"Bachelor in Paradise" Alle so schön durchblutet hier

Hey! Ja Wahnsinn, Servus, da seid ihr ja alle wieder! RTL schickt bei "Bachelor in Paradise" seine schillerndste Resteware in eine neue Dating-Runde. Spoiler: Das mit dem "Paradies" ist gelogen.

RTL

Von


Die Sendung ist noch keine fünf Minuten alt, da brüllt man selbst schon aus Leibeskräften. "Wer ist schon gern allein?" fragt, beziehungsweise: frägt Johannes, ausgemusterter "Bachelorette"-Kandidat, schon wieder mit diesem grauslichen Schmier in der Stimme, dass man vor dem Fernseher reflexhaft ganz laut "Ich. Ich! ICH!" ruft, nur vorsichtshalber.

Selbst das ungemütlichste Eremitenleben unter einem Stein scheint ja erstrebenswerter als eine Verschiffung zu "Bachelor in Paradise", der neuen, garantiert würdefreien Resteverklappung schwer vermittelbarer Wackelexistenzen aus dem RTL-Fundus. Die Sendung, angesiedelt auf einer thailändischen Insel, ist im Prinzip "Love Island", nur mit ausführlichem Fußnoten-Apparat: Jeder und jede hier hat eine Trash-Vergangenheit als Teilnehmer vergangener "Bachelor"- oder "Bachelorette"-Ausgaben, sei es als Aussortierte, sei es als Aussortierer, und jeder und jede weiß natürlich um diese Vorgeschichten, man kennt sich, man hasst sich: Ey, bist du nicht die, die unter meinem einen Instagrambild so blöd kommentiert hat?

Trash-TV-mäßig nicht ganz sattelfesten Zuschauern würde man da gerne ein kleines Heftchen "Erläuterungen und Dokumente" in die Hand drücken, denn je mehr man von diesen kleinen Implikationen kennt, desto größer ist der Spaß an "Bachelor in Paradise". Aber glücklicherweise gibt es auch reichlich Trottelszenen, die absolut selbsterklärend sind.

"Kannst du Zwicki machen?", fragt Domenico gleich nach seiner Ankunft den bedauernswerten, englischsprechenden Barboy, der ihn nämlich direkt mal kneifen soll, ob die vor ihm liegende Herrlichkeit des Fummelresorts auch wirklich, wirklich wahr sei - Zwicki machen eben. Denki machen hat Domenico dagegen offenbar bereits kategorisch ausgeschlossen, das belegt seine Bewertung von Erika, die gleich nach ihm einzieht: "Schöne Zähne, schönes Lächel."

Dauernd fehlt bei Flexions-Flexitarier Domenico irgendwo ein n, ist ein m zu viel oder eine Redewendung joeyheindlehaft verknappt: "Ich würde sagen: Niemals nie." Auch Johannes (der seine TV-Repräsentation bei der "Bachelorette" offenbar so gelungen fand, dass er die Szene direkt wieder mit seinem Trademark-Polokragenhochklapper-Duktus "Hey! Ja Wahnsinn! Hey Servus!" betrat) lässt nicht nur Sprachmonks innerlich dampfen: "Ich empfange jeden mit offenen Armen, wie Jesus den verlorenen Sohn", erklärt er, versucht es dann leider immer wieder mit kosmopolitisch gemeinten und provinzgeckig ausgeführten Fast-richtig-Wendungen wie "now we talking" oder "Walla!", wenn er "Voilá!" meint.

Zu wenig Klasse hätten hier die Frauen, mäkelt dann der Mann, der gerade mit tatsächlich wirklich körperlich schmerzhaften, antik-sexistischen Salbadereien ein Unterwäschelabel namens "Madonnawhore" launchen will, und es für einen casanovamäßigen Schachzug hält, alle Frauen wahllos mit "Prinzessin" anzusprechen (praktisches Anwendungsbeispiel: "Prinzessin, ich muss so dringend auf Toilette").

Man würde gerne lehrerlempelhaft mit einem Rotstift für Personen durch die Reihen gehen und diesen ganzen Brabbel korrigierend durchschneisen, aber statt mal solch ein praktisches Werkzeug als echte soziale Innovation auf den Markt zu bringen, kürte Carsten Maschmeyer just am selben Abend in irgendeinem entlegenen Internetwinkel ja lieber bizarre Shaping-Strümpfe für die weiblichen Oberarme aus dem gehobenen Bodyshaming-Bedarf zur gründerischen Neuentwicklung des Jahres. Man könnte es sich in seiner Behämmertheit tatsächlich nicht ausdenken.

