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19. Juli 2018, 07:53 Uhr

"Bachelorette"-Auftakt bei RTL

Möchtest du diese Wanduhr annehmen?

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Die gute Nachricht für "Bachelorette"-Traditionalisten: Ja, ein Paul-Janke-Doppelgänger ist auch wieder dabei. Die schlechte: leider nur einer. Dafür gibt es Untenrum-Pantomimen, Brüllaffen und Ramsch-Verschenker, auch gut.

Okay, folgende Idee: Nachdem bei der "Bachelorette" nun offenbar in jeder Staffel mindestens ein Paul-Janke-Doppelgrinser dabei sein muss - vergangene Staffel Ja-Wahnsinn-Johannes, dieses Mal Westernreiter Jan - und das kiemenstarke Original erst letztens bei "Bachelor in Paradise" bewiesen hat, dass er zum absoluten Premium-Personal des RTL'schen Dating-Tresters gehört - wäre es da nun also nicht eine gute Idee, die nächste "Bachelorette"-Staffel komplett mit Paul-Ähnlichsehern zu besetzen?

Damit man sie besser unterscheiden kann, könnte man ja kleine Charaktervariationen einbauen: Deep Paul, der ständig Coelho zitiert, Dark Paul, der ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt (Spoiler: Er war früher mal dick!), Sad Paul, den man am einfachsten von den anderen unterschieden kann, weil er niemals lacht, und Bad Paul, der ein falsches Spiel mit der Bachelorette treibt und sich mit seiner Teilnahme eigentlich nur in den ewigen Trashkandidaten-Wiederverwertungszyklus einspeisen will. Es wäre von der Aufgabenverteilung her also ein bisschen wie bei den Spice Girls, nur mit mehr Zähnen.

Naja, war ja nur so eine Idee. Zugegebenermaßen haben die Caster bei der Besetzung der gestern angelaufenen "Bachelorette"-Staffel auch ohne Janke-Armada hervorragende Arbeit geleistet, wenn man das nach den ersten paar Stammelimpressionen beim auftaktfolgentypischen Defilee der Kandidaten schon beurteilen kann.

Ein Tänzer, der sich nach eigenen Angaben "freshmatic" findet

Ist es eigentlich die RTL-Entsprechung von "Frauen verdienen bei uns weniger", dass Bachelorette Nadine ihren Willigen-Wühltisch auf Korfu aufgestellt bekommt, während ihre männlichen Bachelor-Kollegen stets in Übersee-Destinationen stelzbocken dürfen? Egal, Nadine kennt ja eh beides: Sie nahm weniger erfolgreich - oder, je nach Perspektive, sehr erfolgreich - an der jüngsten "Bachelor"-Staffel teil und flog dort unbezüngelt raus, bevor es ans Eingemachte ging. Good for her.

In ihrer eigenen Staffel hat man ihr nun eine Männerauswahl zusammengetrieben, die alle wichtigen dramaturgischen Anforderungen an das Format berücksichtigt: Es gibt den dunkelhaarigen Hübschi-Block, der sich "Abbildung ähnlich"-mäßig ihrem optischen Wunschbild annähert. Und es gibt, wie bei einem guten Büfett, ein paar sonderbar in Form geschnitzte Radieschen und schmierige, majogefüllte Eier-Mäuse als Deko.

Eddy ist zum Beispiel ein solch spezielles Schneeflöckchen: Ein Tänzer, der sich nach eigenen Angaben "freshmatic" findet und "sich nimmt, was er will". Also beim Frühstücksbüffet zum Beispiel nicht zum Joghurt greift, wenn es ihn eigentlich nach Rührei gelüstet, das macht sein Leben natürlich einfacher. Er brünftelt direkt los, als er beim ersten Treffen mit Nadine aus dem Auto aussteigt, und brüllt sinnlos in die Nacht. An ihm werden wir noch viel Freude haben.

