Bambi-Gala in Düsseldorf: Der Emotionsautomat sagt Danke, Danke, Danke

Von Arno Frank

Quälende Anekdoten und missglückte Scherze: Bei der Bambi-Verleihung ging es über weite Strecken so packend zu wie auf einer Sitzung der Winzergenossenschaft Oestrich-Winkel. Erträglich wurde das Theater immer dann, wenn echte Profis am Werk waren.

Bambi-Gala: "Wow!"-Faktor bis alles weh tut Fotos
Getty Images

Es war ein Abend wie ein Nachmittag beim Friseur. Drei Stunden Wartezeit, lähmende Langeweile - und nur eine einzige bunte Illustrierte zur Hand. All die schönen Gesichter auf der Titelseite versprechen mehr, als das Heftchen halten kann. Trotzdem studieren wir bald stumpf jedes Foto und jeden verdammten Artikel, am Ende sogar noch das Impressum. So fühlte sich die Bambi-Verleihung im Fernsehen an. Für die geladenen "Menschen mit Wow-Faktor" ( Johannes B. Kerner) vor Ort muss es ungleich anstrengender gewesen sein. Am Ende schmerzten gewiss Hintern und Hände, vom dauerhaften Sitzen und Klatschen.

Das Bambi, so grazil es auch wirkt, ist schwer. Das wurde oft betont an diesem Abend, gerne ins Ohr sehr junger oder sehr alter Preisträgerinnen geflüstert: "Vorsicht! Is' wirklich schwer!" Anhören durfte sich das auch Joachim "Blacky" Fuchsberger, dem die verdächtig final klingende Auszeichnung für sein "Lebenswerk" verliehen wurde. Der Mann hält das aus, er war der deutsche Cary Grant, sieht im Alter immer mehr aus wie Peter O'Toole und nimmt seit bald 20 Jahren nur noch Auszeichnungen für sein Lebenswerk entgegen. In seiner Rede erinnerte Fuchsberger launig an eine Bambi-Verleihung vor Äonen, als Konrad Adenauer noch Kanzler war und " Hubert Burda 15 Jahre alt", Zuckerwatte schleckend, damals wahrscheinlich noch in Schwarzweiß. Er erwähnte seine "enge Verbundenheit mit der Familie Burda" und pries treuherzig "die Expansionsfreude des Hauses Burda".

Burda, Burda, Burda. Auf Türkisch heißt das übrigens "hier", wie uns der Schauspieler Adnan Maral informierte, der einen Preis für die Kinokomödie "Türkisch für Anfänger" entgegennahm und sich ansonsten erfreulich kurz fasste: "Bambi! Hammer! Süper!" Ein weiteres Highlight: Salma Hayek in ihrer Rolle als Ehrengast aus Hollywood, den man dem Publikum schuldig ist. Sie schloss ihre kurze Dankesrede mit den markigen Worten: "Es lebe das heilige Deutschland!" Kleiner Scherz, nein, zu einem Tom-Cruise-Eklat kam es diesmal natürlich nicht. Hayek sagte nur brav: "Vielen Dank, Deutschland", und dass die Veranstaltung ihr "Herz erfüllt" habe. Nachdem sie wieder Platz genommen hatte, ließ sie sich, offenbar erhitzt, von Maria Furtwängler die Temperatur nehmen. Die Gattin von Hubert Burda strich Hayek zu diesem Zweck mit dem Handrücken zart über die Wange. Ein intimer, ergreifender Moment.

Wie auch der Auftritt von Stratosphären-Felix Baumgartner, der hier die Ernte seines PR-Gags für einen Aufputschbrausenhersteller einfuhr, dem "wirklich besten Partner, den man sich für so ein Unternehmen vorstellen kann". Ausgezeichnet wurde der Extremsportler und "Held des Jahrtausends" folgerichtig mit dem Millenium-Bambi.

Quälende Anekdoten und missglückte Scherze

Wahrlich, es überwog bei allem Klimbim das Deklamatorische, Mäandernde, Einschläfernde. Fortwährend wurden pathetische Einspielfilmchen gezeigt und Reden geschwungen, in denen noch mal erzählt wurde, was in den Einspielfilmchen zu sehen war. Quälende Anekdoten, missglückte Scherze, reinherzige Appelle, würdige Nekrologe, das übliche Gestammel, kurz, es ging über weite Strecken so packend zu wie, beispielsweise, auf einer feierlichen Sitzung der Winzergenossenschaft Oestrich-Winkel.

