Serienmeisterwerk "Babylon Berlin" Weltmeister der Angst

Das teuerste deutsche Serienprojekt aller Zeiten: "Babylon Berlin" über die Zeit zwischen den Weltkriegen ist Fernsehkunst mit brandaktueller Botschaft - wer über die Angst herrscht, hat die Macht.

ARD/ Frederic Batier

Von


Kranke Zeiten erfordern kranke Flirts. In "Babylon Berlin", dem großen schwindelerregenden Gesellschaftspanorama über die Weimarer Republik, über ein gar nicht so fernes Land zwischen Todestaumel und Zukunftstrunkenheit, geht der Flirt so: Der junge Mann trägt einen Stapel mit Fotos, auf denen explizite sadomasochistische Darstellungen zu sehen sind, Herren mit Schnurrbärten, die sich von Walküren den Po verhauen lassen etwa. Die junge Frau trägt einen Stapel mit Fotos von grausam zugerichteten Mordopfern, Leichen ohne Köpfe, halbverbrannte Arme und Beine.

Dann stoßen die beiden zusammen, die Fotos wirbeln durcheinander. "Ich hoffe, sie sind von der Sitte", sagt sie, als sie die SM-Bilder sieht. "Und ich hoffe, sie sind von der Mord", erwidert er mit Blick auf die Leichenbilder.

Schließlich suchen die beiden lachend die auf dem Boden des Polizeireviers verteilten versohlten Hinterteile und verkohlten Gliedmaßen zusammen. Er, Kriminalkommissar Gereon Rath (Volker Bruch), vom Ersten Weltkrieg seelisch verwüstet, jetzt auf Morphium unterwegs. Sie, die Gelegenheitsprostituierte Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die nachts in den Katakomben eines Tanzsaals in Fetischkleidern anschafft und tagsüber für ein paar Groschen Katalogisierungen für das Morddezernat vornimmt.

In der ersten Staffel der Serie - sie ist in zwei Blöcke mit je acht Folgen à 45 Minuten gegliedert, eine dritte und vierte Staffel wurde gerade in Auftrag gegeben - werden die beiden noch kein Paar. Aber schon in ihrem frühen Aufeinanderprallen sind alle Kraftströme präsent, durch die "Babylon Berlin" vorangetrieben wird: der Trieb und die Angst, die Todessehnsucht und die Zerstörungslust.

Caligari! Nosferatu!! Mabuse!!!

Das ist das Bewundernswerte an dieser Mega- und Meta-Serie, die von den drei Filmemachern Henk Handloegten, Achim von Borries und Tom Tykwer nach der Romanvorlage von Volker Kutscher in Szene gesetzt wurde: wie leichthändig historische und kulturelle Subtexte mitgeliefert werden, ohne dass der Plot ins Schlingern gerät. "Babylon Berlin" schnurrt als Verschwörungsszenario ab wie die besten US-Serien - und steht doch voll in der Tradition eines urdeutschen Angstkinos.

In dem effizient ausgeleuchteten Setting, das im Zweifel die psychologische Stimmigkeit der historischen Akkuratesse vorzieht, glaubt man beständig die großen Dämonen und Doktoren der frühen deutschen Filmkunst als Schatten an der Wand zu sehen: Caligari! Nosferatu!! Mabuse!!!

Fotostrecke

12  Bilder
Serienmeisterwerk auf Sky: Berlin im Rausch

Auch in der neuen deutschen Serie sind Psychozauberer, Kopfkinospielleiter und Alchimisten der Angst am Werkeln. So wie in Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1919) der schlafwandelnde deutsche Patient nach den Stahlgewittern des Ersten Weltkriegs in der Gummizelle des zwielichtigen Therapeuten landet, so wie in Fritz Langs ersten beiden "Dr. Mabuse"-Filmen (1922 und 1933) ein monströser Überwachungsapparat die taumelnden Massen zu lenken beginnt - so sehen sich die Figuren in "Babylon Berlin" widerstreitenden, ominösen Mächten ausgesetzt.

Zwischen Babylon und Berghain

Bei ihren gemeinsamen Untersuchungen geraten Gereon Rath und Charlotte Ritter zwischen die Fronten: Hier die "schwarze Reichswehr", die geheime paramilitärische Organisation, die unter Verletzung des Versailler Vertrags die Wiederaufrüstung Deutschlands inklusive chemischer Kampfstoffe probt. Dort ein trotzkistischer Kampfverband, der einen Eisenbahnwaggon voll Gold über Berliner Gleise nach Russland lenken will, um die Konterrevolution zu finanzieren.