Fotostrecke

7  Bilder
"Bachelor in Paradise": Im Fegefeuer

Wie auch die Blödchendarstellerin Evelyn bei "Bachelor in Paradise" selbst den schamlosesten Krachpointenschreiber mühelos in die Knie zwingen würde. "Ich finde Johannes süß, habe aber noch nicht richtig sein Gesicht gesehen, weil hier so viele Schatten sind", schmollmündelt sie erst. "Du siehst so schön durchblutet aus", komplimentiert sie dann Christian - der, wenn es in dieser Welt gerecht zuginge und jeder überlebte Datingshow-Einsatz mit einem Orden ausgezeichnet würde, schon allerhand Blingbling am traditionell tief hängenden V-Ausschnitt-Revers hätte: Er war Kandidat bei der deutschen "Bachelorette", gewann dann bei der schweizerischen Version (Beziehung aber nach vier Monaten wieder futschi) und machte, was bei seiner Vorstellung allerdings verschwiegen wurde, bei "The Bachelor Winter Games" mit, was offenbar die international besetzte Frostvariante von "Bachelor in Paradise" war, die in den USA humorhalber im vergangenen Februar parallel zu den Olympischen Winterspielen ausgestrahlt wurde.

Auch wenn alle Kandidaten hier einer gewissen Tragik nicht entbehren, die traurigste Figur ist wahrscheinlich doch Carolin. Sie wurde von Bachelor Oliver Sanne im Finale abserviert - na, und jetzt raten wir mal alle zusammen, wen sie nun aus-ge-rechnet, Zufälle gibt's, bei "Bachelor in Paradise" wiedertrifft? Gerne würde sie, so scheint es, wieder mit ihm anbändeln, trotz alledem und alldem - er schaut sich derweil lieber erst einmal die allgemeine Auslage an.

Sie schäumt schon vor Wut, wenn er nur mit einer anderen Kandidatin spricht, er genießt es ganz offensichtlich, in ihr eine veritable Fall-Back-Option zu haben, falls es doch nichts wird mit beispielsweise Yeliz (die ihre Genre-interne Berühmtheit aus der Ohrfeige bezieht, die sie dem letzten Bachelor verpasste, sich aber bislang so statuesk aktionslos zeigt, dass sie sich nur noch großflächig mit Silberfarbe anpinseln müsste, um als Starr-Mime in diversen Fußgängerzonen ordentlich Bimmelgeld einheimsen zu können). Carolin macht sich klein, Oliver macht sich groß, beides ist beim Zuschauen fast nicht auszuhalten.

"Na, gibst du dir noch ein bisschen Mühe, bevor ich die Rose vergebe?", fragt er sie dann auch rundheraus ekelhaft. Abwechselnd dürfen im "Paradise" Männer und Frauen die Rosen verteilen und so entscheiden, wer rausfliegt. In der ersten Folge trifft es Erika, die würdevoll dem allgemeinen Lächelzwang widersagte, und Lina, von der man nicht viel mitbekam.

Nicht der Himmel, sondern ganz klar das Fegefeuer

Nur noch einmal vorsichtshalber, falls es nicht jeder mitbekommen hat: Das bachelorsche "Paradise" ist in Wahrheit gar nicht das Paradies. Nicht der Himmel, sondern ganz klar das Fegefeuer. Jener Zwischenort, an dem die armen Seelen darben müssen, die bei ihrem letzten Stündlein leider nicht redlich genug gelebt hatten, um nach ihrem Tod sofort in den Himmel auffahren zu dürfen. Oder, wie es im RTLisch-katholischen Glauben heißt: Sie waren bei ihrem Rauswurf aus ihren jeweiligen "Bachelor"-Staffeln einfach trashmäßig noch nicht ganz ausgereift, um sofort ins Dschungelcamp einziehen zu dürfen. Die armen Sünder müssen im Fegefeuer erst ihre restlichen Vergehen abbüßen, bevor sie erlöst werden - und die Niveauleichen im "Paradise" noch ein bisschen an ihrer Proll-Persona schrauben.

