Tykwer, Handloegten und von Borries über "Babylon Berlin" Schluss mit Pappmaché-Retro-Nostalgie!

Die Serie "Babylon Berlin" gilt schon jetzt als Meilenstein des deutschen TV. Hier sprechen die Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries über die Hauptstadt von gestern und heute.

ARD/ Frederic Batier

Ein Interview von


Zu den Personen
    Sie zählen zu den erfolgreichsten Regisseuren und Drehbuchautoren des Landes:
    Tom Tykwer, Jahrgang 1965, hat neben modernen Arthouse-Klassikern wie "Lola rennt" (1998) auch internationale Produktionen wie "The International" (2009) oder "Ein Hologramm für den König" (2016) gedreht.
    Henk Handloegten, Jahrgang 1968, zeichnet für Filme wie "Paul is Dead" (2000) oder "Fenster zum Sommer" (2000) verantwortlich.
    Achim von Borries, Jahrgang 1968, inszenierte unter anderem "Was nützt die Liebe in Gedanken" (2004) und "Alaska Johansson" (2013).

SPIEGEL ONLINE: Ihre am Freitag startende Serie "Babylon Berlin" spielt in den Zwanzigerjahren und erzählt von Zuwanderung und Wohnungsnot, von einer Gesellschaft, die zwischen Arm und Reich, rechts und links zerrissen ist. Spiegelt die Serie unsere Gegenwart?

Tykwer: Wir wurden von der Wirklichkeit überrollt. Als wir vor ungefähr vier Jahren mit den Drehbüchern anfingen, haben wir noch darüber nachgedacht, welche Parallelen es zwischen der Wirtschaftskrise von 1929 und der Finanzkrise vor einigen Jahren gab. Von der AfD war da noch keine Rede.

Borries: Wir waren perplex, als wir bei unseren Recherchen herausfanden, wie international die Stadt in den Zwanzigerjahren schon war. So offen und lebendig wie damals ist sie erst heute wieder.

Handloegten: Sie war sogar schneller als heute. Die U-Bahnen fuhren im Minutentakt, davon können wir nur träumen.

Borries: Das Nachtleben hatte enorme Dimensionen. Für jede sexuelle Orientierung gab es den passenden Laden.

Handloegten: Nirgendwo war die Freizügigkeit größer, vermutlich nicht mal Paris. Zu Tausenden strömten die Menschen nach Berlin. Die Gewieftesten, Skrupellosesten und Virtuosesten setzten sich durch.

Borries: Und zugleich hatten die Menschen das Gefühl, dass die Demokratie sehr fragil ist.

Serienmeisterwerk "Babylon Berlin"

SPIEGEL ONLINE: Das ist heute anders.

Tykwer: Wirklich? Wir sitzen hier in Deutschland im Elfenbeinturm, und zwar im obersten Stock. In der Welt herrscht tumulthaftes Durcheinander. Wir wissen nicht, was passieren wird, es gibt eine große Angst vor dem Verlust der demokratischen Errungenschaften.

Borries: Vieles, was sich bislang von selbst verstand, wird infrage gestellt: die Einheit Europas, der Frieden, unser Wohlstand. Das hat sich in den letzten Jahren fundamental verändert.

Tykwer: Auch damals hatten viele Menschen das Gefühl, mit dem Tempo der Veränderungen kaum mitzukommen. In der Serie gibt es Figuren, die versuchen, alles aufzunehmen, was um sie herum passiert, und andere, die sich an die Vergangenheit klammern.

Handloegten: Den Wunsch, ein Drama über das Berlin der Zwanzigerjahre zu drehen, hatten wir schon lange. Vielleicht war die Zeit erst jetzt reif dafür.

Handloegten, Tykwer und von Borries (von links) 2016 in Berlin
DPA

Handloegten, Tykwer und von Borries (von links) 2016 in Berlin

SPIEGEL ONLINE: Hängt dies auch damit zusammen, wie sich Berlin selbst verändert hat? Die Stadt erlebt seit vielen Jahren einen Boom.

Borries: Klar, diese Lebendigkeit haben wir hier jahrzehntelang vermisst.

Handloegten: Ich bin 1985 nach Berlin gekommen, aus Paris. Und zwar in eine seltsame Lebenssituation: Ich wohnte im Osten, Leipziger Straße und ging jeden Tag über den Checkpoint Charlie nach Westberlin zur Schule. Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit hier stillstand, dass die Mauer die Lebensadern der Stadt durchschnitten hatte.

Tykwer: Echt? Ging mir überhaupt nicht so!