Und mittendrin der Gangsterkönig (Misel Maticevic), der in seinem glamourösen Tanzsaal Moka Efti alle zusammen tanzen lässt: die Morphinisten, die sich vom Gestern noch nicht erholt haben, die Großmannssüchtigen, die von einem zweifelhaften Morgen träumen. Es wird Morphium geschluckt, Opium gespritzt, es tropft der Absinth auf Zuckerwürfel. Ein wunderbarer, ein doppelbödiger, ein schmerzhaft satter Rausch.

Trailer "Sündenbabel Berlin"

SPIEGEL TV

40 Millionen soll "Babylon Berlin" gekostet haben. Am Donnerstag feierte er in Berlin Premiere, ab 13. Oktober läuft er bei Sky. Es ist die teuerste deutsche Serie aller Zeiten, die nur durch die riskante Kooperation des Bezahlsenders Sky und der öffentlich-rechtlichen Anstalt ARD entstehen konnte (Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit ARD-Programmdirektor Volker Herres über das umstrittene und schwierige Finanzierungskonzept .) Gerade in den Massenpartyszenen zeigt sich das Geld - und gerade hier lösen sich die Filmemacher am stärksten von historischen Vorgaben und führen direkt in die Berliner Gegenwart: Das Moka Efti mit seinen unterirdischen Sex-Separees erinnert an das Berghain und seine Darkrooms, in den Bars tummelt sich queeres Leben wie heute in Kreuzberg oder Neukölln.

Trotzdem muss man vorsichtig sein mit den Rückschlüssen. Nein, 1929 ist nicht 2017. Die Wahlkampfagonie der letzten Tage samt Erstarken der AfD hat nichts mit der Todessehnsucht und totalitären Abenddämmerung der Weimarer Republik zu tun. Aber eine gewisse Parallelität zum Wut-und-mutlos-Deutschland anno 2017, zum Hauptstadt-Feeling des ewigen, atem- und ziellosen Umbruchs kann man dem TV-Panorama nicht absprechen: Hier hat die Macht, wer die Angst beherrscht. Eine zentrale Figur ist deshalb ein Psychologe, der als einziger die seelischen Deformationen der Kriegsheimkehrer wahrnimmt, um sie zu instrumentalisieren.

Ein, wie oben aufgezeigt, typischer teutonischer Topos. Dieser drogensatte, zeitgeschichtsgesättigte, neurosenbefeuerte Trip ist bester deutscher Serienstoff. Es könnte sein, dass "Babylon Berlin" die erste große deutsche TV-Produktion seit "Das Boot" ist, die wirklich relevanten Erfolg im Ausland hat. Ach, sagen wir ruhig: Wir sind wieder wer, wir Weltmeister der Angst.


"Babylon Berlin", ab 13. Oktober bei Sky, ab Herbst 2018 in der ARD
Begleitend läuft am 16. Oktober, 21.50 Uhr, die zweiteilige Dokumentation "Sündenbabel Berlin" auf SPIEGEL GESCHICHTE



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
auweia 29.09.2017
1. Hmm...
Ich weiß nicht ob ich mir die Serie ansehen werde - ich mag die Bücher zu sehr....
brooklyner 29.09.2017
2.
Schade, dass das anscheinend erst in einem Jahr in der ARD läuft. Ein Bisschen früher wäre auch nicht schlecht gewesen - vielleicht so im Dezember? Es gilt zu hoffen, dass nicht wieder irgendwelche deutschen Hinterhofmimen wie z.B. bei Krabat die Romanvorlage versauen - aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
di wa 29.09.2017
3. Mir geht es...
...wie @auweia. Das was dieser Artikel über die handelnden Charaktere schreibt, lässt erhebliche Abweichungen von den Büchern erwartet - und ob der Kenner der Bücher damit glücklich wird?
ed_knorke 29.09.2017
4. Politische Bildung spannend verpackt
Die Bücher sind absolut lesenswert. Der Untergang der Weimarer Republik und die Machtergreifung der Nationalsozialisten sind sehr authentisch beschrieben. Die Entwicklungen an den politischen Polen der Gegenwart erinnern heute an vieles von damals.
Atheist_Crusader 29.09.2017
5.
Zitat von di wa...wie @auweia. Das was dieser Artikel über die handelnden Charaktere schreibt, lässt erhebliche Abweichungen von den Büchern erwartet - und ob der Kenner der Bücher damit glücklich wird?
Ich kenne die Bücher jetzt nicht, aber was einem generell gut hilft, Verfilmungen zu überstehen: Einfach beides als zwei unabhängige Geschichten betrachten, die zufällig eine ähnliche Handlung haben. Dann halten sich die Enttäuschungen in Grenzen und man kann sich auf die Serie als eigenständiges Werk konzentrieren. Buch und Film sind nunmal zwei sehr unterschiedliche Medien mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Eine originalgetrue Übertragung würde keinem der beiden gerecht werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.