Da schnalzt der Deskriptionsromantiker mit der Zunge

Konkurrent Jorgo führt, das hat Seltenheitswert bei derlei Formaten, das Wort "Infinitiv" locker im Munde und singt Nadine zur mitgebrachten Klampfe ein Ständchen, von dem man tatsächlich glaubt, dass es an Ort und Stelle improvisiert ist: "Schön, dass du hier bist / mit deinen wunderschönen Augen / dein Kleid hast du dir gut ausgesucht / du gefällst mir richtig gut" - da schnalzen die Deskriptionsromantiker unter den deutschsprachigen Trällerpopbuben anerkennend mit der Zunge.

Anschließend kommen auch die Trödelfreunde auf ihre Kosten, denn Jorgo überreicht Nadine als Geschenk eine ausgesucht hässliche Wanduhr (und eine Batterie), weil er sich mit ihr "eine gute Zeit" erhoffe. Vielleicht bringt er zum ersten Date ja einen Spaten mit, weil er sich tiefgehende Gespräche erhofft.

Fast schon rührend aus der Zeit gefallen ist Werber Sascha, der im Vorstellungsvideo ausführlich über seine Liebhaber-Qualitäten spricht ("Am Anfang zärtlich, in der Mitte hart, dann wieder zärtlich") und der "Bachelorette"-Fachterminologie mit dem geübten Blick eines Zuchtgans-Preisrichters eine schöne neue Formulierung schenkt: "Die steht aber gut im Strumpf", urteilt er, als er aus der Rankarr-Limousine den ersten Blick auf Nadine werfen kann.

"Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick, oder soll ich nochmal aussteigen?", fragt er sie dann, der Fast-Vierziger kennt seine frechen Sponti-Sprüche aus den Achtzigern. "Flacher Spruch", urteilt Nadine, später wird sie Sascha verdientermaßen, aber auch bedauerlicherweise keine Rose geben.

"Riecht nach 30"

Eine Perle des Teilnehmerfeldes ist auch Manuel, der in seinem Vorstellungsvideo entweder einen bislang noch wenig bekannten Fortnite-Tanz aufführt oder tatsächlich die Blitzpantomime einer masturbativ herbeigeführten Ejakulation präsentiert. Er kennt sich mit Schönheits-OPs aus, obwohl er eigentlich Orthopäde ist, und analysiert anhand eines Nadinschen Lippenabdrucks auf dem Begrüßungsbrief an die Kandidaten direkt mal aus dem Stand ihr Labialwulst-Verhältnis: "Oberlippe zu Unterlippe sollten eigentlich 1,6 zu 1 sein."

Verstörender wird es nur, als sich die versammelten Kandidaten durch die Bestandteile von Nadines "zufällig" in der Männervilla vergessenen Handtasche schnüffeln wie ein Rudel Schweißhunde, die gleich in unwegsamem Gelände ein waidwundes Rehlein aufstöbern sollen. Sogar ihre Sonnenbrille wird berüsselt, als sei Schläfenschweiß und Nasenrücken-Transpirat besonders ergiebig? Kai vermag am Tuch direkt das Alter zu erschnuppern: "Riecht nach 30". Später wird Vadim sagen, er freue sich darüber, dass die Bachelorette dieses Mal "eine ältere Dame ist". 32, um genau so sein.

Der Rest des Teilnehmerfelds ist dann stabile Standardware: DJ Sören hat Nadine eine CD gebrannt, bisschen R'n'B ist auch dabei, Filip haucht sich nochmal in die Hand, und Andi mit dem sonderbaren schwarzen Schäferhut, Uhubrille und gestreiftem Jäckchen ist ganz offensichtlich der arme Tropf, der eine Wette verloren hat und sich deshalb anmelden musste.

Und wie ist die Bachelorette so? "Wir sehen uns gleich wieder, mit Schnittblumen", verabschiedet sie sich, bevor sie vor der Entscheidung in ihr Kontemplationskämmerchen geht, und da staunt man nicht schlecht. Man kramt in seinen vermockten Format-Erinnerungen: Hat eine Bachelorette in der Vergangenheit eigentlich jemals einen Witz gemacht, noch dazu über das heilige Hochamt der Nacht der Rosen? Es könnte eine amüsante Staffel werden. Und die Janke-Sonderausgabe dann halt nächstes Jahr.

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