"Bachelorette"-Finale Sie bricht uns das Herz

Nadine hat ihre letzte Rose vergeben, an Alex. Das ist nicht nur traurig für Daniel, sondern vor allem für die schafsäugigen Zuschauer mit der Hoffnung, diese Bachelorette könnte ausnahmsweise einmal Humor beweisen.

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Dieses Mal müssen wir es persönlich nehmen. Dass die immer ein bisschen süffisant stülplippige Nadine, die erste Bachelorette mit mehr als nur schemenhaft durchschimmernder Ironiebegabung, das übliche Schmierentheater tatsächlich bis zum Ende durchzog und mit heiligem Kitschernst die traditionelle Final-Litanei herunterleierte: Ich mag sie doch beide so sehr, einen von beiden werde ich verletzen müssen, ich habe Angst, mich falsch zu entscheiden. Das kränkte zumindest jene "Bachelorette"-Zuschauer, die in kindlicher Naivität immer noch glauben, dieses Format könnte mehr sein als der zementierte Weibchen-Männchen-Bullshit, der er ist - noch viel mehr, als es Daniel kränkte, dass er am Ende nicht die letzte Rose bekam.

Mit Nadine waren wir Fantasten so nah dran wie nie an der utopischen Hoffnung, derentwegen wir den ganzen Käse eben doch immer wieder Staffel für Staffel anschauen: Dass endlich ein Bachelor oder eine Bachelorette zu ihrem oder seinem erhofften Liebesobjekt sagen würde: "Komm, ich schneide uns ein Loch in den Zaun, ich besteche die scharfen Dobermänner mit den Wurstzipfeln, die ich mir seit Wochen beim Frühstück abgespart habe, wir hauen einfach ab, pfeifen auf die Kameras und schauen, ob

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"Bachelorette"-Finale: "Dein Ernst?"

wir uns tatsächlich mögen." Alle Datingshow-Formate würden sofort zu Staub zerfallen, der Vorhang im RTL-Foyer würde in der Mitte entzwei reißen, und wir wären endlich erlöst.

Aber nein, Nadine ließ uns im Stich. Sie zeigte die beiden Finalmänner ihrer Mutter, wie zwei Paar Schuhe, von denen man nur eines behalten will, die beide aber ganz schön aussehen und gar nicht mal so sehr drücken. Sie ließ ihre Mutter wieder einmal traurig in Stein meißeln, dass nur eine geplante Existenz mit Mann, zwei Kindern und Eigenheim eine akzeptable Zukunftsidee für die geliebte Tochter sein kann. Sie hörte zu, als Daniel ihrer Mutter bizarre Lügen - "Ich kann mit Nadine über intellektuell hochwertige Themen sprechen" - auftischte. Sie rannte nicht schreiend davon, als Daniel sagte, "die Grundbasis für Liebe" wäre bei ihnen beiden "gegeben". Und sie schritt beim wie immer schwerst deprimierenden Finale tatsächlich ganz ohne Lachkrampf in diese komische fackelbeleuchtete Kulisse, bei der man nie ganz sicher sein kann, ob die Bachelorette gleich einem heidnischen Gott geopfert werden soll oder doch nur eine Rose verteilen muss.

"Dein Ernst? Dein fucking Ernst?"

Nadine sagte mit ernstem Gesicht Dinge wie "Bei unserem Date auf dem Sissi-Schloss hat es gefunkt" und spielte die klassische "Bachelorette"-Blendstrategie mit, derzufolge sie kurz vor der Finalrose Daniel deutlich positiver beschrieb als Alex, um am Ende dann doch Letzteren zu wählen, die schöne, nuschelnde Nullstelle. Nur Trash-Noobs fallen auf so was noch rein. Und natürlich Daniel. "Dein Ernst? Dein fucking Ernst?", fragte er inmitten der Abservierung. Und wir sprachen traurig mit, nicht seinetwegen, sondern unseretwegen.