Beim echten Fegefeuer sollen die armen Seelen schneller erlöst werden, wenn recht viele noch Lebende für sie beten, sagt man. Na gut, man kann es ja mal probieren: #PrayForBachelorInParadise

Zur Autorin
  • Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum "Buffy the Vampire Slayer" eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: "Everything bad is good for you" - und dass auch "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Seit April 2015 ist sie Autorin für SPIEGEL ONLINE.
Mehr zum Thema


insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Francesca F. 10.05.2018
1. mir stellt sich die Frage
wen ich Meer bedauern soll. Die grenzdebilen Bachelor Kandidaten oder die Tussen, die falls sie nicht in dieser Show auftreten ,im Bahnhofsviertel oder im alltäglichen Trash TV enden würden. Ob Männlein oder Weiblein: welcher Arbeitgeber stellt denn solche duch das TV genudelte Kandidaten ein? Aber das ist denke ich völlig unerheblich, da die sowieso nicht ernsthaft einen Job suchen sondern versuchn sich so durchs Leben zu mogeln und in 20 Jahren heißt es Naddel lässt grüßen...Glück auf !
niska 10.05.2018
2.
In Erwartung einer Rützelspektive haben wir uns das neue Format angetan. War dann doch kurzweiliger als befürchtet. Bei Italian Stallions Zwicki mussten wir uns dann erstmal richtig beömmeln. Viel stelzbockiges Fremdschämpotential durch meine Geschlechtsgenossen war auch vorhanden. Drei Szenen waren ebenfalls noch erwähnenswert: 1. Quotengold Ex-Batschelor Sanne fragt seine Fast-Ex Caro, was sie denn die letzten drei Jahre gemacht habe. Sie antwortet (vielleicht dem Schnitt gechuldet, aber egal): "Haben mir die Lippen aufspritzen lassen, (entschuldigend, ob des vielleicht nicht mehr in ihrem Sinne vorhandenen, Ergebnisses:) ist aber schon etwas her. Und die Agenbrauen habe ich mir tätowieren lassen. Sonst nichts, ehrlich." Man will ihr gerne glauben. 2. Toilettendreier: Sanne geht mit Christoph oder Christian und einer der nicht näher definierten geblondeten Damen auf WC-Tour. Während Sie kurz verschwindet preist Sanne dem Anderen diese Dame in bester Rosenverkäufermanier an. Sie kommt zurück und meldet, dass das Oberlichtfensster geöffnet gewesen sei, sie aber gar nichts gehört habe. Geht dann aber im Schnellgang ab. Zwinkerzwinker. 3. Rainy Jeepdate mit Pam und einem, der irgendwas mit Grippe macht. Das war fast normal und erträglich in der Performance. Pam scheint wirklich nett zu sein. Das mit dem Schirm war lustig. Er war etwas zu kompakt für seinen rechten Bizeps und das Mädel. So war irgendwann der Oberarm im Trockenen, Pam näher auf ihm drauf und sie bekam dazu noch eine kostenlose Rückendusche. Das lies bei beiden aber die gute Laune nicht abebben. Gentleman in Zeiten von Youtube scheint anders definiert als früher.
dasfred 10.05.2018
3. Frau Rützel über den RTL Recyclinghof
RTL, Vorbild für alle, die nichts wegwerfen können hat Frau Rützel wieder eine Steilvorlage geliefert. Diese köstliche Beschreibung der tiefgründigen Charaktere, die angetreten sind, die nächsten Wochen das Spiel der Liebesbalz neu zu erfinden, hat mich tief bewegt. Schade, dass RTL nicht merkt, dass der wahre Humor erst durch Frau Rützels upcycling entsteht.
marjebrun 10.05.2018
4. Ehrlich gesagt ..
... kenne ich RTL und deren privaten TV Sender Freunde, sowie deren (sehr speziellen) Sendungen nur durch Frau Rützel. Für die sehr gelungenen Beiträge bin ich ihr arg dankbar, aber für RTL und privat Konsorten. Ik wees ja nich.
mirage122 10.05.2018
5. Karlspreis für Frau Rützel!
Herr Macron geht heute leider leer aus, weil der Karlspreis an Frau Rützel vergeben wird. Es ist eine enorme Leistung, die die Schwelle einer Schmerzgrenze völlig ignoriert, sich diesen totalen Schwachsinn anzutun. Sind die Fernsehzuschauer wirklich so derartig prollig? Das tut ja weh! Danke für Ihren Beitrag, Frau Rützel und wir damit am Allgemeinzustand der "deutschen Kultur" teilhhaben dürfen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.