Handloegten: Wenn ich irgendwo las, dass die Menschen in den Zwanzigern vom Alex zum Ku'damm fuhren, habe ich physisch gelitten.

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Serienmeisterwerk auf Sky: Berlin im Rausch

Tykwer: Für mich war das West-Berlin der Achtziger ein verrücktes Paradies, die Mauer bot auch Schutz für den ganzen, tollen Irrsinn in der Stadt.

Handloegten: Na, es war schon sehr muffig, dieses Diepgen-Berlin.

Borries: Und gleichzeitig gab es hier jahrzehntelang eine große Sehnsucht nach der vermeintlich guten, alten Zeit. Die Filme über das Berlin der Zwanziger, die hier gedreht worden sind, "Schöner Gigolo, armer Gigolo" oder "Fabian", verklären die Stadt.

Handloegten: Ja, das ist so eine Pappmaché-Retro-Nostalgie. Willste noch 'ne Molle? Und im Hintergrund spielt der Leierkasten-Mann.

Tykwer: Den gibt's bei uns auch!

Handloegten: Aber nur ein Mal!

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass insgesamt sehr wenige Filme über das Berlin der Zwanzigerjahre gedreht worden sind?

Borries: Die Nazis und der Holocaust haben alles überschattet.

Handloegten: Es ist schwierig, die Zwanzigerjahre mit einem offenen Blick zu betrachten und nicht bloß als Vorgeschichte des Dritten Reichs.

Tykwer: Doch genau das war unser Ziel. All das Dräuende wollten wir nicht. Der Name Hitler fällt bei uns nur ein einziges Mal. Den kannte damals kaum jemand, Hitler saß in den Hinterzimmern irgendwelcher Kneipen rum.

Handloegten: Wir wollen keine Untergangsoper inszenieren, sondern vom Kampf um die Demokratie erzählen, davon, dass sie nicht gottgegeben ist.

Tykwer: Die Menschen sahen die Katastrophe damals nicht kommen. Sie waren noch viel zu sehr damit beschäftigt, die vergangene Katastrophe zu bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Den Ersten Weltkrieg.

Tykwer: Der lag 1929 erst elf Jahre zurück. Elf Jahre! Vor elf Jahren war die WM in Deutschland. Und es kommt einem vor wie gestern.

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SPIEGEL ONLINE: Die Serie zeigt Berlin als eine Stadt voller Menschen, die vom Krieg gezeichnet sind, an Körper und Seele. Das gilt auch für Ihren Helden, den Kommissar Gereon Rath.

Tykwer: Seit dem Krieg leidet er unter einem Zittern, das er nicht mehr los wird. Es gab zahllose dieser sogenannten Kriegszitterer in Berlin, wir haben unglaublich viele Filmdokumente davon gefunden. Wer nicht im Krieg gefallen war, war oft traumatisiert.

Borries: Wohin mit all diesen Menschen, die so extreme Gewalt erlebt hatten?

Handloegten: Durch die Feld-Erfahrung ging ein Riss durch die Gesellschaft.

Borries: Sie war extrem fragmentiert. Die Heimkehrer trafen auf ihre Frauen, die jahrelang ohne sie ausgekommen waren. Es gab kommunistische Arbeiter und rechtsradikale Schläger, Obdachlose, die jeden Tag ums Überleben kämpfen mussten, und Offiziere, die eine Wiederaufrüstung Deutschlands vorantrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man die Serie sieht, hat man das Gefühl, dass Sie versucht haben, jede einzelne Ihrer Figuren zu verstehen, auch die, die heimlich Waffen ins Land schmuggeln.

Tykwer: Ja, Nationalstolz war noch nicht verpönt wie dann später nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Weimarer Republik wurde er kleingehalten, aber er war noch da. Das Gefühl, Deutschland sollte wieder ein starkes Heer und eine Luftwaffe haben, kroch langsam empor.

Handloegten: Vielen Menschen war die Demokratie damals noch fremd. Das Gefühl, Deutschland drohe zu verweichlichen, war weit verbreitet. Das sehen wir heute natürlich anders.

Tykwer: Ja, wir haben uns bei der Arbeit an der Serie immer wieder gesagt: Schlaumeier, verzieh dich! Wir mussten alles vergessen, was wir wissen; wir wollten die Figuren von innen erkunden. Wir wollten mit ihren Augen auf die Welt blicken.


"Babylon Berlin", ab 13. Oktober bei Sky, ab Herbst 2018 in der ARD. Begleitend läuft am 16. Oktober, 21.50 Uhr, die zweiteilige Dokumentation "Sündenbabel Berlin" auf SPIEGEL GESCHICHTE



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