Es wird sicher ein Weilchen dauern, bis wieder eine Bachelorette kommen wird, die ihre weibchenhafte Rolle so - im Rahmen des Starrkorsetts - unweibchenhaft ausfüllen wird wie Nadine. In der Konfro-Sendung gleich im Anschluss ans Finale, bei der sie einige der im Staffelverlauf aussortierten Männer wiedersah, schien sie ihre verpasste Chance selbst realisiert zu haben. Mit traurigem Basset-Gesicht, die langen Haare wie mutlos baumelnde Schlappohren hängend, saß sie auf dem Sofa und schaute zu, wie sich die Männer doch nur untereinander zankten. Männchenkram und Rangordnungs-Quatsch, bei dem sie keine Rolle spielte, weil sie für viele Kandidaten wahrscheinlich nie eine Rolle gespielt hatte, weil es ihnen nicht darum ging, eine Frau zu gewinnen, sondern ein Dutzend Männer zu besiegen.

Einen schönen Move immerhin schenkte uns Nadine zum Abschied, als sie sich unter dem schon angesetzten Begrüßungskuss des grauenvollen Rafi einfach wegduckte.

Dann kam Alex dazu, angeblich sind beide verliebt. In einem Filmchen über ihr erstes Date ohne Kameras, irgendwann nach dem Finale in Berlin, sah man beide in Nadines Wohnung zusammen Salat essen. Ihre Liebe sah aus wie ein schlechter Werbespot für extrem dünnflüssiges, kalorienarmes Freudlos-Dressing, und das ist die gerechte Strafe dafür, dass sie uns das Herz gebrochen hat.



insgesamt 9 Beiträge
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dasfred 06.09.2018
1. Die lieben sich wirklich. Irgendwie
Vielleicht ist ihre größte Gemeinsamkeit aber auch gleiche Management. Schließlich muss so eine Liebe ja auch richtig vermarktet werden. Bei diesen Tränen, die bei dieser Entscheidung flossen, muss mehr drin sein, als eine reality Show. Ich persönlich hätte es allerdings begrüßt, wenn RTL das Konzept von Bachelorette mit dem von Adam sucht Eva zusammengelegt hätte. Dann hat der Zuschauer/Zuschauerin auch ein sicht- und messbares Kriterium für die Nacht der Rosen. Besonders Lob, dass Frau Rützel heute sogar die Frühaufsteher schon verwöhnen konnte.
von_ne 06.09.2018
2. Eine Lanze brechen für Nadine
Die Sendung kann man ja finden wie man will. Man kann sie gedankenlos anschauen, sich amüsieren, mitfiebern oder sie kritisch hinterfragen - oder, was die Autorin hier aus meiner Sicht versucht - sie sozialpsychologisch einzuordnen. Was mich bei den Medien jenseits der Klatschpresse verwundert ist die felsenfeste Sicherheit der Berichterstattung - alles ist Quatsch, Fake und pure Selbstinszenierung, verlieben in 2 Männer geht nicht, das Ausbrechen vor der Rosenvergabe würde bedeuten, dass die Bachelorette sich wirklich verliebt hat ... . Wie kommt man denn zu solchen Annahmen? Ist das logisch, dann verstehe ich es nicht. Gibt es psychosoziale Studien hierzu? Oder spiegelt die Serie eher in Zeiten von Instagram, Tinder und co. wieder, wie man sich heute verlieben kann...? Mir würde ein Artikel vom Spiegel besser gefallen, der die Serie kritisch hinterfragt und nicht genauso platt über sie urteilt, wie dieselbe zu sein scheint.
kub.os 06.09.2018
3. Prima Beitrag
An dieser Stelle können sich die gelernten Journalisten mal richtig austoben. O.K., zwar an einem Thema, wo es kaum zwei Meinungen geben dürfte. Gleichwohl, einen so pointierten Artikel hätte ich nie so hingekriegt.
Olaf 06.09.2018
4. Läuft!
Alle regen sich über dein Werk auf und reden darüber. Mehr kann man nicht erwarten, als Medienschaffender. Die nächste Folge ist uns sicher.
Hansfried 06.09.2018
5. Ihnen bricht sie vielleicht das Herz
Andere lachen über diese dumme Gans und ihre geilen Ganter, die immer so apart den Schwanz ausschütteln. Verklemmte Erotik im Zeit des neuen Viktorianismus.
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