Serienmeisterwerk in der ARD Der große "Babylon Berlin"-Check

Der Tanzpalast kocht, die Stadt steht kopf: "Babylon Berlin" ist ein rauschhaftes Serienerlebnis, ein urbanes Panorama, in dem das Heute im Gestern aufscheint. Alles Wichtige zum TV-Ereignis.

X Filme/ Degeto/ Beta Film/ Sky

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Das Szenario:

1929, janz Berlin is eene Drogenwolke. In den Opiumhöhlen der Stadt betäuben sich die Kriegsheimkehrer, in den Tanzsälen wird gefeiert, als ob es kein Morgen gäbe, und in Hinterzimmern berauschen sich Industrielle und Militärs an ihren Träumen von einem neuen mächtigen deutschen Reich. Mittendrin jagt Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) einem Filmdokument hinterher, in dem angeblich der junge Adenauer bei einer SM-Session zu sehen ist. An seiner Seite: die Gelegenheitsprostituierte Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries). Tagsüber tippt sie Akten ab, nachts schafft sie im Fetischdress in den Kellergewölben des Vergnügungspalasts Moka Efti an.

Der Clou:

Im hochbeschleunigten Berlin von gestern leuchtet das hochbeschleunigte Berlin von heute auf. Das Moka Efti als Kathedrale der Entfesselung erinnert etwa an das Berghain, die Separees in den Katakomben an dessen Darkrooms. Gleichzeitig gelingt es den Serienschöpfern Henk Handloegten, Achim von Borries und Tom Tykwer in den Erschütterungen und Erosionen, in der Radikalisierung und Fragmentierung der Gesellschaft der Zwanzigerjahre die bundesdeutsche Gegenwart zu spiegeln. Ein Epochenstück, das nicht aktueller sein könnte.

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"Babylon Berlin": Diese Serie ist der Wahnsinn

Das Bild:

Stoßen eine junge Frau und ein junger Mann auf dem Behördenflur gegeneinander. Fallen ihr ein Stapel mit Fotos grausam zugerichteter Leichen aus der Hand, rutschen ihm ein Haufen mit expliziten SM-Bilder auf den Boden. "Ich hoffe, sie sind von der Sitte", sagt sie, als sie die Bilder sieht. "Und ich hoffe, sie sind von der Mord", erwidert er mit Blick auf die Leichenbilder. So lernen sich Charlotte Ritter und Gereon Rath auf der Polizeirevier kennen. Ein kranker Flirt in kranker Zeit.

Der Song:

"Zu Asche, zu Staub" Das Leitmotiv der Serie, eine Mixtur aus Exotica, Swing und modernem melancholischen Pop. Marlene Dietrich 2.0 sozusagen. Das Lied geht einem nicht wieder aus dem Kopf, wenn man es einmal gehört hat - und dann direkt in die Beine. Beim Trommelwirbel bitte Tanzposition einnehmen!

Die Kosten:

38 Millionen Euro. Mehr als die Hälfte zahlte die ARD, knapp ein Viertel Sky, den Rest steuerte die Firma Beta Film bei, die den Auslandsverkauf in inzwischen 90 Länder organsiert hat. Für Sky hat sich die Auswertung vor einem Jahr sehr gelohnt, beim öffentlich-rechtlichen Anbieter war die Exklusivauswertung durch den Privatsender 2017 kritisch diskutiert worden. Die Zusage für eine Fortsetzung zog sich peinlich in die Länge, das Engagement wurde immer wieder mit vertraglichen Hintertürchen relativiert. Jetzt starren alle auf die Free-TV-Premiere am Sonntag: Alles unter acht Millionen Zuschauer wäre ein Schlag ins Gesicht der ARD-Manager.

Die Vorbilder:

"Babylon Berlin" nutzt modernste Erzähltechniken des internationalen Serienfernsehens, gleichzeitig hat das Kino der Weimarer Republik seine Spuren in der Licht-und-Schatten-Welt hinterlassen. Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1919), Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" (1922) und Fritz Langs erste beiden "Dr. Mabuse"-Filme (1922 und 1933) - der Wahnsinn, die Angst und die Paranoia, die großen Themen der frühen deutschen Kinematographie, bestimmen den Subtext von "Babylon Berlin". Das Gestern und das Heute des filmisches Erzählen in Deutschland, hier sind sie in einer Serie präsent.

