie, abrufbar bei Amazon Video und iTunes. Auch als DVD erhältlich

3. "Hindafing"

"Hindafing"
BR/ Günther Reisp

"Hindafing"

Die Serie, die so wehtut, dass man Tränen lacht. Das dramaturgische Räderwerk großer US-Fernsehgrotesken wie "Fargo" oder "Breaking Bad" haben sich die Schöpfer von "Hindafing" genau angeschaut - und in der bayerischen Provinz penibel in sechs Folgen zum Laufen gebracht. Ein Bürgermeister träumt zwischen Panama Papers, Biosupermarktruine und Crystal-Meth-Küche von einer neuen Metropolregion und gerät dabei in eine Gewaltsituation nach der anderen. Bavaria Noir - hat man in solch boshafter Brillanz noch nicht gesehen. (Lesen Sie hier eine ausführliche Besprechung.)

Was wir für 2018 lernen: Das Dritte ist das neue Erste. Und: Mediatheken sind das neue Hauptabendprogramm. Dort probieren die öffentlich-rechtlichen Angsthasen aus, was sie im Ersten für unschicklich halten. Auf "Hindafing" folgte gerade die ebenso bitterböse Kulturpolitik-Satire "Das Institut". Beide Serien wurden vor der Ausstrahlung komplett ins Netz gestellt, dieser Vertriebsweg wird im nächsten Jahr noch sehr viel stärker genutzt werden.

Abrufbar auf Amazon, Netflix und iTunes. Auch als DVD erhältlich

Die Enttäuschungen

1. "You Are Wanted"

"Your Are Wanted"
Amazon

"Your Are Wanted"

Die Serie als Matthias-Schweighöfer-Vehikel. Alles an diesem sechsteiligen Hacker-Thriller sieht aus wie in einer Schweighöfer-Komödie; der Schauspieler selbst tobt durch Kulissen, die so lebensecht anmuten wie eine Möbelausstellung. Wäre nicht alles so furchtbar düster fotografiert, wüsste man gar nicht, dass man einen Thriller schaut. Unglaublich, dass hinter dem Schöner-Wohnen-Schocker das gleiche Drehbuchteam wie hinter dem Neukölln-Kracher "4 Blocks" steht. Möglich, dass Schweighöfer im Alleingang ein paar "Verbesserungen" vorgenommen hat. (Lesen Sie hier eine ausführliche Rezension.)

Was wir für 2018 lernen: Das Teamwork zählt, Spannungsbögen über Mehrteiler funktionieren nur im Ensemblespiel. Schön sehen kann man das an dem Konkurrenzprodukt "Dark", der ersten deutschen Serie von Netflix, bei der viele Charakterköpfe nebeneinander brillieren. Bittere Pille für Filmegos: Die Serie braucht keinen Star. Die Serie ist der Star.

Abrufbar bei Amazon Video. Auch als DVD erhältlich

2. "Lobbyistin"

"Lobbyistin"
ZDF/ Christoph Assmann

"Lobbyistin"

Ein Debakel. In diesem Politkrimilein versuchte man in sechsmal 30 Minuten streberhaft genretechnisch alles so zu machen, wie man es bei den großen Vorbildern gesehen hat - und dann auch noch gesellschaftspolitisch voll relevant zu sein. Gleich am Anfang gibt es die obligatorische Vorblende ("vor sechs Wochen"), da stürzt die Heldin im Auto ins Wasser - und kommt den Rest der Handlung irgendwie nicht wieder richtig hoch. Charmant wie ein nasser Hund muss sie durch ein Hauptstadtverschwörungsszenario torkeln. (Lesen Sie hier eine ausführliche Besprechung.)

Was wir für 2018 lernen: Für das Serienfernsehen gibt es keine gesicherte Formel, mit der sich jedes beliebige Thema erzählen lässt. Soll die Serie originell sein, muss sie auch mal von Vorgaben abweichen. Sonst säuft sie ab.

