RTL-Kuppelshow "Der Bachelor" "Ich sehne mich nach Liebe und Leidenschaft"

"Nein, nein! O Gottogott, nein! Da steht er! Er ist dunkelhaarig! Guck mal, wie der guckt!" Ja, ja, es ist wieder so weit, RTL lässt einen "Bachelor" nach der großen Liebe suchen. Folge 1 kommt daher wie das Vorspiel für einen Softporno auf "Miami Vice"-Basis und Valium.

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Wer etwas lernen will über das Frauenbild in unserer Gesellschaft, der sollte unbedingt "Der Bachelor" einschalten. Hier lernt man auch etwas über das Männerbild in Deutschland. Und dass beide Bilder komplementär sind.

Männer sollten demnach idealerweise sein wie Leonard, 30, aus Berlin. Muckibudenoberkörper, Silberblick, Lispeln, süß, süß, süß. So höflich. Und ernsthaft. Es ist auch kein Fehler, wenn er seine erste Firma bereits mit 21 verkauft hat und seitdem erfolgreich Unternehmen berät.

Da steht dann einer wohlwollenden Prüfung seiner Persönlichkeit durch Franziska, Debbie, Steffi, Saskia, Sarah, Romina, Vivian, Annika, Annie, Jasmin, Leonie, Leonie Sophie oder Leonie Rosella eigentlich nichts mehr im Weg.

Und so hyperventilieren die Damen bereits bei der ersten Anfahrt auf die Villa in Miami: "Nein, nein, O Gottogott, nein! Da steht er! Er ist dunkelhaarig! Da steht er! Guck mal, wie der guckt! Meinst, der sieht uns! Boah, das ist ein Mann! Ich wollte unbedingt einen Mann!"

BWL-Disney-Prinz mit einem Hauch von Christian Grey

Frauen wie RTL sie uns vorführt haben also Bedarf. Nach einem Mann, "der die perfekte Mischung aus Arschloch und Hündchen ist". Tradition in unserer Kultur hat auch das deutliche Macht- und Statusgefälle zwischen Mann und Frau, weshalb dem Unternehmensberater medizinische Fachangestellte, Friseurinnen, Visagistinnen, Models, Stripperinnen oder Einzelhandelskauffrauen zugeführt werden.

Eine einzige Frau trägt Brille, keine einzig kurze Haare. Das ideale Paar ist ein BWL-Disney-Prinz mit einem Hauch von Christian Grey an der Seite von Barbie. Die Anbahnung verläuft freilich noch züchtig, 22 Kandidatinnen wollen alle gleichermaßen charmant begrüßt und in die Villa in Miami gelotst werden. Das kostet Sendezeit, die mit Einschätzungen des Bachelors gefüllt werden: "Sie hat viele Tattoos, das kann schon auch sexy sein." Oder: "Es ist ein unglaublich megageiles Haus. Man kommt in die Villa rein und ist natürlich gleich beeindruckt".

Als die giggelnden Hühner endlich alle auf der Stange hocken, macht der stolze Hahn die Runde. Kennenlernen. Es wird Sekt getrunken und mit flatternden Glitzerkleidern im Wind herumgestanden, ständig spannen die Kandidatinnen einander den Prachtkerl aus: "Darf ich ihn mal kurz entführen?" Hier kommt auch die erste Würze ins Spiel, indem manche Frauen avancierte Flirttechniken zur Anwendung bringen und sich der Begegnung entziehen: "Ich will mich erobern lassen." Clever.

Nun kann auch der Bachelor sich besser vorstellen. Aus dem Sack lassen beispielsweise, dass er eine kleine Tochter hat, was für eine Kandidatin "jetzt nicht so ein großes Problem ist", aber irgendwie doch. Für sie, nicht für ihn. Er sehne sich nach Liebe und Leidenschaft, ließ Leonard schon vorab wissen. Und nun: Er suche nicht "eine Immobilie in Berlin", sondern auch "eine Frau, mit der ich gemeinsam nochmal Kinder zeugen kann". Und nochmal. Und nochmal.