Entsprechend zeitgemäß geriet auch die musikalische Unterhaltung. Bambi-Jurymitglied Peter Maffay gab eine seiner tief empfundenen Ertüchtigungsballaden zum Besten, während ihm auf der Bühne ein Kleinwüchsiger in einem Drachenkostüm hinterher watschelte, bevor zum E-Gitarrensolo auch noch eine Balletttänzerin hereingewirbelt kam - ein verstörender Anblick für jeden, der nicht in die Mysterien von "Tabaluga" eingeweiht ist. Ähnliches gilt für die Diskografie der Céline Dion. Las Vegas, wo der frankokanadische Emotionsautomat seit Jahren auftritt, ist laut Maffay "der Olymp des Showbusiness", also keineswegs seine Abstellkammer. Dort biete die Diva "Live-Entertainment auf absolutem Spitzen-Niveau".

Nach Überreichung des Preises vollbrachte die Diva dann tatsächlich das Wunder, Jacques Brels eigentlich unzerstörbare Ballade "Ne me quitte pas" durch pure Einfühlungsverweigerung kaltblütig hinzurichten. Beste Voraussetzungen für einen gewissen Andreas Gabalier, der mit seinem Schlagerstampfer "I süng a Liad für di" den jüngsten habsburgerischen Beitrag zur Popgeschichte beisteuerte. Leider bieder auch das Angebot für die Jugend. One Direction erinnerten daran, dass es das Prinzip "Boygroup" wohl so lange geben wird, wie es das Prinzip "kreischende Mädchen" gibt.

Ganz wichtig, große Gefühle. Zu diesem Zweck wurde Kurt Felix' lautere Dankesrede von vergangenem Jahr wiederholt, weil deren emotionale Wucht durch seinen Tod noch größer geworden ist. Irgendwann walkürte "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel in einem ölteppichfarbenen Monstrum von Kleid auf die Bühne, um allen Ernstes über das Elend zu sprechen. Über Hartz IV. Über Hunger. Über verwahrloste Jugendliche. Über irgendeine Bambi-Stiftung, die sich "speziell um Kinder in Deutschland kümmert", denn: "Armut hat viele Gesichter". Immer, wenn es etwas rührselig wurde, also praktisch immer, muss die Regie unter den Geladenen fieberhaft nach Gesichtern gesucht haben, in deren Augen es "verdächtig" genug glitzerte, dass man es mit gutem Willen für Tränen halten konnte. Immer feste druff. Bezeichnend auch die verstohlenen Schnitte auf die Gesichter der Unterlegenen, wenn die Gewinner verkündet werden.

Eisbären bei der Paarung

Erträglich und ansatzweise sogar unterhaltsam wurde das Theater immer dann, wenn echte Profis am Werk waren. Preisträger Ulrich Tukur etwa hat aus seiner Rolle als "Rommel" die Anständigkeit mitgenommen, sich unter Vermeidung des Wortes "Burda" nur lapidar bei "der Jury und, äh, unseren Gastgebern" zu bedanken. Für Heiterkeit wiederum sorgte Andreas Kieling. Der Tierfilmer trat als Laudator in der Kategorie "Unsere Erde" auf und erzählte Schlüpfriges aus der Arktis: "Ich war der erste Kameramann auf der Erde, der Eisbären bei der Paarung gefilmt hat." Bei der Paarung! Im Schneesturm! Auf der Erde!

So hangelte sich die Sendung von Superlativ zu Superlativ, von Schauspielern zu Olympiasiegern, bis die Bühne endlich für die wahre Hauptfigur des Abends geräumt wurde - für Hubert Burda, den Citizen Kane der deutschen Medienlandschaft. Ein Mogul so mächtig, dass er mit der Freigiebigkeit des Feudalfürsten jährlich eine große Party für sich und alle seine Freunde schmeißt - und auch das Fernsehvolk teilhaben lässt. Mehr noch, er bringt seine Gunst unter die Leute und sein Gold, gegossen in drollige Statuetten. Es handelt sich sozusagen um eine horizontale Ausgießung von Glück. Eine gnadenreiche Umverteilung von oben, wo es genug von diesem Gold gibt, nach unten. Das ist der konservative Kern der Veranstaltung, nichts Geringeres als die Heilung der Welt mit den Tugenden von "Bunte", "Freizeit Revue", "Super Illu", "Instyle", Peter Maffay, kurzum: Burda.

Daran muss nichts Schlechtes sein. Des Stifters Auftritt erfolgt denn auch, beflissen anmoderiert von Tom Buhrow, standesgemäß durch den Show-Haupteingang. Seine Rede nutzt Burda zu einem, wie er sagen würde, "flammenden Plädoyer" gegen Rassismus und für Toleranz. Scham. Bessere Zukunft. Zivilcourage. Kinder und Kindeskinder. Solche Sachen, weshalb es ihm eine Ehre und eine besondere Freude sei, den Bambi für "Integration" persönlich Daniel Alter zu übergeben: "Sie sehen, wie die Menschen bewegt sind!", sagt Burda als ehrlicher Makler der öffentlichen Meinung zu dem Rabbiner aus Berlin: "Wieviel Sympathie sie haben!"