Abrufbar in der ZDF-Mediathek sowie bei Amazon Video und iTunes

3. "Das Verschwinden"

"Das Verschwinden"
ARD

"Das Verschwinden"

Diese Serie ist ohne Frage auf hohem Fernsehniveau gedreht, trotzdem ist sie in gewisser Weise eine Enttäuschung. Obwohl das Thema Crystal Meth im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet gesellschaftlich hochrelevant ist. Obwohl die Charaktere exzellent dargestellt werden. Obwohl der Regisseur Hans-Christian Schmid heißt. Schmid hatte 2003 mit "Lichter" ein ganz großes deutsch-polnisches Grenzpanorama entworfen. Für seine erste Serie hatte man nun gehofft, dass er ebenso detailreich, feinnervig und vielleicht noch ein bisschen ausführlicher die sozioökonomischen Kraftströme auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze zeigt. Er hat ja immerhin viermal 90 Minuten Zeit. Doch ach, tschechische Figuren sucht man in "Das Verschwinden" fast vergeblich, und die deutschen entwickeln sich nicht, außerdem erklären sie sich in den Dialogen immer wieder selbst. Beim aufregenden Ende ist man gedanklich dann schon gar nicht mehr recht dabei. (Lese Sie hier eine ausführliche Besprechung.)

Was wir für 2018 lernen: Eine Serie ist kein Spielfilm im Langformat. Jede Folge muss ein eigener kleiner Spielfilm sein. Der dauerhafte Erfolg wird sich nur einstellen, wenn man die Struktur rigoros dem unterordnet, was man erzählen will. 2018 sollte das Jahr sein, in dem sich Fernsehredakteure endgültig von der 90-Minuten-Denke freimachen.

Abrufbar bei Amazon Video und iTunes. Auch als DVD erhältlich

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
hausfeen 29.12.2017
1. Fehlen die lustigen Krimis. Hubert & Staller, Mord mit Aussicht ...
Habe ich immer gerne gesehen. Wenn es ernster sein soll, mag ich die Miniserien aus Stralsund, Sylt und auch Anke Engelke auf der Hallig.
ersatzaccount 29.12.2017
2. Eine Schwalbe aber noch lange kein Sommer
Naja eher Spatz als Schwalbe. Wenn man guckt was international so geht (und da muß man nichtmal Richtung USA), insbesondere bei den Streaming-Anbietern, ist das doch alles noch sehr durchschnittlich . 4Blocks ist gut aber erfindet das Genre nicht neu und Babylon Berlin ist ein klassisches "period piece", ebenfalls git aber auch nicht wirklich innovativ. Ich vermisse "Dark" auf der Plus-Seite der Aufzählung. Btw, Ab heute läuft die 4. Staffel "Black Mirror" auf Netflix, im Prinzp "Twilight Zone" für das 21. Jahrhundert. Kein ör Sender in Deutschland hätte auch nur Ansatzweise den Mut sowas zu Produzieren.
imo27 29.12.2017
3.
Wer nur wenig Zeit hat, sollte sich auf die Serien konzentrieren, die international die höchsten Einschaltquoten haben.
Tanris 29.12.2017
4.
Hallo, irgendwie verstehe ich Ihren Beitrag nicht. Sie kritisieren die fehlenden Innovationen bei deutschen Serien, empfehlen im Anschluss aber eine Serie, die Sie selbst als Twilight Zone des 21. Jahrhunderts bezeichnen. Also auch nichts wirklich innovatives.
ersatzaccount 29.12.2017
5.
Zitat von TanrisHallo, irgendwie verstehe ich Ihren Beitrag nicht. Sie kritisieren die fehlenden Innovationen bei deutschen Serien, empfehlen im Anschluss aber eine Serie, die Sie selbst als Twilight Zone des 21. Jahrhunderts bezeichnen. Also auch nichts wirklich innovatives.
Dark Mirror ist sogar extrem innovativ. Wie bei Twilight Zone - daher der Vergleich - hat jede Folge eine andere, abgeschlossene Handlung. Es gibt keine übergreifende storyline, es können sogar komplett unterschiedliche Genres sein. Kritiker und Zuschauer überschlagen sich jedenfalls seit der 1. Folge vor Begeisterung und das zu recht https://www.rottentomatoes.com/tv/black_mirror/s01/
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