Erstmals eine weiße Rose

Angetanzt wird aber noch nicht, fleischlicher wird's erst in der zweiten Folge an Deck einer Yacht, wie die Vorschau verrät. Einstweilen sind die Unterhaltungen zwischen Mann und Frau von tastender Höflichkeit. Er: "Was machst du im Leben so?" Sie: "Ich bin medizinische Fachangestellte." Was man eben auf einer Party so redet, wenn man noch nicht betrunken genug ist: "Wo kommst du her?" - "Aus Berlin." - "Nein! Ich komm auch aus Berlin!" - "Ja? Hab dich da noch nie gesehen!" Was nur halb so banal klingt, wenn dazu im Hintergrund ein Klavier claydermannt.

Das sieht aus und fühlt sich an wie das zweistündige Vorspiel für einen Softporno auf "Miami Vice"-Basis und Valium. Bis zuletzt endlich die Rosen verteilt werden. Es gibt nur 17 Rosen für 22 Frauen und damit fünf geplatzte Träume, erste patzige Kommentare und das erste verwischte Make-up.

Und es gibt erstmals eine weiße Rose. Sie bedeutet nicht nur eine besondere Gunst des Mannes. Sondern auch das Recht, jederzeit in "Dates" ihrer Mitbewerberinnen zu stöckeln und den Bachelor "zu entführen". Bei diesem Joker handelt es sich also um einen Brandbeschleuniger für telegene Gefühle wie "Hass" und "Neid" im Harem.

Im Grunde ist diese weiße Rose nichts anderes als der goldene Zankapfel aus dem Urteil des Paris. Griechische Mythologie also, Fundament humanistischer Bildung. Dochdoch, beim "Bachelor" kann man Einiges lernen.



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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
bauigel 28.01.2016
1. Wo sind sie?
Bei solchen Shows frage ich mich immer, wo der Aufschrei der Emanzen. Genderfans, Quotenverfechter, etc. ist. Nicht nur, dass hier ein trauriges Frauenbild kolportiert wird, nein, eigentlich müsste man daraud klagen, dass von den 22 Bewerber(innen) auch die Hälfte Männer sein müssen. Denn nach dem GG darf niemand wegen seines Geschlechts wegen benachteiligt werden.
cak81 28.01.2016
2.
Der erste Bachelor, der zwei Ladys gleichzeitig in die Augen schauen kann. Das muss ihm erstmal jemand nachmachen.
spiegelfrauchen 28.01.2016
3. Stöckelalarm
Sehr lustige Zusammenfassung ! Ich habe die Sendung zwar nicht gesehen , aber hier wird es auf den Punkt gebracht . " Claydermannt " - tolle Wortschöpfung .
fiftysomething 28.01.2016
4. Diese Sendung
bestätigt leider alle meine Vorurteile. Diese Eindimensionalität..... Wahnsinn!
granathos 28.01.2016
5. Sturmgeschütz des Trash
Sturmgeschütz der Demokratie!?! Lang ist es her. Seitenlange "Besprechungen" aus MinusNiveau über Fernsehtrash wie Dschungelcamp, Bachelor oder diesen unsäglichen PolitTalks a la will, Plasberg oder maischberger. Aber das ist natürlich auch home office heaven - bei chips und beer zu trash ablästern und dafür den nächsten Tag blau machen. Aber ab und an juckt doch die JournaillistenSeele. Dann wird zum Halali geblasen. Waren es vor Kurzem noch hohes Wild wie Präsidenten und Bischöfe, so sind es jetzt kiffende Barden. Bei Herrn Naidoo ging man sogar über selbst Leutchen zu dissen, die nur Kontakt (noch) mit ihm öffentlich zu wagen sich erlaubten. Gut das Rudi, Gott hab ihn selig, dies nicht mehr erleben muss.
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