Der Kontext:

Lesen Sie hier ein Interview über den internationalen Erfolg der Serie.

Lesen Sie hier ein Gespräch mit den Serienschöpfern Handloegten, von Borries und Tykwer.

Lesen Sie hier, welche deutsche Serien im Herbst noch wichtig sind.


"Babylon Berlin", ab Sonntag, 20.15 Uhr, ARD. Danach immer donnerstags, ab 20.15 Uhr.
"1929: Das Jahr Babylon" (Doku), Sonntag, 22.30 Uhr, ARD



insgesamt 49 Beiträge
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hpampel 30.09.2018
1. Aha
Wie soll ich das glauben, wenn SPON schon jeden viertklassigen Tatort als Meisterwerk deutscher Unterhaltungskunst und Meilenstein der TV Produktionen beschreibt. Jede als schlecht bewertete Serie bei Netflix ist schon deutlich hochwertiger als das was üblicherweise als deutsche Produktion über hiesige Empfangsgeräte zu sehen ist. Aber wie soll schon was Gescheites bei rauskommen wenn die Sagenden bei den öffentlich rechtlichen sich überwiegend mit dem Aufriss von Praktikantinnen beschäftigen.
Direwolf 30.09.2018
2. Ist ganz nett
MAcht aber imho etwas wenig aus dem Setting. DAs gilt insbesondere für die Storyline über den Giftgaszug. Ich hätte gerne mal eine brauchbare Antwort vom Kommissar auf die Frage des sovjetischen Botschafters gehört, warum er gegen sein eigenes Land arbeitet. Ansonsten gewiss eine der besseren deutschen Produktionen, auch wenn ich glaube, dass diese Zeit eigentlicvh noch mehr SToff bietet, woraus man auch bessere Serien machen könnte
Augustusrex 30.09.2018
3. Meine Güte
Da gelingt es der ARD einmal eine gute Serie zu produzieren, auch dank der Vorlage. Zwar musste Frau Ritter zur Gelegenheitshure werden, was sie im Buch nicht war, aber sei es drum. Jedenfalls wird ein Wind darum gemacht, als würde die internationale Fernsehlandschaft damit umgekrempelt werden. So einzigartig ist es aber nicht.
meineeiermity 30.09.2018
4. Die ewigen Nörgler!
Da wird schon angezweifelt ohne die Serie gesehen zu haben und auf Netflix verwiesen, was fast jede Sendung aufkauft und nicht entwickelt. Egal, eine tolle Serie die die Zeit gut wiedergibt und einen auf eine Reise schickt. Der Titelsong ist der Hammer.
Strai 30.09.2018
5. Fängt toll an, lässt stark nach
Die ersten Folgen sind wirklich umwerfend, man fühlt sich in das Berlin der 20er Jahre zurückversetzt und kann sich gar nicht satt sehen. Stellvertretend dafür steht die Szene, in der die Titelmusik in einer langen Einstellung eingeführt wird. Leider ist das schon ungefähr der Höhepunkt des Ganzen. Die erste Staffel insgesamt ist auf jeden Fall noch überdurchschnittliche Unterhaltung. Danach geht es leider bergab. In der zweiten Staffel wirkt die Geschichte zunehmend dünn, unangenehm konstruiert und nicht durchdacht. Das wirkt dann nur noch wie ein „Tatort“ im alten Berlin. Die immer noch tolle Kulisse kann das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verdecken. Vermutlich ist das überhaupt das Problem deutscher Produktionen: Es gibt keinen guten Stoff zum Verfilmen. Und neue Inhalte, nur fürs Fernsehen, werden auch nicht geschaffen. So bleibt man weiterhin in Deutschland hinter der englischsprachigen Konkurrenz zurück. Leider.
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