Alter wurde im Sommer zum Opfer rassistischer Gewalt, kämpft seitdem für mehr Toleranz und nutzte die Gelegenheit, in salbungsvoll-mahnenden Worten Gott und der Welt sowie Adam und Eva zu danken. Ferner dankte er Hölzchen und insbesondere Stöckchen, dankte sich gnadenlos durch die Weltgeschichte, sich dabei selbst wiederholend und paraphrasierend, ohne vom Mikro zu weichen, immer wieder erneut ansetzend, bis seine Rede gefährlich in die Nähe der Stand-up-Comedy geriet, und als er sich endlich leergedankt zu haben schien, hub er tatsächlich erneut an: "Alles, was mir jetzt noch bleibt, ist zu schließen mit den Worten, die mir ein Moslem per E-Mail geschrieben hat: Möge Gott aus uns allen bessere Menschen machen! Shalom! Ich danke Ihnen! Salam aleikum! Ich danke Ihnen, Herr Burda, danke, danke!"

Ganz anders die als "Stille Heldin" und Ersatz-Mutter-Teresa geehrte katholische Ordensschwester Dr. Ruth Pfau, die sich in Pakistan stellvertretend für uns alle um Aussätzige kümmert. In ihrer sympathisch entrückten Rede wies die Dame die versammelten Menschen mit Wow-Faktor darauf hin, "dass Ihre Welt nicht meine Welt ist". Und: "Es ist sicher nicht ohne Risiko, diese Veranstaltung zu öffnen zur Not der Welt."

Wenn sie sich da nicht irrt. Tatsächlich ist wohl eher so, dass es sogar der inneren Logik dieser Veranstaltung entspricht, sich mit der Not der Welt und dem Wissen zu schmücken, "etwas" gegen diese Not getan zu haben, was auch immer. Damit der eigene nutzlose Narzissmus wieder so erträglich wird, dass er sich weiter passablen Gewissens genießen lässt. So lebt es, das heilige Deutschland.

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insgesamt 114 Beiträge
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    Seite 1    
1. Selber Schuld!
funkelchen 23.11.2012
Selber schuld, wer seine kostbare Zeit mit derartiger Langeweile ausfüllen muß! Ich zum Glück nicht! Bambi bekommt doch sowieso nur, wer grade Zeit hat... Ich habe noch nie einen Preisverleihung im Fernsehen gesehen, die nicht langweilig und überflüssig war. Hollywood, Millenium, Lebenswerk, Erde - sinnloser Preis, sinnlose Werbeveranstaltung für Burda! Am dämlichsten sind die Danke,danke,danke-Reden der Geehrten. Millionen Menschen machen ein Leben lang Ihre Aufgaben perfekt für Familie und Gesellschaft. Denen gilt meine Anerkennung! Den Preis für Ihr Lebenswerk bekommt meine 88-jährige Oma, ohne nerviges Danke,danke,danke!
2. optional
as86 23.11.2012
auch wenn es bei SPON üblich ist alles in den Dreck zu ziehen, ist der Artikel sehr lustig :)
3. Großartiger...
dschiseskreist 23.11.2012
Artikel! Danke dafür! Besonders erwähnenswert ist die Tatsache das trotz der komplexen Syntax zumindest kein offensichtlich himmelschreiender Rechtschreibfehler vorhanden ist. Davon sollten sich andere SPON-Autoren mal eine Scheibe abschneiden. Das einzige was ich von der Verleihung mitbekommen habe war die "Laudatio" von Herrn Kieling auf....ja auf wen eigentlich? Hab ich nicht mitbekommen.....ging irgendwie unter in seiner zähen Selbstbeweihräucherung. Ein bisschen Bescheidenheit stünde diesem Herren gut zu Gesicht. Wie man in einer Laudatio für jemanden fast ausschließlich von sich selbst und seinen unglaublichen Leistungen (siehe oben) erzählen kann finde ich fragwürdig und irgendwie ekelhaft.
4. Fehlermeldung
m.breitkopf 23.11.2012
Huch, der Autor hat ganz vergessen zu schreiben: "Die deutschen B-Promis durften sich wiedermal im Glanz der Hollywood-Stars sonnen." Dieser Textbaustein kommt bei solchen Gelegenheiten sonst immer.
5. Nimmt...
fatherted98 23.11.2012
...diesen Blödsinn eigentlich noch irgendjemand anderes wahr als diejenigen die sich da selber feiern?
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